Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 36 (3.9.1909)
- Date
- 1909-09-03
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 36 DIEMKE LT 795 \ / Zionistische Landeskonferenz in Brod a. S. Sonntag den 22. August fand in Bord a. S. die vom Essegger zionistischen Verein „Theodor Herzl" einberufene erste Konferenz sämtlicher Zionisten Kroatiens, Slavoniens, Dalmatiens, Bosniens, der Herzegowina und Fiumes statt. An den Konferenzberatungen, die im großen festlich geschmückten Saale des Kasinos stattfanden, nahmen hundert vierzehn Delegierte und ein Vertreter der hebiäischen und jüdischen zionistischen Presse, Moses Schächter aus Budapest teil. Die Konferenzteilnehmer rekrutierten sich folgendermaßen: 72 stellte Kroatien-Siavonien, 41 Bosnien-Herzegowina und 1 Dalmatien. Von den 115 Teilnehmern waren 16 Damen. Die Beteiligung war also eine über alles Erwarten imposante! und die Konferenz gestaltete sich zu einer erhebenden Manifestation des jüdischen Einheitsgedankens, welcher im Zionismus verkörpert ist. Obwohl Juden und Jüdinnen aus den verschiedensten Gegenden fremder Sprache, fühlten sie sich eins in dem Bewußtsein, daß das jüdische Volk wieder einmal in seinem Heimatlande konzentriert und sein eigenes jüdisches Leben leben wird. Und daß auch sie durch die geplante Schaffung einer Organisation der Zionisten obgenannter Länder zur Verwirklichung der zionistischen Ideale ihr Scherflein beitragen, dieser Gedanke verlieh allen Konferenzteilnehmern Würde und Selbstbewußtsein, und hatte zur Folge, daß sich die Beratungen, wenn auch öfter stürmisch, stets auf einem Niveau bewegten, wie es selten in den Parlamenten der kultiviertesten und politisch geschultesten Völker zu konstatieren ist. Im nachfolgenden ein kurzer Bericht über den Verlauf der Beratungen : Namens der Broder jüdischen Kultusgemeinde begrüßte der Vorsteher Herr Kohn die zur Konferenz erschienenen Juden und Jüdinnen. Hierauf sprach Herr Heinrich Schulmann, Präsident des Broder Vereins „Jehuda Halevy" einige Begrüßungsworte, sodann erklärte Herr J. N. Schulhof als Präsident des Essegger zionistischen Vereins „Theodor Herzl", welcher die Konferenz einberief, die Konferenz um Vi 12 Uhr vormittags als eröffnet. Lav. Stern (Agram) schlägt vor, folgendes Bureau zu wählen: Vorsitzender J. N. Schulh of; Vizepräsidenten Josef Kraus (Agram), Leon Alcalay (Sarajevo) und Max Lederer (Brod); Schriftführer Dr. A. Coralnik (Agram) und Dr. Marko Leitner (Essegg); Beisitzer: Nathan Landau (Bjelina), Leopold Stein (Vinkovci), Rabbiner Dr. Frankfurter (Daruvar) und Frl. Frieda Kaiser (Djakovar), welcher Antrag per Akklamation angenommen wurde. Dr. Edmund Fischer (Essegg) referierte über den gegenwärtigen Stand der zionistischen Bewegung in Kroatien, Slavonien und Fiume. Das Referat enthielt interessante Daten, welche einen klaien Uberblick über die rasche Verbreitung des zionistischen Gedankens in diesen Ländern ermöglichen. Heute existieren z. B. folgende Korporationen die zionistischen Charakter haben: Der Verein „Theodor Herzl" in Essegg, der Verein „Zton" in Vinkovci, der Verein „Jehuda Halevy" in Brod, der Bürgerverein „Achdus" und der akademische Klub „Judäa" in Agram, der Mädchenverein „Moriah" in Djakovo, die Jugendorganisation in Vukovar, die literarischen Vereine in Virovitica und Pozega sowie der „Jüdische Leseverein in Semlin". Außerdem ist in jedem Ort, wo kein Verein besteht, ein zionistischer Vertrauensmann. Herr Aladar Merkler (Sarajevo) gab einen geschichtlichen Überblick über die Entwicklung des Zionismus in Bosnien, der Herzegowina und Dalmatien. Seinen Ausführungen ist zu entnehmen, daß die bosnisch-herzegowinische Judenschaft in ihrem überwiegenden Teile zionistisch fühle und stets zu großen Opfern für das Judentum bereit sei. Soweit der Verlauf der Vormittagssitzung. Die Nachmitlagssitzung wurde mit der Beratung der Landesorganisationsstatuten eröffnet. Als Referent fungierte Herr Lav. Stern (Agram.) Hierbei kam es zu stürmischen Debatten, schon bei § 1, weil sich die bosnischen Zionisten zu einer bindenden Zusage bezüglich der Höhe des Landesparteibeitrages nicht entschließen konnten. Nach zweistündiger, äußerst lebhafter Debatte, wurde ein Modus gefunden, welcher alle Konferenzteilnehmer zufriedenstellte. Es wurden sodann alle weitern Paragraphen durchgenommen und mit kleinen Abänderungen auch angenommen. Hierauf wurden die Wahlen des Landeskomi tees, dessen Sitz für das kommende Jahr Essegg sein wird, vorgenommen. Es wurden gewählt: Dr. Hugo Spitzer zum Präsidenten des Landeskomitees und der Landesorganisation, ferner die Herren J. N. Schulhof, Lavoslav Singer, Dr. Ed. Fischer und Erwin Kraus zu Mitgliedern des Landeskomitees. Nachdem noch einige Konferenzteilnehmer das Wort zu Eventualia ergriffen, schloß der Vorsitzende die Konferenz. Nach Schluß der so ergebnisreichen Konferenzberatungen fand ein Festgottesdienst im Tempel statt, welchem die Mehrheit der Konferenzteilnehmer beiwohnte. Der Gottesdienst endete mit Absingung der zionistischen Hymne seitens des Chors. Abends fand ein Kommers statt, der einen sehr animierten Verlauf nahm. Längere Reden hielten u. a. Dr. A. Coralnik und Rabbiner Dr. H. E. Kaufmann. Das Groß der Konferenzteilnehmer verließ noch selbe Nacht die Stadt. Zu erwähnen ist noch, daß die gegenwärtig in Essegg erscheinende, vorzüglich redigierte Halbmonatsschrift „Zidovska smotra" zum offiziellen Organ der zionistischen Vereinigung für die Süd-slawischen Länder der österr.-ung. Monarchie erklärt wurde. Österreich Iglau. Am 27. August fand die offizielle Konstituierung der jüdisch-akad. Ferialverbindung „Hasmonäa" in Iglau statt, nachdem ihre Statuten nach mehrmaliger Abweisung endlich bewilligt worden waren. Das erste Aufziehen der Hasmonäa mit den hellblauen Kappen und dem violettweißblauen Band, erregte einiges Aufsehen, verlief aber in Ruhe. Noch am selben Abend verursachten halbwüchsige Burschen, wahrscheinlich von Leuten, denen die Gründung der Hasmonäa sehr ungelegen kommt, dazu angestiftet, einen Krawall, dem die Polizei nach kurzer Dauer ein Ende machte. Offenbar hoffen gewisse kluge Köpfe auf diese Weise zwischen der Iglauer Bevölkerung und der neuen jüdischen Verbindung Unfrieden zu säen, um womöglich den bösen Zionisten dann die Schuld in die Schuhe zu schieben. Hoffentlich wird diese Spekulation an dem gesunden Verstände der hiesigen christlichen Bevölkerung scheitern, wie nicht weniger an der strengen Rechtlichkeit der Stadtbehörden, die den Einflüsterungen gewisser Leute sicherlich nicht zum Schaden der Stadt folgen werden. Am Samstag den 28. c. begaben sich die beiden Erstchargierten der Hasmonäa zum Bürgermeister, um ihm die offizielle Anzeige von der Konstituierung der Verbindung zu machen. In Abwesenheit des Bürgermeisters empfing sie der Vizebürgermeister Herr A. Dürport, dem die Anzeige gemacht und nachfolgende Erklärung gegeben wurde: Wir erklären anläßlich der Gründung der „Hasmonäa" in Iglau Ihnen, Herr Vizebürgermeister, und durch Sie dem verehrlichen Stadtverordnetenkollegium, daß unsere Verbindung selbstverständlich mit der Iglauer Bürgerschaft im vollsten Frieden zu leben wünscht, und daß von unserer Seite nie etwas geschehen wird, das dem deutschen Charakter Iglaus irgendwie nahetreten könnte. Wir können hiebei nicht umhin, uns wegen eines Vorfalles am gestrigen Abend zu beklagen. Ohne jeden Grund wurden einige friedlich promenierende Mitglieder der jüdisch-akademischen Verbindung Hasmonäa von einer offenbar eigens zu diesem Zwecke zusammengetrommelten Horde halbwüchsiger Burschen angefallen. Einzelne dieser jungen Menschen, darunter Schüler der hiesigen Mittelschulen, sind uns namentlich schon von frühem Stänkereien her bekannt und bereits bei der Polizei angegeben worden. Wir ersuchen Sie, hochgeehrter Herr Vizebürgermeister, als das Haupt dieser Stadt, die uns gesetzlich verbürgten Rechte zu wahren gegenüber von Elementen, die durch ein solches Vorgehen, ob dies nun eigener Roheit entspringt oder von andern veranlaßt wurde, sicherlich den guten Ruf und die freiheitliche Gesinnung der Iglauer Bürgerschaft kompromittieren und durch zwecklose Krawalle — denn wir werden uns natürlich durch niemand einschüchtern lassen — die Ruhe und den Frieden Iglaus für lange Zeit vielleicht stören. Sonntag, 30. c. fand die Gründungskneipe statt, bei welcher der Gründungssenior techn. A. Wolff, der Gründungsbursch phil. H. Witt mann, der Kreisobmann R. Weißen stein und Dr. S. Werner in ernsten Worten die Bedeutung der Neugründung hervorhoben. Der große offizielle Eröffnungskommers, an dem die Verbindungen „Maccabäa", Barissia und Veritas, die bei dieser Neugründung beteiligt sind, teilzunehmen gedenken, wird im Herbst stattfinden. Teplitz=Schönau. Die jüdisch-nationalen Abiturienten von Teplitz-Schönau veranstalten am 18. September a. c. einen Festkommers mit anschließendem Tanz. Für diese Feier, deren Reingewinn dem mikrobilogischen Institut zufällt, hat in überaus liebenswürdiger Weise Frau Elisabeth Perutz', Teplitz, das Ehrenprotektorat übernommen. Gäste sind herzlichst willkommen. Adresse: med. Franz Ekstein, Teplitz-Schönau, Waisenhausgasse 6. Suczawa. Die hiesigen jüdisch-nationalen Akademiker veranstalten Samstag, den 11. September 1. J. im Hotel Zentral eine Akademie mit darauffolgendem Kommers. Die Festrede hält Herr R.-R. Abg. Dozent Dr. Arthur Mahler. Überdies spricht Herr Dr. M. Kinsbrunner (Czernowitz). Im musikalischen Teile wirken mit Fräulein Friederike Fränkel (amKlavier) und Herr Johannes Steinbach (Geige). Die Einladungen sind bereits verschickt.