Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 35 (27.8.1909)
- Date
- 1909-08-27
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Politik" in einem fremden Staate machen möchte. Die Amerikaner halten uns für eine Nation, das ist mal sicher. Die Zionisten wollten im Programm der „Kehilah" das jüdisch-nationale Wesen der Organisationsbestrebungen, wenn auch nicht direkt betont, aber wenigstens angedeutet wissen. Weder das eine noch das andere geschah. So kam es denn, daß die nächsten Versammlungen der „Kehilah" von sehr wenig zionistischen Delegierten besucht waren. Sie konnten mit Jacob H. Schiff, der jede Gelegenheit benutzt, dem Zionismus einen Schaden zuzufügen, und mit dem berüchtigten Großmeister des Ordens „Brith Abraham" S. Dorf, welcher bei der letzten Konferenz des Ordens die zionistische Fahne mit gemeiner Selbstüberhebung aus dem Saale warf, nicht zusammengehen. Sie bekämpften die Kehilah wohl nicht, aber sie liehen ihr auch keine Unterstützung. Die Zionisten waren nicht die einzigen, die aus prinzipiellen Gründen von der neugegründeten Federation fern blieben. Die Sozialisten, die Radikal-Orthodoxen, die Halb-Refonnierten und viele andere Organisationen wollten von ihr nichts wissen. Noch heute unifaßt die „Kehilah" nicht mehr als höchstens 300 jüdische Organisationen, wo doch in New York mindestens zehnmal soviel vorhanden sind. Wie hätte sie also großen Erwartungen entsprechen können! Sie befriedigte vielmehr keine einzige Klasse der jüdischen Bevölkerung in New York. Kürzlich ist sie mit einem Aufruf an die hiesigen jüdischen Einwohner herausgerückt, in welchem diese ersucht werden, ihre eventuell zu vermietenden Wirts- oder Kirchenlokale für keine Neujahrs-Bethäuser herzugeben, da so etwas eine Schändung der jüdischen Religion bedeute. Also fängt ihre Tätigkeit denn doch mit „religiösen" Verordnungen an, obwohl dieses Wort aus dem Programm gestrichen werden mußte! Wie wärs, wenn man in der Verletzung des ursprünglichen Programms noch mit einem Schritt weiter ginge und ein klein wenig auch „jüdisch-national" wirken möchte? Dafür gäbe es ja hier ein weit größeres Feld, als auf religiösem Gebiete. Aber nein, Jacob H. Schiff gibt Tausende her, und wenn er verlangt, daß man der „religiösen Sekte" in New York besondere Aufmerksamkeit schenke, so hat das in der „Kehilah" unbedingt zu geschehen oder es geschieht dort überhaupt nichts mehr. Mit dieser Verfügung hat die „Kehilah" im Grunde genommen nur noch mehr den Zorn der jüdischen Bevölkerung erregt; denn sie verspricht selbst Bethäuser für Rasch Haschonoh zu errichten, wodurch viele arme Juden, die von solchen Synagogen fürs ganze Jahr ihren Lebensunterhalt fanden, dieser Möglichkeit beraubt werden. Daß die „Kehilah" religiöse Geschäftstreiberei hemmen und verfolgen werde, hatte man von ihr erwartet, daß sie aber selbst auch religiöse Krämerei zum besten geben soll, das übersteigt alle Erwartungen. Nun ist aber von der „Kehilah" dieser Tage ein anderer Plan veröffentlicht worden, der nach zionistischer Auffassung, so gut wie alle vorangegangenen Pläne, kein Schuß Pulver wert ist. Er lautet: Hebung der jüdischen Kindererziehung (auf religiöser oder nationaler Basis? Das bleibt vorläufig ein Geheimnis). Gründung eines Bureaus für Immigranten (solche gibt es hier bereits), Errichtung eines Instituts für jüdische Bildung und Erwirkung eines Sabbat-Ruhetag- Gesetzes beim Staate. Die Exekutive der „Kehilah", mit Rev. Dr. Magnes an der Spitze, soll die nötigen Schritte zur Durchführung der aufgestellten Pläne gleich nach den bevorstehenden Feiertagen unternehmen. Wir haben aber Angst, daß Dr. Magnes wieder „zionisteln" wird und die Herren von der „religiösen Sekte" ihn schön im Stiche lassen werden. Für das Mikro-Biologische Institut sind eingegangen bei der Administration der „Welt" in Köln: Verein junger Zionisten in Borissow, durch Dr. Max Nordau 1 Aktie der Anglo-Palestine-Company........ £ 1.0.0 Bei der Jüdischen Kolonialbank in London: Per Belfast Dorsche Zion Society, Belfast ....... £ 1.0.0 Per Sammelstelle des Jüdischen Nationalfonds für Österreich in Wien.....................Kr. 100.-- Richtigstellung Der in der letzten Nummer der „Welt" ausgewiesene Betrag von JC 25.— für das Mikro-Biologische Institut ist nicht von Herrn Dr. Isr. Bamberger aus Nürnberg, sondern von Herrn Dr. Simon Bamberger, prakt. Arzt, aus Kronach gespendet worden. Die Rabbinerwahlen in Petersburg Kommenden Monat soll in Petersburg , die Wahl des Stadtrabbiners vorgenommen werden. Ein Teil der Bürger ist für die Wahl eines Rabbiners für die ganze Gemeinde. Als Kandidaten sind aufgestellt Tiomkin, Eisenstadt und Mohilewer. Die Gruppe der Chassidim besteht darauf, daß zwei Rabbiner gewählt werden, und zwar ein Kronrabbiner und ein geistlicher Rabbiner. Es besteht aber noch ein drittes Projekt, wonach als Prediger Herr Dr. Klausner gewählt werden soll, während der gegenwärtige Rabbiner in seiner Stellung verbleiben und gleichzeitig als „Regierungsrabbiner" fungieren soll. Außerdem wünscht man einen speziellen Rabbiner für die „Intelligenz". Amerika (Von unserm Berichterstatter) (S.B.) New York, 10. Aug. Sie bewegt sich doch, so wird allgemein geurteilt, über die vor wenigen Monaten ins Leben gerufene „Jewish Community of New York City" (Kehilah), die von der ersten Stunde ihres Bestehens zur Untätigkeit verdammt war und jetzt schließlich mit einem Arbeitsplan vor die große Öffentlichkeit tritt, der im Vordergrund aller Diskussion steht. Bevor ich aber diesen Arbeitsplan unsern Lesern vorführe, rücke ich hier einige Bemerkungen über die „Kehilah" ein, die das Wesen und Wirken dieses Instituts einigermaßen klarlegen sollen. Die Idee, alle bestehenden jüdischen Organisationen der Stadt in eine einzige große Organisation zusammenzuschmelzen, ist keine amerikanische, sondern eine von Europa importierte. Wie bekannt, hat Paris und Berlin solche Federationen bereits fertig gebracht, bevor man hierorts daran auch nur denken mochte. In New York, wo nahezu eine Million Juden wohnen, hielt man eine derartige Federation für unmöglich. Den ersten Anstoß, einen solchen Versuch zu wagen, gab der herausfordernde Angriff auf die hiesige jüdische Bevölkerung seitens des gewesenen Polizeikommissars Bingham, der in einem Pamphlet an die Stadt ausdrücklich erklärt hatte, daß der größte Teil hiesiger Verbrecher jüdischer Abstammung wäre. Diese falsche Statistik des Polizeikommissars rief seinerzeit allgemeine Empörung hervor, man berief große Protestversammlungen, man donnerte gegen das antisemitische Polizeisystem in der Presse, jeder wußte irgendeinen guten Rat; die Philantropen boten Geld zur Bekämpfung des Antisemitismus in Amerika an. Die „liberalen" Christen versprachen energische Hilfe, die Zionisten riefen „Seht ihr, wir habens euch längst gesagt", kurz, man griff zu allen möglichen Mitteln, die einfach in der Luft verpufften, bis Rev. Dr. Magnes, einer unserer eifrigsten Arbeiter in jüdischen Fragen, mit dem großangelegten Plane der Gründung einer „Kehilah" aller Organisationen auftrat. Stürmische Begeisterung folgte seinen Ausführungen bei der damals abgehaltenen „Clinton-Hall-Conferenz", wie man jenen „historisch denkwürdigen" Tag hier zu nennen pflegt. Taten folgten keine. Erst bei der nächsten großen Versammlung, zu der alle jüdischen Organisationen ohne Unterschied der Parteistellung eingeladen wurden, sollte das riesige Werk seiner Vollendung zugeführt werden. Das ist denn auch geschehen. Die Hebrew Charity Building war vollgepfropft mit eifrigen und opferwilligen Delegaten, dreihundert an Zahl, die die „Kehilah" als gegründet erklärten. Im Verlauf der Versammlung wurden jedoch Stimmen laut, daß die Vertreter der verschiedenen Parteien, jeder nach seiner Fasson, der Kehilah den eigenen Stempel aufdrücken möchten. Die Reformrabbiner vom Schlage eines lsaac Moses und Stephan Wise warfen mit patriotischen Flocken um sich, und die Orthodoxen schließlich wollten die religiöse Verantwortung der Federation sogar bis auf die komplizierte Kaschruss- und Mikwehfrage ausgedehnt wissen. Es herrschte ein Chaos, das in so mancher Hinsicht an den Turm in Babel erinnerte. Geeinigt hat man sich doch. Die Einigung bestand darin, daß die Wörter „religiös" und „national" im Programm gänzlich fehlen sollen. Die „Kehilah" hat „jüdische" Interessen zu vertreten, und man soll sich jetzt unter „jüdische" vorstellen, was man nur will, sagten sich die „unsterblichen" Gründer. Die Zionisten gingen von der Versammlung unbefriedigt weg. Diese konnte eine — wenn man sich so ausdrücken darf — Mir-nix dir-nix-Politik nicht allzusehr begeistern. Die Zionisten konnten sich eine Vereinigung aller Schattierungen von Juden nur unter einer national-jüdischen Fahne denken. Nicht anders. Und in der Tat ist die religiöse Freiheit der Juden in Amerika in keiner Weise gefährdet. Jüdische Schulen, Synagogen und Institute werden vom Staate nicht nur nicht verfolgt, sondern in höchst würdiger Art unterstüzt. Wenn man hierzulande den Juden nahezutreten versucht, geschieht es immer mit Hinblick auf ihre Rassenzugehörigkeit. Erst vorige Woche wurde der bekannte Philantrop Jacob H. Schiff selbst in amerikanischen Zeitungen gründlich ausgelacht, als er bei einer Versammlung über die „religiöse Sekte" in den Vereinigten Staaten herfiel, weil diese ihre „eigene Palästinareise der Israelifen Abfahrt per Sonderzug und Extraschiff von Budapest am 21. Oktober 1909. Reisedauer 21 Tage. Streng rituelle Verpflegung. Mit Programmen und näheren Auskünften dient bereitwilligst die Ungarische Reiseunternehmung A.-G., Budapest VII, Erzsebetkörut Nr.12. Anmeldungen werden bis 20. September 1909 angenommen.