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Die Welt · 1909-08-20 · 34 (20.8.1909) · page 8

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Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
34 (20.8.1909)
Date
1909-08-20
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Freiheitsepoche Ehre gemacht, und diesen Versuch zur Etablierung der bürgerlichen Ungleichheit und Unfreiheit ganz entschieden zurückgewiesen. So ist einstweilen die Türkei kein antisemitisches und kein — antizionistisches Land geworden. Dieser historische Vorgang verdiente von der jüdischen Öffentlichkeit Europas zur Kenntnis genommen zu werden. Er zerstört gründlich das ganze, durch eine Lügenkorrespondenz und ein gefälschtes Telegramm erzeugte Vorurteil, als ob die offizielle Türkei die geschworene Feindin unserer Bestrebungen sei und ihnen einen Riegel vorzuschieben gedenke, wie insbesondere die verleumderische Auslegung, als ob eine verkehrte zionistische Agitation in türkischen Landen die Veranlassung zu solchen Repressalien geschaffen habe. Was von diesem ganzen Kartenhaus bleibt, ist das Treiben eines einzelnen Mannes, der als Judenfeind bekannt war, als er zur Macht kam, und der einen mißglückten judenfeindlichen Vorstoß versuchte. Das ist alles. Und noch einmal muß an dieser Stelle wiederholt werden : daß man sehr irrt, wenn man glaubt, daß unter dem neuen Regime schon alles dem klaren kollektiven Volkswillen gemäß geschehe, und das die persönliche Politik oder die persönliche politische Intrigue, weil Abdul Hamid vom Schauplatze verschwand, nicht mehr existiere. Die Juden im allgemeinen, wie die Zionisten im besonderen, werden noch genug mit ihr zu rechnen haben. * *. Der Amtsantritt des neuen Ministers des Innern, Talaat Bej, darf in dieser Hinsicht Hoffnungen erwecken. Wir wollen nicht prophezeien. Aber es leuchtet ein, daß von einem Mannender zu den jugendlichen Vorkämpfern der neuen Gedanken gehört, und den seine parlamentarische Reise durch Europa jüngst erst überzeugen mußte, daß nur die volle Realisierung dieses neuen Gedankens der Türkei in der europäischen Welt Kredit schaffen kann, gewißlich mehr zu erwarten ist, als von einem Routinier der hamidischen Politik. Talaat Bej hat die Juden an der Mitarbeit für die Herbeiführung der Konstitution gesehen. Er hat großes Vertrauen in die Treue wie in die Fähigkeiten der Juden. Einem Manne wie ihm müssen auch die zionistischen Pläne verständlich werden. Wenn die Abschaffung des roten Zettels — dieses Minimum zionistischer Forderungen — unter Ferid, und nach seinem Fortgang in den Tagen des ministeriellen Interregnums auf sich warten ließ, so hoffen wir sie unter Talaat Bej unter den ersten seiner selbstverständlichsten konstitutionellen Akte sofort verschwinden zu sehen. Am Chachambaschi ist es, keine weitere Verzögerung einreißen zu lassen. Armenischer und jüdischer — Separatismus Ein armenischer Separatismus hat vielleicht einmal in gewissen Jugendorganisationen der Nation, zuzeiten der Tyrannei Abdul Hamids, bestanden. Er diente ehemals mit jenem Schein von Recht, der der russischen Pogrompolitik eigen ist, für die fürchterlichen Metzeleien zum Vorwand, die die an Art und Schicksal uns so ähnliche Nation uns noch besonders nahe bringt. Daß dieser Separatismus mit Verkündigung der Konstitution spurlos für immer verschwinden mußte, war jedem Unverblendeten klar. Die Armenier haben so wenig, wie die Juden, außerhalb des ottomanischen Reiches einen politischen Schwerpunkt, nach dem hin sie gravitieren könnten; und sie wären ebensowenig in der Lage wie wir Juden, als eigenes, abgesondertes politisches Gebilde, zu existieren. Genau wie ein unabhängigkeitslüsternes Palästina, wäre ein solches imaginäres Armenien morgen die Beute des hungrigen, übermächtigen Nachbarn. Darum kennen die armenischen Patrioten, so wenig als wir Zionisten, politisch separatistische Ziele. Gleichwohl hat auch unter der neuen, freiheitlichen Sonne dieses abgeschmackte Märchen zur Entfesselung der Bestialität und Mordlust herhalten müssen. Die Gemetzel von Adana geschahen unter seinem Zeichen. Die Schuldlosen mußten bluten, weil Abdul Hamid sie zu verruchten Zwecken bluten lassen wollte und darum verleumdete. Es ist eines der trübsten Kapitel der Geschichte des Kabinetts Hilmi, daß es auch nachher an der ruchlosen Fiktion noch festhielt, es selbst, das Kabinett, nachdem längst schon ein neues Zepter im Lande regierte. Es hätte besser unterrichtet sein müssen, als die von einem Tyrannen aufgehetzte Masse. Aber es fürchtete den Chauvinismus der Türken und — verschwieg lange die Wahrheit. So konnte es geschehen, daß die Fabel von der indirekten Schuld der Armenier an den Adaner Unruhen fortbestand, daß man immer noch von ihren Provokationen durch separatistische Aktionen sprechen durfte. Und so konnte geschehen, was entsetzlicher war als die Gemetzel selber, daß das Kriegsgericht, das die Schuldigen zu treffen nach Adana entsandt war, sechs — wahrscheinlich unschuldige — Armenier verurteilte und hängen ließ! Den Entrüstungs- und Schmerzensschreien der Nation wurde dann von eben diesem Kriegsgericht, das sich damit zu entschuldigen gedachte, der alte Schimpf der Separationsbeschuldigung zugeschleudert. Als Zeichen des Protestes des gesamten armenischen Volkes, reichten nun Patriarch und Synode ihre Demission ein, die die Regierung nur durch Widerruf der Beleidigung rückgängig machen konnte. Das Kabinett Hilmi Pascha hat wohl eingesehen, daß es allzuweit ging und daß das armenische Volk seine Genugtuung erhalten müsse, wenn nicht ^die moralische Position des neuen Regimes gegenüber Europa unheilbar kompromittiert bleiben sollte. So ist denn dieser Tage — nach dem Fortgang Ferid Paschas — den Armeniern die offizielle Satisfaktion geworden. Die Regierung spricht die Nation in einem Rundschreiben an alle Wilajets von dem Vorwurf des Separatismus frei und erklärt, an ihre Treue und Loyalität gegenüber dem ottomanischen Vaterland fest zu glauben. Die Judenheit, welche weiß, was es heißt, unter allgemeinen Beschuldigungen zu leiden, kann der armenischen Nation zu dieser Ehrenrettung gratulieren. Sie ist ihr eine Lehre. Sie war nur durch die aufopfernde Solidarität aller, und vor allem durch den furchtlosen Patriotismus und die feste Energie ihres Oberhauptes, des Patriarchen, möglich. Werden die ottomanischen Juden, wenn gegen eine Gruppe unter ihnen ein ähnlicher Vorwurf erhoben wird, dieselbe Volkstreue und Solidarität bezeugen? Oder werden sie feige ihren eignen Pelz waschen und den Verleumdern ihrer Brüder recht geben? Oder werden sie gar die Verleumdung selber schaffen und damit die Herostratentat gewisser Alliancehäupter wiederholen? Wird der Großrabbiner mit jener Festigkeit, die die Ehre des armenischen Patriarchen war, Zeugnis .ablegen, ohne Zaudern, ohne Warum und Vielleicht, nach Pflicht und Gewissen, und seine Persönlichkeit einsetzen für die Ehre und das Schicksal des jüdischen Volkes? Selbst, wenn die Beschuldigten die Zionisten sind? Die Vereinigung der Aschkenasim Was wir vorige Woche als Wahrscheinlichkeit bezeichneten, ist endlich zur frohen Wirklichkeit geworden. Sämtliche deutschsprechenden Juden Konstantinopels bilden künftig einen einigen Verband, unter dem Namen „Aschkenasische Kultusgemeinde." Die persönlichen und Kehillareibereien sind endgültig zugunsten des allgemeinen Besten in den Hintergrund getreten. Man hat sich gegenseitig und die gemeinschaftlichen Interessen besser verstehen gelernt. Die Zeit der gegenseitigen Anklagen und Proteste ist hoffentlich für immer vorüber. Die Einigung wurde auf folgender Basis erzielt: Die frühere deutsch-österreichisch-israelitische Kultusgemeinde sowie die Gruppe der andern Gemeinden bilden einen gemeinsamen Vorstand von zwölf Mitgliedern, sechs aus jeder Gruppe. Die Vorstandsmitglieder müssen sämtlich ottomanische Untertanen sein. Der Vorstand, der nur provisorisch ist, läßt das neue Gemeindestatut von der Regierung bestätigen und beruft seinen Vorschriften gemäß, eine allgemeine Genaralversammlung sämtlicher Aschkenasim, die den neuen definitiven Vorstand wählen wird. In die Wohltätigkeitskommission der Gemeinde werden auch Vertreter ausländischer Unterstützungsorganisationen gewählt, und ausländische Juden sind zum Genüsse der Gemeindewohltätigkeit mit den ottomanischen gleichberechtigt. Den Gabellaanteil von der Großgemeinde erhebt und verteilt der Vorstand. Alle vergangenen Ansprüche und Proteste werden zurückgezogen. Das ausgezeichnete Ergebnis ist den unermüdlichen, kfugen und taktvollen Bemühungen des Präsidenten des bisherigen Aschkenasimkomitees und nun der Aschkenasimgemeinde, des Herrn Henry Reisner, zu danken, der — alles spricht dafür — wohl definitiv der Leiter der geeinigten Konstantin opeler Aschkenasimgemeinde bleiben wird. Das dieser verdienstvolle Mann ein seit langen Jahren bewährter Zionist ist, dessen mögen wir uns freuen. Auf die nächste Phase der hiesigen Genieindegeschichte darf man gespannt sein. Es handelt sich jetzt darum, welche Stellung die neue Gemeinde innerhalb der Großgemeinde, den Sephardim und dem Mischlisch gegenüber gewinnen wird. Das Konsistorium verfolgte ihre Entstehung mit keinem wohlwollenden Auge. Solange die Aschkenasim in sich gespalten waren, konnte man einen Teil gegen den andern ausspielen und allen die Gabella schmälern, zu der doch gerade die Aschkenasim den größern Anteil lieferten. Das Großrabbinat versuchte vergebens, die neue Bildung zu einer „Stadtviertel-Haschgachah" herabzudrücken. Es wird nun wohl oder übel die Gemeinde bestätigen und mit ihr als Machtfaktor rechnen müssen. Es hat alle Ursache, einen Konflikt zu vermeiden, der zur völligen Trennung der Aschkenasim von den Sephardim führen müßte, von der nur die Sephardim allen Schaden hätten; denn die Aschkenasim sind ihnen an Initiative wie finanziell bedeutend überlegen.

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