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Die Welt · 1909-08-20 · 34 (20.8.1909) · page 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
34 (20.8.1909)
Date
1909-08-20
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Bedingung, daß sie Zins zahlen sollen. Damals trugen sie alle Pantoffel und Strümpfe, und davon kommt der Name des von ihnen bewohnten Dorfes „Pantoflischki", das im Jahre: 1831 von 30 jüdischen Familien gegründet wurde. Das Dorf hat sich nicht entwickelt und die Juden, haben mit der Zeit den Boden verkauft, so daß dort gegenwärtig kaum 10 Familien, geblieben sind, die sich mit dem Feldbau beschäftigen. Unerbittlich Im Aufklärungsministerium wurde eine Inschrift affichiert, daß Minister Schwartz keinen einzigen Juden bei sich empfängt, der sich an ihn in der Angelegenheit der Prozentnorm wenden wird. Gleichzeitig hat man eine Mitteilung an alle Leiter der höhern Lehranstalten in Rußland gesandt, daß sie in keiner Weise beim Minister bezüglich der Aufnähme von Juden für die ihnen anvertrauten Anstalten intervenieren sollen. Ein jüdischer Erfinder Der Kriegsminister Suchomlinow schenkt der neuen Erfindung eines Juden, Ingenieurs Eisenstein, sehr viel Interesse. Die Erfindung ist ein ganz neuer Typ eines drahtlosen Telegraphenapparates. Die Proben, die man mit diesem Apparat auf der Distanz Petersburg- Sewastopol gemacht hat, sind vollkommen gelungen. Der Apparat von Eisenstein soll viel besser funktionieren als die Apparate von Marconi. Eine mittelalterliche Beschuldigung In Polotzk (Witebsker Gouv.) herrscht Cholera. Die Petersburger Zeitung „Swiet" entblödet sich nicht, diesen Anlaß zu benutzen, um mit einer geradezu unerhört mittelalterlichen Beschuldigung gegen die Juden von Polotzk zu hetzen. Die Zeitung schreibt, daß die Juden, um die Ansteckung von sich abzuwenden, einen Toten in ein Badetuch einwickelten und dann den Badeanstaltsbesitzer überredeten, dieses Tuch den die Badeanstalt besuchenden Russen zu geben, um auf solche Weise die Cholera auf die Russen zu übertragen. In einer gespannten Atmosphäre können dergleichen Gerüchte zum Pogrom führen. Und darum handelt es sich offenbar der Zeitung „Swiet". Von der Emigrationsbewegung Aus Wierzßolowo, der an der Grenze gelegenen Station, schreibt man dem „Jüd. pmigrant": „In der letzten Woche hat sich die Emigrationsbewegung über das Städtchen sichtlich vermindert. Als Ursache kann der neue Erlaß der Behörden in den Vereinigten Staaten, nach welchem jeder Emigrant 50 Rubel besitzen muß, betrachtet werden. Viele Emigranten kehren ohne alle Mittel zurück, ohne Dokumente und in schrecklichem Elend. Es gibt unter ihnen auch solche, die vermögende Verwandte in Amerika besitzen und kräftige arbeitsfähige Leute sind. Die Bemühungen der Verwandten haben ihnen nichts geholfen. Die Beschränkungen in Ellis-Island haben sich kolossal verschärft. Aus Odessa meldet man, daß sich die Emigrationsbewegung aus Südrußland nach Argentinien sichtbar gesteigert hat. Aus der Kolonie Schirokaja emigrierten 25 Familien. Wichtige Duma-Ersatzwahlen und die Odessaer Judenhetze Im Monat September stehen drei Ersatzwahlen zur Duma bevor, die in doppelter Hinsicht bedeutungsvoll sind. Einerseits handelt es sich um die wichtigsten Brennpunkte des Reiches, um Petersburg, Moskau und Odessa, anderseits wird diese Wahlkampagne schon deswegen eine gewisse Wiederspiegelung der politischen Stimmung im Lande repräsentieren, weil die Wahlen in den Großstädten nicht indirekt sind und eine wirkliche Enquete zur Bestimmung des Verhaltens der Gesellschaft enthalten. In Moskau und Petersburg, wo die Kadetten abermals den ehemaligen Ackerbauminister Kutler als Kandidaten aufstellen, ist von den bevorstehenden politischen Kämpfen noch wenig zu spüren. Um so fanatischer geht es in Odessa zu, wo der General Tolmatschow sein Unwesen treibt. Nachdem der plötzliche Tod des talentvollen Pergament, eines der glänzendsten Redner Rußlands, im russischen Parlamentsleben eine schwer auszufüllende Lücke geschaffen hatte, glaubte man allgemein in den freiheitlichen Kreisen, daß dieser Wahlbezirk durch die Entsendung eines jüdischen Abgeordneten die unerhört geringe Vertretung der Juden in der Duma zu stärken berufen sein würde. Ist es doch eine den russischen Wahlmodus kennzeichnende Tatsache, daß im russischen Parlament, welches u. a. auch die rechtliche Judenfrage aufrollen und lösen soll, seitens der über fünf Millionen Seelen betragenden jüdischen Bevölkerung nur zwei stammesgertössrsche Vertreter sitzen, die naturgemäß zu völliger Ohnmacht verurteilt sind. Da nun-Odessa zu den wenigen Orten gehört,. in denen eine jüdische Kandidatur Aussicht auf Erfolg hat, so kam zu Anfang sowohl bei den Juden, als im Lager der Freiheitspärteien einzig und allein eine solche in Betracht. Allein der schwarze Terror und der Druck des allmächtigen Tolmatsehow haben es schon nach kurzem dahin gebracht, daß die Juden von der Aufstellung eines eignen Kandidaten Abstand nahmen und zusammen mit den freiheitlichen Christen einen, beiden Teilen genehmen Nichtjuden nominierten. Nun ging „seitens des Schwarzen Hunderts der Teufel los. Die Odessaer „Patrioten" verfügen nämlich, wie ihnen wohlbekannt ist, über keine Majorität innerhalb der Bevölkerung, aber sie zählen zu ihrem Ehrenvorsitzenden den Gebieter von Odesssa, den schon erwähnten Tolmatschow, und geben sich darum . der Hoffnung hin, daß sie, genau so, wie sie die städtische Verwaltung infolge seiner Gewaltmaßregeln in die Hand bekommen haben, nunmehr mit seiner Hilfe auch bei den Parlamentswahlen die Bürgerschaft terrorisieren und einen Reaktionär in die Duma werden entsenden können. Um jedoch ihrer Sache sicherer zu sein, ließen die „echten" Russen.die von ihnen beherrschte Stadtverordnetenversammlung nach hetzerischen Debatten an den Zaren ein Telegramm absenden, in dem dieser gebeten wurde, aus eigner Machtvollkommenheit, ohne erst die Zustimmung der Duma abzuwarten, die Juden von den Wahlen in dieser Kurie auszuschließen. In der Tat wurde dieser widerrechtliche Beschluß von Tolmatschow nicht beanstandet und gelangte somit an die hohe Adresse. Er scheint jedoch bei Hof, wo gegenwärtig die verschiedenen Einflüsse einander durchkreuzen, kein Verständnis gefunden zu haben. Denn in der soeben bekanntgegebenen allerhöchsten Veröffentlichung über die bevorstehenden Ersatzwahlen ist von einer Änderung des Wahlmodus nicht die Rede. Um so bestimmter ist vorauszusehen, daß die Wut der unbefriedigten Verbändler in der nächsten Zeit in schroffen Kundgebungen und in gemeingefährlichen Einschüchterungen sich Luft machen wird. Eine tausendjährige jüdische Gemeinde Die jüdische Gemeinde von Theodosia hat jüngst das . Jubiläum ihres tausendjährigen Bestehens gefeiert. Man hat ziemlich sichern Anhalt dafür, daß die dortige Synagoge bereits auf eine tausendjährige Vergangenheit zurückblicken kann. Sie ist auf einem Berge gelegen und war lange Zeit unbeachtet und unbenutzt geblieben. Zeitweise war sie durch einen Erdrutsch zu einem unterirdischen Dasein verdammt. „Erst" vor wenigen Jahrhunderten haben pietätvolle Hände das ehrwürdige Bauwerk ausgegraben und seiner frühern Bestimmung übergeben, der es seither ohne Unterbrechung gedient hat. Amerika Von der „Teufelsinsel" Das „Freie" Amerika hat nun auch seine „Teufelsinsel". Das ist nämlich der Name, welcher von den armen Immigranten, der dem New Yorker Hafen vorgelagerten Insel Ellis Island, beigelegt worden ist, auf der die hochnotpeinliche Untersuchung derer vor sich geht, welche an der Pforte der Neuen Welt Einlaß begehren. Die schikanöse Handhabung der gesetzlichen Bestimmungen über die Abweisung „unerwünschter" Einwanderer ist gerade in unserer Zeit häufig Gegenstand der öffentlichen Erörterung gewesen, und die gerechte Entrüstung aller human Gesinnten, hat auch in der freiheitlichen Presse des Auslandes jkräftigen Widerhall gefunden. Wie erfinderisch die Not die Ärmsten häufig macht, welche, so nah dem Ziele ihrer recht bescheidenen Sehnsucht erbarmungslos zurückgestoßen werden, das zeigt die immer zunehmende Zahl der „Expreß"-Trauungen, die in den Räumen der Einwandererstalion vorgenommen werden, um den nachgekommenen Bräuten die Landung zu ermöglichen. Die Fälle, in denen junge jüdische Burschen sich von der Seite ihrer Bräute reißen, um sich und ihrer Erwählten unter unsäglichen Entbehrungen in der Neuen Welt eine bescheidene Existenz zu gründen, zählen zu den rührendsten Szenen in der gewaltigen Tragödie der jüdischen Wanderung, und finden durch dieses neue Produkt des „Amerikanismus" einen recht prosaischen, unwürdigen Abschluß. Während im allgemeinen die unwirtlichen Einwandererhallen nur Zeugen der profanen, standesamtlichen Trauungen wurden, bildet eine solenne synagogale Trauung die neueste Sensation im Leben der Insassen von Ellis Island. Ein junger Jude, Sam. Maislik, der vor ein oder zwei Jahren hier landete, war kürzlich in der glücklichen Lage von seinen Er- " sparnissen soviel zu erübrige^, um seiner Verlobten ein Billet für

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