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Die Welt · 1909-08-27 · 35 (27.8.1909) · page 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
35 (27.8.1909)
Date
1909-08-27
Page
– (sequence 12)
Language
German
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782 c ooooooooo s^sr :s^= : DIE^ELT NACHRICHTEN No. 35 ooooooooo Österreich (Von unserm Berichterstatter) Aufruf an die jüdischen Großgrundbesitzer Herr Dr. Alexander Hausmann, Referent für Palästinafragen im Zentralkomilee der zionistischen Landesojganisation Galiziens, richtet an die jüdischen Großgrundbesitzer und Gutspächter dieses Landes einen bemerkenswerten Aufruf. Das zionistische Zentralkomitee erhält zahlreiche Zuschriften von jungen Leuten, die nichts sehnlicher wünschen, als nach Palästina auszuwandern, um dort zunächst als Landarbeiter beschäftigt zu sein. Sollten sie den Anforderungen der landwirtschaftlichen Arbeit gewachsen sein, so rechnen sie dann darauf, mit Hilfe der Ica oder anderer Organisationen als Kolonisten angesiedelt zu werden. Die jüdischen Gutsbesitzer und Verwalter, heißt es weiter im Aufruf, können der jüdischen Volkssache dienen, wenn sie diese auswanderungslustigen jungen Männer als Volontäre in ihren Gutswirtschaften beschäftigen wollten. Es würde damit vielen Arbeitswilligen die Gelegenheit geboten werden, ihre Eignung für Ackerbau und Landwirtschaft zu erproben, bevor sie noch die Reise nach Palästina angetreten haben. Die Qualifizierung der jüdischen Landarbeiter, die nach dem Judenlande einwandern, könnte, derart erhöht, die Schwierigkeiten der Anpassung an den neuen Beruf mildern. Es könnte auf diesem Wege verhindert werden, daß etwa physisch Untaugliche, die es gewiß ernst meinen, vergebliche Anstrengungen machen, zu Landwirten erzogen zu werden, und auf solche Art dem Vorurteil von der Untauglichkeit der Juden für die Bodenarbeit stets neue Nahrung zuführen. Herr Dr. Hausmann wendet sich nun an die jüdischen Großgrundbesitzer und Gutspächter mit der Bitte, dem Zionistischen Zentralkomitee mitzuteilen, ob sie gewillt sind, junge Leute als Freiwillige in ihren Wirtschaften ein Jahr hindurch zu beschäftigen. Es sei kein Zweifel, heißt es im Aufruf, daß die Volontäre die Verpflegungskosten durch ihre Arbeit decken werden. Die Gutsbesitzer werden somit keine Geldopfer zu tragen haben. Der Erfolg dieses Appells an die ziemlich zahlreichen jüdischen Großgrundbesitzer Galiziens muß abgewartet werden. Der Aufruf des Herrn Dr. Hausmann enthält aber zweifelsohne einen fruchtbaren Gedanken. Das Problem der Erziehung von städtischen Proletariern zur Landwirtschaft ist auch bei der hingebungsvollen Liebe zur heimatlichen Scholle schwierig genug. Ist es möglich — auf dem von Herrn Dr. Hausmann vorgeschlagenen Wege oder durch die Gründung von Kursen für Landwirtschaft für die jüdische Schuljugend — mit dieser Erziehungsarbeit schon in den Golusländern zu beginnen, würde dies eine kräftige Förderung des palästinensischen Siedelungswerkes bedeuten. Das Stryjer Mandat Im Landtagswahlbezirk Stryj steht eine Abgeordneten wähl bevor. Das durch den Tod des Landtagsabgeordneten Dr. Fruentmann erledigte Mandat soll neubesetzt werden. Das Stryjer Mandat war eines der wenigen, die zum Besitzstand der Juden gerechnet werden konnten. Die Polen setzten sich nunmehr über dieses traditionelle Vertretungsrecht der Juden Galiziens hinweg. Sie stellten in Stryj den Minister für Galizien Dr. Dulemba als Kandidaten auf, dessen Wahl — bei öffentlichem Stimmrecht — natürlich gesichert ist. Wer wird denn wagen, in Anwesenheit des schlachzizischen Bezirkshauptmanns und des Steuerinspektors gegen den Regierungskandidaten zu stimmen! Die israelitischen Polen des Landtags bilden geuiß keine jüdische Vertretung im Landtag. Die Ausschaltung eines dieser Polenklubler bedeutet daher keine politische Einbuße. Die Kandidatur Dr. Dulembas ist nur ein überflüssiger Beweis, daß die polnische Schlachta in Galizien, ebenso wie die Polen im benachbarten Königreich bei den Dumawahlen, systematisch bestrebt ist, dem jüdischen Volke in Österreich sein Recht streitig zu machen, parlamentarische Vertreter aus seiner Mitte zu entsenden. Jüdisches Studentenheim In Lemberg ist der Bau des Jüdischen Studentenheims vollendet. Am 1. Oktober erfolgt die Einweihung des Hauses. Der schöne Bau umfaßt eine Lesehalle, einen Saal für Versammlungen, Wohnräume für hundert Studenten, und Sonderzimmer für erkrankte Hochschüler. Das Lemberger Studentenheim ist das erste Werk der Selbsthilfe der jüdischen akademischen Jugend Österreichs. Den Lembergern folgte bereits die jüdische Studentenschaft Wiens. Ein schönes Werk der Solidarität und nationalen Gemeinsinns haben die jüdischen Hochschüler Lembergs nach mühevoller, geräuschloser Arbeit vollbracht, das seinen Gründern und Förderern zur Ehre gereicht. Kreditunion Die jüdische Volksbank Galiziens — die „Kreditunion" in Lemberg — veröffentlicht ihren ersten Monatsbericht. Die Geschäfte der Bank nehmen stetig an Umfang zu, die „Krediturlion" erfreut sich des steigenden Vertrauens der kreditbedürftigen jüdischen Bevölkerung und der Spareinleger. Im Laufe des ersten Monats des Bestandes der neuen Bank wurden bereits an mehr als 400 000 Kronen Darlehn gewährt. Rußland (Von unserm Berichterstatter.) Die Juden und die projektierte Autonomie für Polen Die Juden aus Lublin beschlossen, sich zu organisieren, um die Rechte der polnischen Juden in der von der Regierung projektierten städtischen Selbstverwaltung zu verteidigen. Nach dem Regierungsprojekt werden, die Juden einen geringen Anteil an den neuen städtischen Institutionen haben, trotzdem sie in vielen Städten die Mehrheit bilden. So z. B. werden in Lublin unter 30 Stadträten kaum 3 Juden gewählt, und kein einziger Jude wird eine Stelle in der Selbstverwaltung bekleiden. Unterdessen zählt Lublin unter seinen 100 000 Einwohnern 30 000 Juden, die die Hälfte der Steuerlasten tragen. Eine Gruppe der Lubliner Juden, die sich mit dieser Frage beschäftigt, beabsichtigt unter den breiten jüdischen und polnischen Massen zugunsten der Verbreitung der Judenrechte in der zukünftigen Selbstverwaltung zu agitieren. Die Zeitungen melden, daß die erwähnte Gruppe mit der Kadettenpartei in Fühlung getreten ist. Die jüdischen Namen Das Ministerium des Innern hat an alle Gouverneurs und Stadtkommandanten ein Buch verschickt, das in alphabetischer Ordnung alle jüdischen Namen in drei Sprachen: Russisch, Jargon und Hebräisch enthält*- Diesem Buche ist ein Zirkular beigefügt, in welchem das Ministerium den Zivilämtern den Auftrag gibt, sich in allen offiziellen Dokumenten nach der Schreibart der jüdischen Namen, wie sie in dem Buche angegeben sind, zu richten. Der Verfasser des Buches ist ein gewesener Kronrabbiner aus Odessa, Dr. Krebs. Die Konferenz in Kowno Die Konferenz der Vertreter verschiedener jüdischer Parteien, die im Oktober in Kowno stattfinden soll, hat die folgende Tagesordnung veröffentlicht: 1. Die Lage der jüdischen Handwerker in den südöstlichen Gouvernements; 2. Mittel zur Verbesserung ihrer Existenz; 3. Licht- und Fleischsteuer im Zusammenhang mit der Reform der jüdischen Gemeinden; 4. Reformen in Talmud-Torah; 5. Organisation der jüdischen Wohltätigkeit. Aus der Emigrationsbewegung In der Sitzung des Ministerrats vom 28. Juli wurde das Projekt des Handelsministers, betreffs der Bildung einer speziellen Kommission zur Prüfung der Emigrationsfrage, angenommen. Im Zusammenhang mit diesem Projekte veröffentlicht das Handelsministerium eine Statistik der Emigration. in Rußland. Im Jahre 1903 emigrierten 136 093, 1904 145 141, 1905 184 847, 1906 215 665, 1907 258 943, 1908 156711. Die Mehrheit bilden die Juden, dann folgen Polen und Litauer; aus Rußland emigrierten kaum 4°/o der Gesamtzahl. Die Fragen, die der Ministerrat lösen soll, sind folgende: 1. Die Frage der freien Emigration; 2. die Frage der Erleichterung bei den ausländischen Pässen; 3. Bedingungen für die Eröffnung der Emigrationsbureaus und ihre Aufsicht; 4. die Schiffsgesellschaften und ihr Anteil an der Emigration; 5. die Frage der Verteidigung der Interessen der Emigranten im Falle einer Katastrophe, medizinische Hilfe unterwegs, Beköstigung und andere Erleichterungen auf den Schiffen; 6. die Verantwortlichkeit der Emigrationsbureaus im Falle der Nichterfüllung der Verpflichtungen dem Emigranten gegenüber.

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