Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 35 (27.8.1909)
- Date
- 1909-08-27
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Schulen müssen überall in Palästina errichtet werden. Man darf davor nicht zurückschrecken, daß manche Versuche nach dieser Richtung gescheitert sind. Die Versuche werden so lange scheitern, bis wir endlich die richtige Form finden, die den Verhältnissen entspricht. Ohne Experimente gelangt man zu nichts, und Experimente bringen notwendigerweise manche bittere Enttäuschung. Da gilt das biblische Wort: Der Furchtsame und der Zaghafte möge vom Schlachtfeld zurückkehren. Das Vollkommene kann man nicht mit einem Mal finden, man wird es vielleicht nie finden, aber man nähert sich ihm durch die verschiedenen Versuche. Auch die Fehler haben einen gewissen Wert. Was wußten wir von Palästina vor einigen Jahrzehnten? Wir wissen heute schon manches, aber wir werden immer mehr wissen und immer weniger Lehrgeld zahlen. Es steht fest, daß wir in Palästina schon in der Volksschule für einen landwirtschaftlichen Unterricht sorgen müssen. Dazu müssen wir tüchtige Volksschullehrer haben. Es darf und kann selbstverständlich von den Volksschullehrern nicht verlangt werden, daß sie einen vollendeten landwirtschaftlichen Unterricht erteilen, aber wohl werden sie bei entsprechender Ergänzung ihres Studiums in der Lage sein, ihre Schüler in den Qrundelementen der Landwirtschaft zu unterrichten. Man muß voraussetzen, daß die Lehrer eine recht gründliche Ausbildung in Chemie, Zoologie und Botanik erhalten haben, und war ihr Studium nicht ganz systematisch, so mochten sie auch ohne methodische Rigorosität durch vieles Lesen und durch Fleiß diese Gegenstände erlernt haben, und deshalb wird es ihnen ein Leichtes sein, mit Hilfe dieser Kenntnisse sich die Grundlehren einer rationellen Landwirtschaft anzueignen, nämlich die Bodenkunde, die Kenntnisse der Lebensbedingungen der landwirtschaftlichen Pflanzen und Tiere. Übrigens stammen ja schon einige dieser Lehrer aus Palästina und zeigen auch Liebe und Verständnis für den heimatlichen Boden. Solche Lehrer sind für unsere Sache von einem unschätzbaren Wert. Es müßte auch den Lehrern Gelegenheit zur weitern Ausbildung in der Landwirtschaft geboten werden. In westeuropäischen Ländern geschieht das durch besondere Kurse an den landwirtschaftlichen Winterschulen oder Landwirtschaftsschulen, oder auch an den Hochschulen. Derartige Belehrungen bieten dem Volksschullehrer, der den landwirtschaftlichen Unterricht in der Volksschule zu leiten hat, Gelegenheit, das Wichtigste für den Unterricht zu lernen, und vor allem geben sie auch Anregung und Anleitung, sich weitere Kenntnisse auf dem genannten Gebiet zu erwerben und die erworbenen zu ergänzen und zu vertiefen. Bei uns wird man dafür sorgen müssen, die palästinensischen Volksschullehrer, in Ermangelung örtlicher wissenschaftlicher Belehrungsmöglichkeiten, für die Ferien nach den nächstgelegenen Orten zu entsenden, wo solche Kurse vorhanden sind. Ein weiteres Mittel für die Weckung des Interesses und des Verständnisses für Natur, Landkunde und Landwirtschaft bietet die populäre Literatur. Nach dieser Richtung müßte ein ernster Vorstoß unternommen werden. Das Wenige, das in Palästina getrieben wird, ist Politik, politische Polemik, etwas Belletristik, — und all das, was die Blüte einer Kultur, aber nicht deren Wurzel ausmacht. Jedes hebräische Wort, das in Palästina gedruckt wird, bildet einen kulturellen Wert; wir freuen uns über die Anfänge einer Literatur, aber noch mehr würden wir uns freuen, wenn diese Literatur nicht vom Dach, sondern vom Fundament angefangen würde. Das Spintisieren der Theorien, das schöngeistige Diskutieren sind sehr verlockend für den zu Abstraktionen hinneigenden Geist, aber uns fehlt es vor allem an Konkretem, an Elementarem und Unmittelbarem. Wir wollen nicht in Palästina verbauert werden, nicht das ist unser Ideal. Wir brauchen eine Intelligenz, aber sie muß eine ganz andere sein als im russischen Goluth, sie muß soviel als möglich Fachkenntnisse besitzen. Das ist weniger pikant und auch nicht so leicht wie das andere, aber ohne diese Grundlage ist das andere eine neue Theologie. Für die Schaffung einer populär-wissenschaftlichen und belehrenden Literatur in Palästina müssen die größten Opfer gebracht werden. Lehranstalten sind zweifellos vom höchsten Wert, aber es muß auch für Fortbildung und auch für die breiten Kreise Sorge getragen werden. Der Volkssinn muß sich dem Konkreten zuwenden, er muß gesunde Nahrung erhalten. So wird die Wissenschaft das Leben befruchten und veredeln. Wenn der jüdische bäuerliche Besitz in Palästina vielfach noch nicht die erforderliche betriebstechnische Bildung erlangt hat, so liegt dies nicht nur an der Kleinheit des Betriebes, und noch weniger an einem geistigen Unvermögen des Kolonisten, sondern auch darin, daß man diesem Besitz noch nieht genügende Belehrung und Gelegenheit zur betriebstechnischen Schulung gegeben hat. Noch haben wir keine landwirtschaftlichen Schulen, noch haben wir keine Musterfarmen, noch haben wir keine groß angelegten Versuchsstationen, noch existiert keine populäre Literatur über all diese Dinge, und sollten wir uns da wundern, daß wir noch nicht den Typus eines richtigen, intelligenten jüdischen Farmers in Massen geschaffen haben? Nicht wundern, sondern aufraffen sollen wir uns, das Nötige zu schaffen. Zum Schlüsse noch eine kurze Bemerkung über die Ansicht unseres verehrten Kollegen vom „Jüdischen Arbeiter", daß die projektierte landwirtschaftliche Genossenschaft das einzige Mittel zur Hebung des Bauernstandes in Palästina sei, und daß man an dieser Stelle die Wichtigkeit dieses Projekts nicht einsehe. Wir sind ganz und gar der Ansicht, daß das landwirtschaftliche Genossenschaftswesen ein wahrer Segen für unsern Bauernstand wäre; wir sind auch ferner der Ansicht, daß es, wenn auf gesunder Basis aufgebaut, zum Wohle nicht nur des Bauernstandes, sondern der ganzen jüdischen Kolonisation viel leisten würde; es hieße aber wohl einseitig denken, wollte man in ihm das alleinige Heilmittel sehen. Es gibt kein Universalmittel; es ist verkehrt, aus dem System der verschiedenen Vorbereitungen, der Bildungs- und Hilfsmittel einen einzelnen Teil herauszureißen und ihn als einen Talisman hinzustellen, der Wunder wirken kann. Die genossenschaftliche Form ist ein Ziel aufs innigste zu wünschen; die Genossenschaft kann aber nur den kulturellen Gesamtwert der Individuen darstellen.* Es ist nur der Rahmen und nicht der Inhalt. Der Inhalt, die Tüchtigkeit, die Schulung, ja auch die Fähigkeit für genossenschaftliche Arbeit setzen eine große und lang andauernde Tätigkeit vieler Faktoren voraus, oder sie erfordern ihr gleichzeitiges Mitwirken. Dazu gehört in erster Reihe die landwirtschaftliche Ausbildung der Jugend. Diese kann nur erreicht werden, wenn alle jüdischen Organisationen, die in Palästina