Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 35 (27.8.1909)
- Date
- 1909-08-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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DIE ELT KÖLN AM RHEIN, KAROLINGERRING 6 \jV ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG ■J ii ii; XIII. JAHRG. KÖLN, 27. August 1909 \2^nb n"nn'tf bbx No. 35. PALÄSTINAARBEIT Wenn man von der Schaffung eines jüdischen Bauernstandes in Palästina spricht, so denkt man an eine physische Umwandlung des städtischen Elements in einen robusten Bauerntypus. Das ist eine schwierige Metamorphose, beinahe ein „salto mortale". Diese Schwierigkeiten werden uns immer und ewig als unüberwindliche Hindernisse entgegengehalten. Dann kommt noch die Ortsfrage hinzu. In Palästina, heißt es, sind schon so und so viele Dörfer vorhanden, die freigebliebenen Bodenflächen sind nicht mehr sehr groß. Zu diesen Argumenten wird noch der Hinweis auf die bestehendenSchwierigkeitenfür eine große Einwanderung hinzugefügt, und da befindet man sich schon auf dem politischen Gebiet der Stellung der türkischen Regierung und der eigenartigen gesetzlichen Verhältnisse. Aus all diesen Prämissen wird die Schlußfolgerung konstruiert, man könne in Palästina nicht energisch arbeiten. Die Prämissen sind falsch, und deshalb ist auch die Schlußfolgerung ein Trugschluß. Es ist gar nicht notwendig, den Juden zu einem kleinrussischen „Chochol" oder zu einem galizischen „Kmiotek" zu machen. Es kommt auch nicht so sehr in Betracht, ob die Bodenflächen groß oder klein sind; eine intensive Kultur bedeutet mehr als eine primitive Bearbeitung unermeßlicher Flächen. Und sind die Bedingungen für eine große Einwanderung noch nicht geschaffen, und muß man noch vorderhand, — nach der jetzigen Sachlage im Rahmen der türkischen Verfassung, — darauf hinarbeiten, so haben wir doch schon in Palästina Juden genug, um die Siedlungsarbeiten vorläufig mit dem vorhandenen Menschenmaterial energisch zu betreiben. Nur an uns, d. h. an der jüdischen Gesamtheit liegt es, das, was in unsern Kräften liegt, zu machen. Das Werk erfordert große Opfer, andauernde Begeisterung, unbeugsame Kraft; wir stellen dies nicht in Abrede. Aber diese Opfer müssen wir bringen, diese Begeisterung müssen wir haben, diese Kraft müssen wir in uns entwickeln, wenn wir überzeugungstüchtige Zionisten sind. Wir wollen nicht aus dem Juden einen unwissenden Bauern, sondern einen intelligenten Farmer machen. Der unwissende Bauer ist überhaupt ein überwundener Standpunkt. Vor langer Zeit und in rückständigen Ländern noch jetzt, da sind es die physische Kraft, die eiserne Gesundheit, die allein einen tüchtigen Bauersmann ausmachen: Heutzutage und in der modernen Entwicklung tritt hinzu, muß hinzutreten auch die geistige Fähigkeit, die mannigfaltigsten Hilfsmittel der Landwirtschaft im Betriebe anzuwenden. Die palästinensische Bauernbevölkerung nutzt diese Hilfsmittel nicht aus. Sie versteht es eben nicht, und daß sie es nicht versteht, ist für den Bauernstand, für die ganze Volkswirtschaft ein immenser Schaden. Damit hängt auch die Frage der freien Bodenflächen zusammen. Viele Bodenflächen werden bebaut; aber wie werden sie bebaut? Keine einzige Gegend liefert den Ertrag, den sie bei rationellem Ackerbau tatsächlich liefern würde. Es fehlt an allem, was man bei einer rentabeln Wirtschaft voraussetzen muß. Ein fachkundiger jüdischer Kolonist, ein Landarbeiter mit genügender berufsmäßiger Ausbildung, — das ist der Typus, den wir schaffen müssen. Er wird für das Land, auch für die arabische Bevölkerung segenbringend .sein, er wird die Grundlage zu einem jüdischen Gemeinwesen bilden, er wird im ottomanischen Gesamtstaat jene Stellung einnehmen, die jede kulturelle Überlegenheit verleiht. Weshalb sollte uns das nicht gelingen? Arbeit und Ausdauer, Einigkeit und Opferfreudigkeit, Pflichtbewußtsein und maßvolle Besonnenheit, eiserner Wille und Initiative werden die Erreichung dieses Zieles ermöglichen. Wird es mit der altern Generation schwierig sein, so müssen die Hauptbemühungen auf die jüngere Generation gerichtet sein. War das nicht das erste Werk der „Alliance Israelite Universelle"? „Mikveh Israel"! Kein französischer Name, ein hebräischer Name war es, der fast wie ein zionistisches Lied klingt, wie ein Lied, dessen Töne heutzutage den Schlaf von den Augen der Alliance-Epigonen verscheucht. Ja, es war Zionismus, der die Netter und die Cremieux beseelte: sie wollten einen jüdischen Bauernstand, die Basis eines jüdischen Gemeinwesens schaffen. Der große Gedanke hat sich im Laufe der Zeiten verflüchtigt; wir haben ihn wieder aufgenommen. Nur daß wir im Gegensatz zu den andern Tendenzen Juden, jüdisch gesinnte und jüdisch fühlende Kolonisten fürPalästina ausbilden wollen. Diese Erziehungsfrage ist das größte Problem unserer Palästinaarbeit. Kleine landwirtschaftliche 41 m \; \ . I ,v I ' >H N Hif: m?i»' ,4% M *H