Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 36 (3.9.1909)
- Date
- 1909-09-03
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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richtungen gewählt werden, z. B. für Sanitäts-, Schul-, Kataster-Angelegenheiten u. dergl., und die Vorsitzenden dieser Ausschüsse sollen ein gemeinsames Exekutivkomitee bilden. Dagegen verlangen die Alten die Beibehaltung des status quo in allen Beziehungen. Neue Zoliverordnungen Die Direktion der indirekten Steuern hat ein neues Reglement für die Erhebung des Zolles von den eingeführten Waren erlassen, das am 14. August in Kraft getreten ist. Die wesentlichste Bestimmung dieser neuen Verordnung ist die, daß jeder Kaufmann eine von der absendenden Firma als richtige und originelle bescheinigte Faktura bei Abnahme der Ware vorzeigen muß. Während aber bis nun eine Schätzung der Waren seitens der Zollbehörde in jedem Falle zulässig war, fällt dies jetzt fort. Es werden nur von dem aus der Faktura hervorgehenden Gesamtbetrage, zu dem 10 °/o zugeschlagen werden (um so viel wird der Wert der Waren am hiesigen Platze höher angeschlagen als am Absendungsorte), 11 0 o als Absendungsgebühr erhoben. Das erste Automobil in Palästina Jaffa, 20. August 1909. Vorgestern erschien auf den Straßen Jaffas zum größten Gaudium der hiesigen Bevölkerung ein Automobil, welches in gleicher Weise die vielen auf der Straße herumsitzenden Leute, die ein solches Unding noch niemals gesehen hatten, wie auch Esel und Kamele in höchstes Erstaunen versetzte. Ein hiesiger arabischer Kaufmann erstand das Automobil in Ägypten für 300 £ (ca. 7000 Frs.). Es hat zwei Touren von hier nach Nablus (Sichern) und zurück ganz glücklich ohne Störung zurückgelegt. Hoffentlich kündigt dieses moderne, in den Zeiten des alten Regimes dem Lande ferngehaltene Fahrzeug eine neue Epoche moderner Verkehrsformen und intensiver Entwicklung des Landes an. Feindselige Stimmung gegen Griechenland J|| Jaffa, 21. August 1909. In Jaffa und Jerusalem fanden in den letzten Tagen auf den Straßen unter großer Beteiligung der Bevölkerung öffentliche Versammlungen statt, auf denen heftige Reden gegen Griechenland und die hier wohnenden Griechen gehalten wurden. Die Redner ermutigten das Volk zu einem Krieg gegen Griechenland und zu einem Boykott der aus Griechenland importierten Waren und die im Lande lebenden Griechen. Die Menge beruhigte sich erst, als man ihr vom Telegraphenamt aus mitteilte, daß in Konstantinopel die Verhängung des wirtschaftlichen Boykotts gegen Griechenland in der ganzen Türkei beschlossen wurde. Dieser Beschluß wurde überall, insbesondere im Hafen den Bootsleuten und Trägern mitgeteilt. Von nun ab werden also griechische Schiffe ebenso wie zur Zeit des österreichischen Boykotts die österreichischen Schiffe in hiesigen und andern türkischen Häfen nicht löschen können. Droschkenstreik in Jerusalem Wie der „Osmanische Lloyd" berichtet, ist das Straßenbild in Jerusalem seit drei Tagen ganz verändert. Die zahlreichen Droschken, die mangels einer Straßenbahn den Verkehr erleichtern, fahren nicht mehr; die Fuhrunternehmer haben aus Unwillen über die schweren Abgaben, die der Stadtverwaltung zu entrichten sind, einen Streik inszeniert. Zu Zeiten des alten Regimes mußte für jede Droschke täglich 5 Piaster an die Munizipalität abgegeben werden, seit Einführung der Konstitution wurde diese Steuer auf 2V2 Piaster erniedrigt Jetzt wünschen die Fuhrunternehmer eine vollständige Abschaffung dieser Steuer. Durch den Streik leidet die Geschäftswelt in Jerusalem außerordentlich, und im Interesse der jerusalemitischen Bevölkerung wäre zu wünschen, daß diese unliebsame Störung des Verkehrs bald behoben wird. Lehrerversammlung in Sichron=Jakob Vom 18. bis 20. August ds. Js. fand in Sichron-Jakob die VI. Generalversammlung des Verbandes hebräischer Lehrer in Palästina statt. Folgende Referate wurden erstattet: Rechenschaftsbericht der Zentrale und der Zweigvereine. — Die Grundlagen der Lehrerorganisation (S. Wolkowitz). — Der landwirtschaftliche Unterricht in den Stadt- und Dorfschulen (J. Wilkanskyj. — Die Pflege des Schönheitssinns bei den Kindern (Prof. B. Schatz). Nach Schluß der Versammlung fanden Übungskurse in der Schule zu Sichron statt. FEUILLETON o □□□□□□ Tj o ') o SIE ERWARTEN IHN Ein Krakauer Bild von Otto Abeles Ein glühender Augustnachmittag. Die Droschkengäule gegenüber dem Bahnhofe lassen erschöpft die Köpfe hängen. Die schweren Fuhrwerke schleppen sich ächzend weiter und die armseligen, verstaubten Bäume schmachten im Sonnenbrand. Der heiße Wind wirbelt das tote Laub auf und zerpflückt das uralte, majestätische Lied, das von den Zinnen der Marienkirche nach allen vier Weltrichtungen die Stunden verkündet, so daß man nur einzelne, herausgerissene, plötzlich anschwellende Hornrufe vernimmt. Vor der Ankunftsseite des Bahnhofs drängt sich ein schwarzer Menschenknäuel, dessen lebendige Hast und ekstatische Erregtheit von dieser trostlos müden Umgebung merkwürdig absticht. Er wächst von Minute zu Minute. Eilende Gestalten strömen immer zu und gehen in ihm auf. Eine Masse, die sich ineinander schiebt und dann wieder in die Breite gleitet, um sich im nächsten Augenblick umso inniger zu verschlingen. Die Frommen aus der Judenstadt erwarten einen berühmten Rabbi, der über denSabbath bei ihnen weilen wird. Qanz vorne steht ein hochgewachsener Mann mit tiefschwarzen Augen, die fein geäderte Hand an eine Säule gelehnt. Man kann diesem streng geschlossenen Munde zumuten, daß er die Kraft hätte, einen neuen Sab bat ai Zewi zu verkünden. Alle ringsum hängen an diesem Munde und hoffen, daß er sich öffnen werde, um von dem Weisen und Gerechten zu erzählen, den sie heute zum erstenmal sehen sollen. Er aber bleibt stumm an die Säule gestützt und blickt unverwandt nach den Schienen hinaus, die ihn bringen werden. Ein dürrer Greis mit zitterndem Barte kommt keuchend von den Anlagen her, muß auf den Stiegen, die von der Straße auf den Bahnhofsplatz führen, verschnaufen und droht zusammenzubrechen. Kaum ist er aber bei der harrenden Menge angelangt, wird er frisch und beginnt sich mit jugendlichen Kräften vorwärts zu arbeiten, bis er sich ein gutes Plätzchen erobert. Ein blasser, rotblonder Vater mit gütigen Zügen trägt jetzt schon seinen Jungen auf den Schultern, obwohl der Zug erst in einer guten Stunde ankommen wird. Der Knabe, der froh ist, für heute dem Cheder entronnen zu sein, ist aber nicht bei der Sache und nagt vergnüglich an einer Zuckerstange. Der stadtbekannte, grobschlächtige Fuhrknecht, dessen Kaftan längst grün geworden ist und den die Lupuskrankheit das Gesicht jämmerlich zerfressen hat, kommt ahnungslos mit seinem Handwägelchen des 2*