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Die Welt · 1909-09-10 · 37 (10.9.1909) · page 10

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Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
37 (10.9.1909)
Date
1909-09-10
Page
– (sequence 10)
Language
German
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nationalen für ihn stimmen werden. Denn Dr. Lieb er mann —, obwohl Angehöriger einer Partei, die in der Judenfrage trotz aller offiziellen Kundgebungen an den altliberalen und schlachzizischen Assimilationsgrundsätzen festhält, — hat sich im Kampf gegen den jüdischen Nationalgedanken bis nun nicht exponiert. Er bekämpfte zwar vor Jahren recht ruppig die separatistischen Dissidenten, scheint sich inzwischen aber gemausert zu haben. Im Parlament spricht er rückhaltslos von einem jüdischen Volkstum und enthält sich jeder Gehässigkeit gegen den Zionismus und Poalezionismus. Kurzum, Dr. Lieb er mann ist eine sympathische Persönlichkeit. Nur läßt sich bei einem Jünger der P. P. S. kaum feststellen, wo die Taktik aufhört und die Uberzeugung beginnt. Wie dem auch sei, wenn es der vereinigten Opposition gelingen sollte, Abg. Dr. Liebermann in den galizischen Landtag hineinzuwählen, der Gedanke des gleichen Rechtes würde einem temperamentvollen Vertreter in der galizischen Landesstube erhalten. Daß ein Mann von den Fähigkeiten Dr. Liebermanns darauf Gewicht legen wird, in der Behandlung der Judenfrage sich von den Polenklubsjuden kraß zu unterscheiden, ist gleichfalls nicht zu bezweifeln. Die galizische Judenenquete Der galizische Landesausschuß betraute den Abgeordneten Dr. Löwenstein mit der Durchführung der Regiearbeiten, die ihm bei der Veranstaltung der Enquete erforderlich erscheinen. Abg. Dr. Löwenstein waltet nun seines Amtes und versendet die Einladungen zur Enquete. Wie ungeschickt sich dabei der Regisseur des Polenklubs für jüdische Angelegenheiten benimmt, beweisen die „Mißgriffe" bei der Feststellung der Zusammensetzung der Lemberger Tagung. So protestierte dieser Tage ein jüdischer kaufmännischer Verein in Lemberg, der aus Anhängern Dr. Löwensteins besteht, gegen dessen seltsames Einladungssystem. Während alle assimilatorischen Lesehallen, die sogenannten Goldmanö wkas, bei der Enquete vertreten sein werden, hat man die Organisationen der jüdischen Kaufmannschaft übersehen. Daß die jüdischen Handelsangestellten und Arbeitervereine der Ehre teilhaftig werden könnten, zur Enquete „geladen" zu werden, wäre eine unbegründete Zumutung. Wer wird also in Lemberg über den Notstand der jüdischen Massen dozieren? Aus der poale-zionistischen Bewegung Das Wiener Bureau des Allweltlichen jüdischen sozialistischen Arbeiterverbändes Poale Zion gibt bekannt, daß der neugegründete Palästina-Arbeiterfonds mit seiner Tätigkeit begonnen hat. Die Verwaltung des Pal.-Arb.-Fonds gibt Marken in drei Farben (rot, violett und braun) im Werte von 2 Kopeken, 1 Cent, 5 Centimes, V* Penny, 4 Heller usw. heraus. Der Zweck des Fonds ist, wie wir bereits mitgeteilt haben, die Unterstützung der wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Organisationen der jüdischen Arbeiter in Palästina und der Türkei sowie die Erhaltung eines Palästina- Arbeiteramtes, dem die Leitung der Information und die Überwachung aller organisatorischen Arbeiten obliegen wird. Im August d. J. fand in Lemberg eine Konferenz der „Organisation der jüdischen sozialistischen Jugend Poale-Zion" statt. Die Konferenz faßte den Beschluß, m im Oktober d. J. eine poale-zionistische Halbmonatsschrift in polnischer Sprache „Nasze Hasla" (Unsere Losungen) herauszugeben. Die Redaktion der neuen Zeitschrift wurde dem Exekutivmitglied der Jüd. soz. Arb.-Partei Poale Zion, Herrn Dr. Max Rosenfeld, übertragen. Das Blatt wird in Lern berg erscheinen. Sonntag den 5. September wird in Tarnopol eine Konferenz der poale-zionistischen Organisationen des Tarnopoler Kreises abgehalten werden. Russisches und galizisches Judentum Die Redaktion des „Jüdischen Arbeiters" wird in den letzten Wochen mit Briefen bestürmt, die eine recht heikle Angelegenheit behandeln, — das Problem der Beziehungen zwischen galizischen und russischen Juden. Gibt es denn ein solches Problem? Herr AnselmKleinmann (Kolomea) behauptet, daß der latente Gegensatz zwischen galizischen Juden und „Litwacks" kein bloßes Gerede ist. Und zwar war es Herr Klein mann selbst, der die Diskussion über das merkwürdige Thema veranlaßt hat. Der Verlag „Bildung" in Stanislau gedenkt ein Jahrbuch herauszugeben. Die Redaktion desselben wurde dem bekannten Publizisten Leon Schußheim anvertraut, der eine Reihe hervorragender jüdischer Schriftsteller Rußlands zur Mitarbeiterschaft einlud. Nun erhob Herr Kleinmann in einem offenen Schreiben an Schußheim Klage gegen die Bevorzugung russisch-jüdischer Autoren in einem in Galizien und für galizische Juden erscheinenden Sammelwerk, während die jungen jüdischen Talente Galiziens von der jüdischen Presse Rußlands boykottiert werden. Schußheim wies diesen Angriff zurück, und der „Jüdische Arbeiter" selbst lehnte den galizischen Patriotismus und die Übertragung des Begriffes der „Vaterländischen Industrie" ins Literarische entschieden ab. Nun fragt es sich, ob Herr Kleinmann ganz vereinzelt steht. Denn kein anderer als Leon Schußheim selbst behauptete vor mehreren Wochen im „Jüdischen Arbeiter", daß die jüdische Presse Rußlands alles von oben herab behandelt, was aus Galizien kommt. Und für das Jahrbuch des Verlags „Bildung" wurde lange vorher auch ein Aufsatz über die galizisch-russischen Beziehungen in Aussicht genommen. Es wird Sache der jüdischen Presse Rußlands sein, auf die gegen sie erhobenen Beschuldigungen zu reagieren. Uns wiil es# scheinen, daß die ganze Diskussion ein Literaturgezänk ist. Von einer galizisch-russischen Spannung kann keine Rede sein. Die Animosität der Juden Galiziens gegen „Litwaks", die Verstimmung gegen russische Juden gehören in das Reich der Märchen. Russische Juden, die sich in Galizien niederlassen oder an dem geistigen und, gesellschaftlichen Leben der Juden Galiziens Anteil nehmen, werden gastlich und brüderlich empfangen. Russische Juden beteiligen sich eifrig an den Arbeiten der Zionisten, der Poale-Zion, der Separatisten Galiziens, nehmen häufig einen bedeutenden Einfluß auf die Entwicklung der erwähnten Organisationen, ohne den leisesten Widerspruch hervorzurufen. Die meisten jüdischen Parteiorgane Galiziens („Tagblatt", „Jüdischer Arbeiter", „Sozialdemokrat") wurden lange Zeit hindurch von jüdischen Schriftstellern aus Rußland geleitet, ohne auf den geringsten Widerstand zu stoßen. Es kann vorbehaltlos behauptet werden, daß die galizischen Juden für die Judenheit Rußlands die brüderlichsten Gefühle hegen. Wir sind überzeugt, daß es auch umgekehrt der Fall ist. In Rußland zählte man stets die Judenschaft Galiziens zu den polnischen Juden schlechthin, und von einem Gegensatz zwischen den Juden Polens und denen des Ansiedlungsrayons kann ja ernstlich keine Rede sein. Rußland (Von unserm Berichterstatter.) „Rossija" und die Judenfrage Das Regierungsorgan „Rossija" beschäftigt sich gegenwärtig mit der Judenfrage. Vor allem leugnet „Rossija" die in den russischen Zeitungen veröffentlichte Nachricht ab, daß der Premierminister Stolypin eine jüdische Deputation empfangen und ihr irgendein Versprechen gegeben hat. Bei dieser Gelegenheit drückt „Rossija" ihren Protest gegen die liberalen Organe aus, die unter den Juden solche Nachrichten verbreiten und in ihnen unmotivierte Hoffnungen erwecken. „Rossija" meint, daß man auf solche Weise der Judenfrage nicht nur nicht helfen, sondern daß man ihr damit nur Schaden zufügen kann. Denn einerseits betöre man die jüdischen Massen mit fiktivem Versprechen und anderseits verschafften diese Gerüchte der extremen Linken eine Waffe gegen die Regierung, die man stets wegen ihrer „jüdisch-freimaurerischen" Sympathien angreife. „Wir verstehen sehr gut", schreibt „Rossija", „daß die Presse der Kadetten, die den Juden so viel zu verdanken hat, deren Glauben an die Treue dieser Partei der Idee der Judenberechtigung gegenüber stets unterstützen muß, doch vermögen die Nachrichten der liberalen Presse wie auch die Angriffe der Rechten keineswegs die Judenfrage zu lösen. Es ist eine sehr ernste Frage, und bevor sie gelöst zu haben, muß man die Gegenwart sowohl wie die geschichtliche Entwicklung Rußlands berücksichtigen. Binnen kurzem sollen große Agrarreformen in Rußland erfolgen. Und ihr Ziel ist, den Bauern eine billige Exploitation ihrer Grundstücke zu ermöglichen. In solchen Zeiten, schreibt weiter „Rossija", ist es geradezu unabwendbar, alle Kapitalisten, Vermittler und Makler zu entwaffnen. „Rossija" meint damit ganz offenherzig die Juden, die nur den Preis des Bodens zu erhöhen suchten. „Es ist wahr, schreibt „Rossija", daß die gesetzliche Lage der Juden unsicher ist und von Hundert alten Zirkularen bestimmt wird, aber um das alles durchzusehen und zu reformieren, bedarf man viel Zeit und einer Ordnung des Staates nach schweren Krisen, an denen sich die Juden leider beteiligt hatten. Selbstverständlich hängt jetzt ein friedliches Zusammenleben der Juden mit der Stammbevölkerung gänzlich von ihnen ab. Um Bürgerrechte zu erhalten, muß sich der Jude russifizieren. Der Schwerpunkt der Judenfrage liegt nicht in Theorien, sondern in den moralischen Eigentümlichkeiten des Judentums und im Verhältnis der Russen zu den Juden. Die Rolle, die die Juden im Freiheitskampfe gespielt haben, hat ihre Lage in Rußland sichtlich verschlimmert, und nur eine

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