Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 34 (20.8.1909)
- Date
- 1909-08-20
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Antisemitismus Wir haben zuweilen über griechischen, über armenischen Antisemitismus in der Türkei geschrieben. Vielleicht ist heute der Tag, von dem an über türkischen Antisemitismus wird geschrieben werden müssen. Und nicht von jenem stillern, unschuldigem Antisemitismus der Verachtung, der-aus dem Gefühl der Kraft gegenüber der Ohnmacht entsteht und der sich sogar mit einer ziemlichen Basis Wohlwollen, Bonhomie und Beschützertum recht gut verträgt, wie sie der Türke ftir den Juden allgemein an den Tag legt, sondern von dem ganz gemeinen, giftigen, schlingenlegenden und auflauernden Antisemitismus des Hasses. „Ost und West", das Organ der A. J.U., hat einmal die glorreiche Entdeckung von der Gleichzeitigkeit der Wiener Judentaufen un'd des Wiener Zionismus gemächt und aus dem „simul cum hoc" das „ergo propter hoc" gefolgert. Kann sein, daß es ebenso das Auftreten des türkischen Antisemitismus mit dem des türkischen Zionismus verbinden wird. Diesmal ist es aber damit nichts. Der Mann* von dem zu berichten ist, der Deputierte des ottomanischen Parlaments Ebuzzia Tewfik, hat seine antisemitischen Sporen schon vöf vielen Jahren mit einer judenfeindiicheri Broschüre verdient, zu deren leiten der Zionismus noch gar nicht existierte. Es ist kein gutes Zeichen für den Zustand der Gemüter hierzulande, wenn Ebuzzia Tewfik just jetzt den Moment für gekommen ansieht, seine abgestandene Weisheit aus dem alten Regime1 zum erstenmal unter dem neuen wieder aufzutischen. Er tut das in einem1 Artikel seines Blattes „Taswir-i-Efkiar", in einem Reisebrief aus London, wo er als Mitglied der parlamentarischen Deputation gefeierter Gast der Engländer war* unter denen die Londoner Juden nicht seine ünliebenswürdigsteri Gastgeber gewesen sind. Diese Londoner Juden, getaufte urid ungetaufte, malt er seinen Ländsleuteit in einem Ausschnitt aus der Londoner Handelskammer, Das heißt, er karikiert sie. Er gibt vor, tiefe Studien än ihnen zu machen, dichtet ihnen aber leichtfertig alle jenen ganz gewöhnlichen Charakteristika an, die Ahlwardt, Drumont und Chamberlain, jeder in seiner Sprache, zu variieren. pflegten. Soweit ist die Sache nur durch das neue Idiom originell, sonst in gar nichts. Interessanter und schlimmer wird sie aber durch einen besondern Umstand: Ebuzzia führt einen jüdischen Eideshelfer an, keinen' längst ausgeschlachteten, wer weiß wann verstorbenen, sondern einen Narrten von Klang äüs der jüdisch-türkischen Gegenwart, — keinen andern als Nessim Mäzliach. Der Ärmste! Erst mußte er als stummer Zeuge in der traurigen Pariser Älliancevisite und nun gar als redender in einem Antisemitenbericht füngieren. Der merkwürdige Abschnitt aus Tewfiks Artikel lautet wörtlich: „Selbst Nessim Mäzliach, der intelligente und liberale Deputierte, der sich mit uns befand, sowie Sasson Effendi, Abgeordneter für Bagdad, der die ernstesten patriotischen Empfindungen erkennen läßt, schauten auf jene Individuen* jene Juden ... im vollen und wahren Sinne des Wortes und Waren gleich mir, oder vielleicht mehr als ich angewidert von diesen zweideutigen Gesichtern. Mäzliach selber sagte zu mir: »Seht nur die Gesichter dieser Individuen. Sie suchen uns mit einer ernsten Miene sicher zu machen, — um dann das Blut und das Leben aus unsern Adern zu nehmen. Das sind die Juden, die die abendländische Zivilisation hervorgebracht hat. Nehmt euch in acht, nehrrit euch in acht!« Und dann folgen weiter ebenso merkwürdige Äußerungen, mit denen Mäzliach Sir Ernest Cassel und alle jene Juden (nicht dem Glauben nach, wie Ebuzzia betont) bedacht haben soll, »die von der Erschließung der natürlichen türkischen Reichtümer sprechen, aber nur das ottomanische Land aussaugen wollen.« Den Schluß des Meisterwerkes bildet die obligate, hier sehr lehrreiche Versicherung, daß Ebuzzia einen großen Unterschied zwischen diesen Juden des Auslandes und den lieben ottomanischen Juden mache, in deren Adern »das Blut des ottomanischen Patriotismus rolle.«" Es braucht nicht lange hervorgehoben zu werden, daß Nessim Effendi Mäzliach sofort in seiner Zeitung, dem „Ittihad", ein formelles und kategorisches Dementi hinter dies ganze hinterlistige Geschwätz gesetzt hat. Er verwahrt sich dagegen, auch nur ein Wort von all dem ihm Zugeschriebenen gesagt zu haben. Aber auch ohne diese Versicherung war es klar, daß kein anständiger, nein auch nur sinniger türkischer Jude den Patriotismus so weit treiben kann, daß er seine ausländischen Volksbrüder als die Vampire seines Vaterlandes denunzieren sollte. Man darf gespannt sein, wohin nun der Federkrieg zwischen „Taswir-i-Efkiar" und „Ittihad" führen wird. Denn daß Ebuzzia jetzt schweigen sollte, nachdem er der Lüge und Erfindung bezichtigt ist, ist kaum anzunehmen. Wahrscheinlich wird eben die Frage der ausländische, und inländischen Juden weitere Erörterung finden. Wir werden Gelegenheit haben, die jüdische Solidarität auf dem Plane zu sehen. So wollen wir wenigstens hoffen! Brief aus Palästina Bestattung des Herrn Aron Vecht in Jaffa (Wir haben bereits in der letzten Nummer einen kurzen telegraphischen Bericht über die Bestattung Aron Vechts veröffentlicht Nachstehend bringen wir den ausführlichen Bericht unseres Jaffaer Korrespondenten.) Jaffa, den 5. August 1909. Gestern traf die Leiche des seh Herrn Aron Vecht aus Antwerpen, gewesenen Mitglieds des großen Aktionskomitees, in Begleitung seines Sohnes Moses Vecht und seines Freundes Herrn Graff, eines der ersten Kolonisten aus Sichron- Jaco'b in Jaffa ein. 21 Tage allein hatte die Schiffsreise in Anspruch genommen, und ein Gefühl der Erlösung empfand der Sohn, nach vieler Mühe mit der Leiche seines Vaters palästinensischen Boden endlich erreicht zu haben und eine heilige Pflicht der Pietät erfüllen zu können. Das Leichenbegängnis ging vom jüdischen Hospital Schaare-Ziort aus, wohin die Leiche vom Schiff direkt gebracht wurde. Eine große Volksmenge versammelte sich hier zur angekündigten Stunde, um diesem ersten großen Zionisten, der als Toter zur dauernden Niederlassung nach Palästina gekommen ist, die letzte Ehre zu erweisen. Im Hospital hielt in Vertretung des abwesenden Rabbiners Kuk der Dajan Reb Joseph Halevy als erster die Trauerrede. Nach ihm sprach noch der Jaffaer Gemeindesekretär Herr Goldmann im Namert der jüdischen Bevölkerung Jaffas und Herr Rabbiner Guttmann im Namen der Jaffaer Misrachi-Organisation, worauf sich der Leichenzug in Bewegung setzte. Eine große Menge folgte ihm, trotz der brennenden Sonnenglut, über den glühenden Dünensand längs des Meeresstrandes zum neuen jüdischen Friedhof. Im Namen der Parteileitung begrüßte am Grabe Herr Dr. Thon den verstorbenen Gesinnungsgenossen auf palästinensischem Boden als einen auf dem Schlachtfeld gefallenen wackern Streiter für unsere Idee, der nicht um hier zu sterben nach dem Heiligen Lande sich sehnte, sondern mitten in den Vorbereitungen zur Übersiedlung nach Palästina leider unterwegs gestorben ist. Aron Vecht kann für uns als Sinnbild des ewigen Juden dienen. Nicht die Gestalt des Ahasver, des gebrochenen, nackten, ausgehungerten, von allen und von überall vertriebenen, wie ihn uns die fremden Völker vorgebildet haben, soll uns den ewigen Juden darstellen, sondern die überragende Erscheinung eines Aron Vecht, der von Land zu Land zieht, in jedem neuen Milieu nicht der unterworfene, sondern der Beherrscher seiner Umgebung ist, von nirgend getrieben, sondern überall gern gesehen wird und dennoch keine Ruhe findet, weil in seinem Herzen die unauslöschbare Sehnsucht nach Zion brennt. Die Arbeit in diesem Lande, die ihm persönlich auszuführen nicht mehr vergönnt war, will jetzt seine Familie in seinem Geiste aufnehmen. Möge bald die Stunde kommen, in der das jüdische Volk in der Lage ist, die ihm auferlegte Pflicht zu erfüllen und Theodor Herzl, zu dessen ersten und treusten Freunden und Mitarbeitern Aron Vecht gehörte, nach Palästina zu bringen. Die Herren Dr. Chissin, Scheinkin und Mossinsohn erzählten noch aus persönlichen Erlebnissen, welch überwältigenden Eindruck stets auf den Kongressen die majestätische Gestalt Aron Vechts, des Delegierten aus Neuseeland, auf alle Versammelten zu machen pflegte. In ihm kam jene jüdische Tragik zum Ausdruck, die sich darin kundgibt, daß das jüdische Volk trotz seiner großen Sehnsucht nach Palästina, doch in sich nicht genug Kraft findet, das Ziel seiner Träume auch in! Wirklichkeit zu erreichen. Nun aber sei uns ein gutes Omen, daß, wie bei der Familie Vecht, die Kette zwischen jenen Vorfahren, die das Land vor Jahrtausenden verlassen haben, und ihren jetzigen Nachkommen, die es wieder aufgesucht haben, sich geschlossen hat, solche geschlossene Ringe in immer größerer Zahl aufkommen, die sich dann zu einer einzigen mächtigen Kette zusammenschließen. Herr Moses Vecht spendete zur Erinnerung an diesen Begräbnistag 50 Bäume im Aron-Vecht-Haine und einige Beträge an hiesige Wohltätigkeitsanstalten. Schulschlußfeier im Hebräischen Qymnasium Jaffa, 18. Aw. Das Hebräische Gymnasium und die Mädchenschule des Odessaer Komitees sind bereits geschlossen, und auch in den übrigen Schulen wird der Unterricht bald aufhören. Die Gymnasialjugend feierte gestern den Jahresschluß durch eine festliche Veranstaltung mit dramatischen Aufführungen, Gesang und Musik. Das Fest zog ein großes Publikum ins Gymnasium und die ungebundene, frohe Lustigkeit der Jugend machte einen allgemein erhebenden Eindruck.