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Die Welt · 1909-09-03 · 36 (3.9.1909) · page 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
36 (3.9.1909)
Date
1909-09-03
Page
– (sequence 10)
Language
German
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der Regelungsaktion in Österreich. Die erwähnten Vorschläge würden natürlich auch dem Weltkongreß unterbreitet werden. Die Tagesordnung des Emigrationskongresses ist noch nicht festgestellt Behandlung jüdischer Reservisten Ein jüdischer Handelsangestellter, der zu einer Waffenübung einberufen wurde, richtet an die Wiener „Sonn- und Montagszeitung" eine Zuschrift, in der er über seine Erlebnisse wie folgt berichtet: Bei meiner jüngsten dreizehntägigen Waffeniibung hatte ich das besondere Glück, statt ins Manöver zu gehen, auf Veranlassung des Herrn Major v. Berg als Schreiber im k. und k. Ergänzungsbezirkskommando Nr. 4 verwendet zu werden. Am Einrückungstage, beim Befehl, sagte uns Herr Hauptmann Pfeffer, Kommandant des Cadres, daß wir in Zivil ausgehen könnten und die Monturen für die Kanzlei genügten. Am zehnten Tage meiner Waffenübung hielt der Oberleutnant Br..... als zugeteilter Subulternoffizier Befehl und beanständete meine Montur. Am nächsten Tage tauschte ich meine Hose, Bluse und Kappe aus, um ja keinen Anstoß zu erregen. Auch fanden sämtliche Chargen, daß ich heute gewiß keinen Anstoß erregen werde, überdies wunderten sie sich, daß man mit einem Reservisten, der noch zwei Tage hat, so viel Geschichten macht. An diesem vorletzten Tage spielte sich nun folgender Vorfall ab. Oberleutnant Br.....hielt Befehl und rief vor der ganzen Mannschaft: „Der Jud, den ich gestern beanstandete, soll vortreten." Als ich mich nun noch nicht vorn Platze rührte, da ich doch einen Namen habe, schrie der Oberleutnant dem Zugführer zu: „Sagen Sie doch, der Jud soll vortreten." Als ich auf Befehl des Zugführers vortrat, packte mich der Oberleutnant an der Brust, zerrte mich ans Licht und schrie: „Sie sind doch a Jud, man sieht es Ihnen auch an. Sie dreckiger, jüdischer Rekrut!" Wenn man im Laufe einer dreizehntägigen Waffenübung die österreichische Offizierskultur in dieser Weise zu spüren bekommt, dann kann man sich die Qualen der jüdischen Rekruien denken, die veiurteilt sind, drei Jahre hindurch derartige Schmach und Erniedrigung zu erdulden. Man stelle sich vor, was sich Unteroffiziere, Feldwebel und ähnliche kulturerfüllte Soldatenlackel, die solches glorreiche Beispiel vor Augen haben, ihren jüdischen „Kameraden" gegenüber erlauben. Kein Wunder, daß die Zahl der Selbstmorde unter den jüdischen Soldaten in der österreichischen Armee erschreckend -zunimmt. Rußland (Von unserm Berichterstatter.) Die antijüdische Stimmung in Warschau Während des Aufenthalts der Tschechen in Warschau, der die Form eines Nationalfestes angenommen hat. berührte eine der jüdischen Zeitungen auf eine geradezu taktlose Weise diese Angelegenheit, die einen Mangel an politischem Verstand und volle Unkenntnis der lokalen Verhältnisse verriet. Dieser nun ganz zufällige und geringe Fall, veranlagte die polnische Zeitung „Dzien" zu einer energischen und brutalen Kampagne gegen die fremden Elemente aus "Rußland, die sog. „Litwaki** (russische Juden). Täglich veröffentlicht diese Zeitung antisemitische Artikel, die das polnische Volk zum Selbstschutz gegen die russischen Juden auffordert und sich bemüht, den Antagonismus zwischen den polnischen und den litauischen Juden hervorzurufen. Au? unzweideutige Weise gibt „Dzien" zu verstehen, daß die russischen Juden in Polen der Vorposten der russischen Regierung sind, die das Land ossifizieren, und als solche solle man sie seitens der Polen und polnischen Juden boykottieren. Glücklicherweise aber haben die Insinuationen des „Dzien" kein Echo im Publikum und in der Presse gefunden. Die polnische Presse tritt energisch gegen diese ehrlose Kampagne auf und beweist damit die hohe soziale Kultur des Königreichs Polen. Der Philosemitismus bei Stolypin Wie wir schon berichteten, haben die Petersburger und Odessaer „Schwarzen Hundert" eine Klage an den Senat gerichtet, indem sie den Premierminister Stolypin wegen seines liberalen Zirkulars, gelegentlich der Ausweisung der Juden, beschuldigen. Am 28. September soll der Senat diese Frage behandeln. Wie die Zeitungen melden, hat unlängst eine private Konferenz der Senatoren, die im Zusammenhang zu diesem Prozeß steht, stattgefunden, und es wurde beschlossen, diese Frage gegenwärtig nicht zu erledigen. Dieselbe Frage wurde auf der Konferenz des Gerechtigkeitsministeriums besprochen, wobei man folgende Resolutionen faßte: 1. Mit der Veröffentlichung des Zirkulars hat der Minister die Grenzen seiner Kompetenz nicht überschritten. 2. Das Zirkular hat die bestehenden Grenzen des jüdischen Siedlungsrayons nicht verändert. 3. Das Zirkular wurde durch die Notwendigkeit der Erhaltung einer Staatsordnung hervorgerufen. 4. Das Zirkular wird niemandem irgendwelchen Schaden zufügen. Die Emigration nach Palästina Aus Slonim schreibt man an den „Frajnd": Einige hiesige Bürger faßten den Beschluß, eine Kolonie in Palästina zü gründen. Sie bilden eine Gruppe, der nur jene angehören können, die nicht weniger als 2500 Rubel und außerdem die entsprechende physische Qualifikation besitzen. In kurzer Zeit soll ein Vertrauensmann nach Palästina reisen, um Boden zwecks Ankaufs auszusuchen. Es sollen insgesamt 50 Personen der Gruppe angehören, 26 sind bereits beigetreten. Die Wahlen in Odessa und Petersburg Die größten Chancen für die Wahl des Dumadeputierten in Odessa hat, wie bereits gemeldet, ein Jude, der Rechtsanwalt Brodski. Alle Bemühungen des „Schwarzen Hundert", die Wahlordnung abzuändern, blieben erfolglos. In Petersburg hat die Kandidatur des Rechtsanwalts Gruzenberg sehr geringe Chancen; der gewesene Minister Kutler oder Professor Maksim Kowalewski dürften gewählt werden, interessant ist bei diesen Wahlen die Taktik der Kadetten. In Odessa unterstützen sie einen Juden, während sie in Petersburg prinzipiell gegen eine jüdische Kandidatur sind. Ein territorialistischer Standpunkt! Frugs Krankheit Der bekannte russisch-jüdische Schriftsteller S. Frug ist schwer erkrankt. Am Anfang des Sommers begab er sich nach der Krim, aber hier trat eine Verschlimmerung seines Leidens ein. Gegenwärtig befindet sich Frug in einer Klinik in Odessa. Wie die jüdischen Japankrieger behandelt werden Daß das Unterrichtsministerium nach und nach mit fanatischer Wut die Juden von jeglicher Bildungsmöglichkeit ausschaltet und dabei jetzt rigoroser als in den schlimmsten Reaktionszeiten Alexanders III. verfährt, hat man in den letzten Wochen fortgesetzt erfahren müssen. Soeben hat es sich jedoch zu einer Maßnahme aufgeschwungen, die ob ihrer Kleinlichkeit besonders charakteristisch ist. Als im russisch-japanischen Kriege auch etwa 60000 jüdische Soldaten unter den russischen Fahnen standen und alle Bitternisse des außerordentlich harten Feldzuges kosteten, da traf die Regierung aus einem gewissen Schamgefühl heraus durch Allerhöchsten Befehl vom 20. August 1905 die Verordnung, daß die Kinder der jüdischen Krieger unabhängig von der bestehenden Prozentnorm in die nöhern Schulen aufzunehmen seien. Augenblicklich gibt nun der Unterrichtsminister -bekannt, daß diese Verordnung nur für die Zeit des Krieges Geltung gehabt habe, jetzt aber nicht mehr anzuwenden sei. Mag dieser Kommentar auch noch so absurd sein .und noch so sehr dem Wortlaut des kaiserlichen Befehls zuwiderlaufen, was macht es für den fanatischen Reaktionsminister, wenn nur der Zweck der Judenbedrückung erreicht ist?! Amerika «Von unserm Berichterstatter) Verein „Achiewer" in New York iS. B.) New York, 18. Aug. In den letzten Wochen ist hier für die Neubelebung der hebräischen Sprache. sehr viel getan worden. Herr M. Goldmann, Redakteur der hebr. Tageszeitung „Hajom" machte den Anfang; ihm folgten viele andere mit Gründungen von hebräischen Jugendvereinen und schließlich der Verein „Achiewer", der ganz besondere Beachtung verdient. Dieser Verein hat sich erst vor einigen Tagen konstituiert und trotzdem schon in allen zionistischen Kreisen reges Interesse wachgerufen. Der Verein „Achiewer" unterscheidet sich von den schon lange bestehenden hebräischen Vereinen wie z. B. „Mafize Sfath Ewer" dadurch, daß er nicht bloß Kenner der hebräischen Sprache, sondern auch solche und hauptsächlich solche aufnimmt, die für die hebräische Sprache als nationale Sprache ihr Interesse bekunden und dieselbe zu erlernen gedenken. Es sind Vorträge in Aussicht gestellt, die dem Publikum die Bedeutung der hebräischen Sprache als Nationalsprache beibringen und in Hebräisch, Yiddisch oder irgendeiner dem Volke zugänglichen Sprache abgehalten werden sollen. Großes Gewicht legt der Verein darauf, seine Mitglieder mit den hebräischen

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