Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 36 (3.9.1909)
- Date
- 1909-09-03
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nach unserer Oberzeugung hat kein Mensch das Recht, die Juden an dem Versuch des Wiederaufbaus ihres Volkstums auf dem Boden, auf den sie unleugbare historische Rechte haben, zu hindern. Obwohl auf den Umfang der geschichtlichen Realität eingeschränkt, ist die Zivilisation, die vom jüdischen Volke ausging, noch groß genug, als daß nicht ihre Erben auf die Neutralität, wenn nicht auf die Sympathie der christlichen Völker zählen dürften. Die Leiden, die die vergangenen Jahrhunderte diesem Volke auferlegt und zum Teile auch das unsrige noch leider — der Kischinewprozeß beweist das — auferlegen, diese Leiden, an denen gemessen die angebliche kapitalistische Ausbeuterei der Juden nichts bedeutet, diese Leiden sollten vielmehr die abendländische Zivilisation dazu verpflichten, den Juden bei Wiederherstellung eines Vaterlandes Beihilfe zu leisten. Im übrigen, gleichviel was die Interessierten darüber auch sagen mögen, Palästina ist geräumig und schlecht genug kultiviert, um neue Kolonisten aufnehmen zu können. Die jüdischen Kolonien in Palästina sind das Glück des Landes, das sie wertvoll machen und in das sie die abendländische Wohlhabenheit bringen." Diese Ausführungen sind von doppelter Bedeutung, einmal durch die Anerkennung, die die „Turquie Nouvelle" ihr zollt, und vor allem durch die Auffassung des Zionismus seitens maßgebender jungägyptischer Kreise, der eine Hetze durch die rein reaktionäre türkische und arabische Presse gegenübersteht, wie sie in Paris der berüchtigte, aus der Türkei verbannte „Serbesti" und in Ägypten die Blätter lzzet Paschas vertreten. Die Juden auf Kreta Auf der Insel Kreta leben da und dort verstreut, einige jüdische Familien. In Kanea existiert eine Gemeinde von etwa 150 Familien, in Kandia eine Zweiggemeinde von 12 bis 15. Alle kretischen Juden sprechen Griechisch und leben in besten Beziehungen zu ihren christlichen und mohammedanischen Landsleuten. Die Gemeinde von Kanea hat zwei Synagogen und eine Schule. Die Kosten der Gemeindebedürfnisse werden von den Reichen gedeckt. Das Familienleben der Kretenser Juden soll musterhaft sein; in der Gemeinde sind Zwiste selten. (L'Aurore.) Aus dem jüdischen Schulwesen Der Großrabbiner hat sich an die Regierung gewandt mit dem Ersuchen, die bedürftigen jüdischen Schulen des Staates zu subventionieren. Das zuständige Ministerium hat seiner Bereitwilligkeit Ausdruck gegeben. Eine Delegation aus Silivria hat sich nach Konstantinopel begeben, um die Intervention des Rabbi Nahum bei der Alliance für eine Unterstützung der Schule der Gemeinde anzurufen. In Demotica wird die jüdische Schule wieder aufgebaut werden. In der Gemeinde sind 10 000 Frs. hierfür gesammelt worden. In Aidin sind zwei neue jüdische Schulen gegründet worden. Neue jüdische Blätter Die Zeitungen schießen wie Pilze aus dem Boden, ein Zeichen, daß das Kulturleben und -bedürfnis der ottotnanischen Juden erwacht. Außerdem Konstantinopeler. „El Judeo" ist letzthin in Salonik „El nuevo Avenir" von unserm Gesinnungsgenossen Florentin, dem Herausgeber des „Avenir", ferner „El Puerlo" ans Licht getreten. In Widdin endlich ist die „Renasensia", politischliterarische Revue, redigiert vonM. A. Ben Elijahn, herausgekommen. Für die Nationalsprache Die Regenerationsbewegung unter unsern orientalischen Brüdern ist in unbestreitbarem Fortschritt begriffen. Die Saloniker „Nation" tritt für eine eigene jüdische Politik ein, der „Avenir" plädiert für Erweckung der neuen Generation und Vorbereitung in jüdischem und ottomanischem Sinne m für die Aufgaben der neuen Zeit, insbesondere durch radikale Änderung des Programms in den Schulen der Allianz. „El Puerlo", immer wieder ein Organ Salonikis, widmet einen gründlichen Artikel der Notwendigkeit der Verbreitung der hebräischen Sprache. „Wir Juden," schreibt er, „sind ein stummes Volk. Finden wir uns zusammen, so wissen wir nicht, wie wir uns verständigen sollen; die einen reden Spaniolisch, die andern Deutsch, die dritten Polnisch usf. Es ist Zeit, daß wir endlich an unsere Sprache denken. Wir verlangen nicht, daß unsere Stammesgenossen ihre verschiedenen Dialekte aufgeben sollen, um eine einzige Sprache dafür anzunehmen. Was wir vorschlagen, und was jeder gute Jude mit uns verlangt, das ist: den Unterricht der hebräischen Sprache unter uns zu verbreiten, damit wir ohne Übersetzer und Interpreten einander verstehen können. Für die Zukunft muß unsere Richtlinie die folgende werden: das Französische, Türkische, Italienische ist zu erlernen . . ., aber vor allem müssen wir das Hebräische erlernen, die Sprache unserer Väter, die Sprache unserer Schriften, die Sprache, die es uns gestatten wird, uns mit unsern Brüdern aus den andern Ländern zu verständigen, und uns gleichzeitig als Juden erkennbar zu machen." ooooooooo;S^= NACHRICHTEN 'TSl'SZ OOOOOOOOO Österreich (Von unserm Berichterstatter) Jüdischer Emigrationskongreß in Wien Inder jüdischen Presse Rußlands wird in der letzten Zeit die Veranstaltung eines Weltkongresses aller jüdischen Organisationen zur Regelung der Emigration eifrig erörtert. Der Gedanke wurde bekanntlich zuerst in Amerika angeregt. Wie wir erfahren, kam es im Laufe des letzten Jahres zu einem lebhaften Meinungsaustausch zwischen den Emigrationsgesellschaften und Auswanderungskomitees in New York, London, Paris, Berlin, Petersburg und Wien. Die Zweckmäßigkeit eines jüdischen,Emigrationskongresses wurde allseitig zugegeben, und, wie Ihr Berichterstatter auf Grund authentischer Informationen mitzuteilen in der Lage ist, als Kongreßort wurde von den auswärtigen Organisationen Wien in Vorschlag gebracht. Der Ernigrationskongreß ist im Prinzip eine beschlossene Sache. Daß er in der nächsten Zeit abgehalten werden sollte, ist freilich nicht anzunehmen. Vor allem ist das Wiener Emigrationskomitee der Ansicht, daß die Veranstaltung des Weltkongresses in Wien ratsam wäre, nachdem die Organisierung des österreichischen Emigrationswerkes durchgeführt und eine Reihe anderer wichtiger Vorarbeiten abgeschlossen sein werden. In Wien besteht seit mehr als einem Jahre ein vorbereitendes Komitee, das vom Wiener Itoverein mit Zustimmung der Londoner Zentrale begründet wurde. Das Komitee veranstaltete bereits im Laufe des vorigen Jahres Konferenzen, an denen hervorragende Angehörige des Allgemeinen israelitischen Gemeindebundes, der Wiener Allianz, des Wiener Kultusvorstandes und der Bnai-Brith teilgenommen haben. Der Zweck dieser wiederholten Konferenzen war es, die Förderung der genannten Körperschaften bei der Bildung eines österreichischen Itokomitees zur Regelung der jüdischen Auswanderung zu erlangen. Es gelang auch, die mäßgebenden Faktoren davon zu überzeugen, daß das Anwachsen der jüdischen Auswanderung aus Österreich die Schaffung eines Komitees zur Regelung dieser Emigration erfordert. Ist ja gerade in Österreich in dieser Hinsicht nichts geschehen, sind es ja die österreichischen jüdischen-Emigranten, um die sich keine Organisation bis nun gekümmert hat. Das Auswanderungskomitee wird im September d. J. ein Bureau einsetzen, das folgende Arbeiten durchzuführen haben wird: Zunächst ist die Abhaltung einer Enquete über die jüdische Auswanderung aus Österreich (Galizien- Bukowina) in Aussicht genommen. Dann wird die Gründung einer Jüdischen Emigrantenbank — nach italienischem Muster, zur Regelung des Geldüberweisungsverkehrs — und einer landwirtschaftlichen Musterfarm — zur Heranziehung von Landarbeitern, die überall ein erwünschtes Einwanderungselement sind — geplant Erst wenn diese konkreten Vorschläge zur Ausführung gelangen, .somit die Institutionen zur Regelung der Auswanderung auch in Österreich ins Leben gerufen sein werden, könnte das Wiener Komitee die Vorbereitungen zur Abhaltung des Weltkongresses in Wien in Angriff nehmen. Unser Gewährsmann, ein hervorragendes Mitglied des Emigrationskomitees, dem wir diese Mitteilungen verdanken, meinte, daß es immerhin nicht ausgeschlossen erscheint, daß auf Verlangen der auswärtigen Organisationen die Einberufung des Kongresses beschleunigt werden könnte, ohne Rücksicht auf den Fortgang