Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 36 (3.9.1909)
- Date
- 1909-09-03
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3316349-3316388--52279-3345957- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
792 DIEl^ELT \/ No. 36 sichtigt wird, es ganz unmöglich ist, ein Register der im Osten Europas wie im Oriente erscheinenden Palästinaarbeiten zu führen — wie sich der Verfasser bei mir brieflich beklagt —, welchen Verhältnissen allein es zuzuschreiben ist, daß die hebräische Palästinaliteratur in diesem Band zu kurz gekommen ist. Allein, beim bewiesenen guten und ehrlichen Willen des Verfassers, allen Palästinafreunden ein gutes und objektiv wissenschaftliches Handbuch zu geben, hoffen wir, daß er diese empfindliche Lücke in seinem demnächst erscheinenden zweiten Bande der Palästinabibliographie gehörig ausfüllen wird, vorausgesetzt, daß dem Verfasser diesbezüglich an die Hand gegangen wird, was ihm wohl im Interesse der Wissenschaft wie im Interesse der Erforschung und der Kenntnis unseres ewig unvergeßlichen Stammlandes an dieser Stelle versprochen werden kann. Dr. Samuel Rappaport. . D D y PALÄSTINA □ □!lD iRabb^Samue Montag den 29. Aw verschied in Jerusalem der Rabbiner Samuel Salant im Alter von fast 93 Jahren, nachdem er über 60 Jahre den Jerusalemer Rabbinerposten bekleidet hatte. Die Geschichte seiner Rabbinatsperiode ist also die Geschichte des Wachstums der jüdischen Gemeinde in Jerusalem im vorangegangenen Jahrhundert. Diese Epoche nach allen Richtungen hin gerecht und zutreffend zu beleuchten, bleibt eine dankbare Aufgabe unserer nächsten Geschichtsschreiber. Dann wird auch die Möglichkeit sein, die Bedeutung Rabbi Samuel Salants, als eines jener Faktoren, die berufen waren, auf die Gestaltung dieser Epoche aktiv einzuwirken, gebührend zu würdigen. Für jetzt muß es genügen, die charakteristischen Hauptzüge dieser Persönlichkeit, die mehr als zwei Generationen hindurch eine der eminentesten Stellungen im Judentum eingenommen hat hervorzuheben. In jungen Jahren und ohne bedeutenden Namen übernahm er die damals noch sehr winzige jüdisch-aschkenasische Gemeinde in Jerusalem. Seit damals wuchs diese Gemeinde und wuchs immerfort, aber sie wuchs ihm nicht über den Kopf. Vielmehr wuchs er mit ihr und blieb stets ihr anerkanntes, von allen geachtetes und verehrtes geistiges Oberhaupt. Freilich scheint er mit dem Strom geschwommen und nicht den Versuch gemacht zu haben, ihn mit Gewalt in ein bestimmtes Bett zu lenken. Einer seiner intimen Freunde und Schüler betonte, daß seine Hauptstärke im nfc'yn TM bestand. Diese Rolle der passiven Resistenz ist nicht so gering einzuschätzen, wenn man bedenkt, daß dieser Grundsatz in Jerusalem zur Anwendung gebracht wurde, in jenem Tohuwabohu einander widerstreitender Interessen persönlicher und allgemeiner Natur, blutig einander bekämpfender Parteigegensätze, in der Stadt des ewigen Haders, in einer Gemeinde, deren Werden in ewigem Streit vor sich ging. Rabbi Samuel Salant verstand es nun immer, die Gegensätze zu mildern und extreme Auswüchse im Keime zu ersticken. Hierin zeigte er stets großes Taktgefühl, das ihm allseitige Verehrung zusicherte. Er war ein heftiger Gegner des Cherem (religiöser Bann), gegen dessen Verhängung in Jerusalem er leider oft vergebens ankämpfte. Er war gegen die allzu weitgehende Rigorosität in der Anwendung religiöser Vorschriften, insbesondere soweit sie eine unnütze Zerstörung ökonomischer Werte mit sich brachten und nur aus der kasuistischen Dialektik der rabbinischen Literatur der letzten Jahrhunderte abzuleiten waren. Er fußte nämlich hauptsächlich auf den klaren Bestimmungen des Schulchan-Aruch und lehnte sich gegen die spätere Pilpulistik auf. Er war kein bedeutender Gelehrter und hat niemals eine wissenschaftliche Abhandlung verfaßt, jedoch war er ein klar und präzis denkender Kopf. Im Gegensatz zu dem häufig sehr schleppenden Gang der Gerichtsverhandlungen vor Rabbinatskollegien in Palästina, wurden die unter Leitung Rabbiner Salants verhandelten Angelegenheiten sehr rasch zu Ende geführt, die Urteile immer sehr klar formuliert und erschöpfend begründet. Wiewohl er keine scharf bestimmte Richtung vertrat, wußte er doch eine einmal gefaßte Ansicht konsequent und mit Festigkeit zu verfechten; er ließ sich selten dazu herbei, einen gefaßten Beschluß wieder aufzugeben. Ein großes Talent entfaltete er in der Verwaltung der seiner Aufsicht unterstellten Institute. Außerordentlich hohe Beträge öffentlicher und privater Gelder gingen durch seine Hände; er erwies in ihrer Verwaltung die peinlichste Genauigkeit, so daß er uneingeschränktes Vertrauen nicht nur in der ganzen Welt, sondern auch — was viel schwieriger ist — in ganz Jerusalem besaß. Ebenso entfaltete er auch ein bedeutendes repräsentatives Talent. Wiewohl er eine sehr geringe weltliche Bildung besaß, verstand er dennoch mit hervorragenden jüdischen und nichtjüdischen Persönlichkeiten, die häufig ihn besuchten, so zu verkehren, daß er allgemein einen nachhaltigen sehr günstigen Eindruck machte. Obwohl er als fremder — österreichischer — Untertan keinen offiziell anerkannten Charakter eines Chacham-Baschi besaß, wurde er de facto auch von den türkischen Behörden als Oberhaupt der Juden respektiert. * * * Geboren wurde er im Sch'wat 5577 (1817). Sein Vater war Rabbiner in einigen russisch-polnischen Städten. Als achtjähriger Knabe wurde er verlobt und mit weniger als 13 Jahren verheiratet an ein ebenso altes Mädchen. Diese Ehe wurde nach dreijähriger Verbindung aufgelöst. Die Ärzte empfahlen ihm — weil er lungenkrank war — nach dem warmen Süden zu übersiedeln. Er begab sich nun im Jahre 1840 über Konstantinopel nach Palästina. Unterwegs traf er mit Sir Montefiore zusammen, mit dem er von nun an in intimer Freundschaft verbunden blieb. Gleich nach seiner Ankunft in Jerusalem wurde er zum Rabbiner der damals 500 Mitglieder zählenden aschkenasischen Gemeinde ernannt. Sein Hauptaugenmerk richtete er bald darauf, die Chalukkaeingänge zu vermehren und begab sich zu diesem Zwecke im Jahre 1848 und 1860 nach Rußland, Deutschland und England. * * * An 40000 Personen nahmen am Leichenbegräbnis Rabbi Salants teil. In allen Synagogen Palästinas wurden Trauerandachten veranstaltet. Beilegung des Konfliktes in Petach-Tikwah Der Streit zwischen der Jugendpartei und dem gegenwärtigen Waad in Petach-Tikwah hatte eine für das Gedeihen der Kolonie durchaus verhängnisvolle Dimension angenommen. Schließlich wurde sogar dadurch die Kreditfähigkeit der Kolonie in Frage gestellt, und insbesondere konnte Petach-Tikwah an der durch den Agrarkredit des Nationalfonds von der A. P. C. gewährten Anleihe nur dann einen Anteil haben, wenn durch Wiederherstellung der Ruhe wieder geordnete Zustände wären. Schon von früher her versuchte die sogenannte „Mittelpartei", den Frieden zwischen den Alten und Jungen wiederherzustellen. Da dies aber bei der Erregtheit der Gemüter nicht gelingen konnte, appellierten sie an die in Jaffa vorhandenen Institute mit der Bitte um Intervention. Demzufolge begaben sich auch die Herren Dr. Chissin, Frank und D. Levontin nach Petach-Tikwah, und ihren Bemühungen gelang es, beide Parteien zur Ernennung von Schiedsrichtern zu bestimmen. Die Jugendpartei ernannte die Herren Dr. Chissin, Gluskin, Direktor des Weinbausyndikats in Rischon, und den Kolonisten Ostaschinsky aus Rischon le Zion. Die zweite Partei ernannte zu ihren Vertretern drei in Jerusalem wohnende Rabbiner. Zum Obmann wurde der Jaffaer Rabbiner Kuk gewählt. Dieses Schiedsgericht wird nun alle streitigen Fragen regeln und hoffentlich bald wieder Ruhe und Frieden in die größte jüdische Kolonie einführen. Die Jugendpartei stellt folgende Hauptforderungen auf: 1. Reform des Wahlsystems in der Weise, daß sämtliche männlichen Personen, die mindestens zwei Jahre in Petach-Tikwah wohnen und Steuern zahlen, aktives Wahlrecht besitzen. Das passive Wahlrecht soll nur denjenigen zustehen, die auch Grundbesitz in Petach-Tikwah haben. 2. Die Verwaltung soll nicht, wie bis jetzt, für alle Angelegenheiten in'den Händen eines einzelnen Waad sein, sondern so reguliert werden, daß mehrere Ausschüsse für verschiedene Verwaltungs-