Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 34 (20.8.1909)
- Date
- 1909-08-20
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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DIE^KELT No. 34 o O o (flopapp FEUILLETON O □□□□□□) 'J ORIENTBILDER ii Eine .Prinzeninsel Von Stambul herüber schauen die weißen Prachtmoscheen der guten alten Türkenzeit. Fatalistisch in sich abgeschlossene Kuppeln, zwischen hohen Minaretts, welche turmhohen Wachskerzen gleichen, mit kegelförmigen Löschhütchen oben; denn die Kerzen brennen schon lange nicht mehr. Ich höre immer und immer wieder: europäische Seite, asiatische Seite. Es ist nur eine Redensart, denn hier, am europäischen Ufer, ist noch Asien, während drüben, am asiatischen Gestade, Europa die ganze Wirtschaft übernommen hat. Der anatolischen Eisenbahn entlang, wenigstens zwischen den ersten Stationen, sieht es so furchtbar kultiviert aus. Es ist die banale, langweilige Kasernenkultur: es klappt alles! So wird es einmal überall aussehen. Aber noch ist ein bißchen Eigenart geblieben. Unser Klapperkasten steuert kühn ins weite Marmara-Blau hinaus, über dem die weißen Möwen flattern wie Kohlweißlinge über eine Wiese. Ein starker Südwind faucht uns entgegen und bürstet die Wogen gegen den Strich, was sie noch um etliche Grade des Zyanometers blauer macht. Wir legen in Prinkipo an. Prinkipo ist bekanntlich die größte der Prinzeninseln, die diesen Namen führen, weil mau sich wie ein Prinz vorkommt, wenn man ihr Gestade betritt. Alle übrigen Deutungen sind unzuverlässig. Vielleicht ist das mit ein Grund, daß viele Juden hier wohnen, — Israel b'ne m'lachim hem! Prinkipo ist eine Art Samoa-Insel im Marmarameer, ein Smaragdblock in einer kleinen Südsee von reinstem Türkisblau. Wenn der Dampfer so aus dem Goldnen Horn hinausdampft, aus dem Blauen ins Blauere und dann ins Blaueste, sieht man jenseits all des wogenschlagenden Azurs die wimmelnde Hügelküste hingelagert. Für jeden Italienkenner ist das ein anheimelnder Anblick. Man glaubt von Neapel auf Resina, Torre del Grecco, Castellamare usw. loszufahren. Wenn man, wie ich, zum ersten Male über Kadikö und Haidar Pascha geht, wird man ein wenig ernüchtert. So technisch und polytechnisch, von Aktienluft umweht und prozentesprühend liegen diese europäisierten Orte da! Der Kopfpunkt der anatolischen Eisenbahn! Lastenbahnhofsstimmung, Warenkaipoesie, Häfendamm-Baukunst, magazingelbe Häuserwürfel, hospitalgrüne Lazarette, Stockwerkreihen, Häuserreihen. Das schwitzt alles Kapital, es sprudelt von Aufsichtsratslaune oder glüht in der Verklärung einer glänzenden Bilanz, der helle Buchungsfarben geschickt aufgesetzt werden. Endlich sind wir in Prinkipo. Ein blanker Pier, mehrere Badehütten, hell getünchte Hotels am Strande, mit französischen Aufschriften: Hotel des Etrangers, Brasserie, Hotel Giacomo, Savoy u. dgl., dazu Feigenbäume und Lorbeerbüsche, — so etwas Borromeisches. Unter den Aufschriften leuchtet mir die hebräische Aufschrift eines Frisierkünstlers entgegen; die Schrift ist hebräisch, wie von einem Thoraschreiber geschrieben, aber die Sprache ist spaniolisch. Alles ist da, nur keine Terrassen, keine „Parade" eines englischen Seeplatzes, keine Digne eines französisch-belgisch-baskischen Badestrandes. Meine alten Seebadtraditionen sind — zerronnen. Prinkipo ist ganz einfach ein Dorf auf einer Insel im Meere. Ein sehr nettes Dorf, schöner als all die schönen Plätze am Bosporus. Und wie griechisch! Für Klassiker empfiehlt sich beispielsweise das Hotel Kalypso, wo Odysseus ganz bestimmt auf der Altane frühstückte. Hat nicht der alte Homer hier die Fäve o'clocks besucht? Zweifellos! Ich habe den Eindruck, daß all die Griechen, die hier herumgehen . . . Kreta „einverleiben" und daß sie von der „Megalsidee" besessen sind. (Mein Freund spricht sie immer türkisch an, — daß sie zerspringen!) Man ist wie in Griechenland. Eine schöne Natur da oben. Schöne Pflanzen, Bäume, Steine, Lüfte, Horizonte, alles üppig. Die Tannenzapfen über meinem Haupte sehen aus wie Artischocken. Auf einer Tafel quer durch den Vordergrund las ich eine alte Inschrift: „Diverses boissons de l'Europe, Sirops, Limonade gazeuse, Vin de St. George, Biere Bomonti". Oben hing eine große achteckige Petroieumlaterne mit der griechischen Aufschrift: „Ear aionion", zu deutsch: „Ewiger Frühling". Wenn der Frühling^ so heiß ist und wenn er ewig so bleiben muß, —" mochte ich mich schön dafür bedanken. Der Kaffee erschien und mit ihm das gute Wasser, das man „Steindurchbohrer" nennt. Steindurchbohrer heißt auf türkisch „Taschdelen" und ist eine Trinkwasserquelle, die bei Bujakdere den Fels durchbohrt und in kleinen breitrunden Flaschen versendet wird. Ein bekannter Arzt deutete mir an, die Etymologie, sei auf eine gewisse Eigenschaft des Wassers zurückzuführen, das ganz andere Steine durchbohrt. Dieses Getränk, das selbst ein rechtgläubiger Muselman trinken darf, steht auf der Insel in hohem Ansehen. Von Türken ist hier nicht viel zu sehen. Ich habe wiederholt die stereotype Phrase gehört: diese Villa gehörte früher Izzet-Pascha. Allah, was gehörte nicht Izzet-Pascha? Und noch eins: in dieser Villa verschied der Astrolog Abdul-Hamids. Der letzte Sternseher des letzten absoluten Türkenherrschers wurde von der Menge auf der Straße angegriffen und arg zugerichtet. Er wurde dann nach seiner Villa in Prinkipo gebracht und starb hier nach fünfmonatlichem Leiden. So ein Astrolog! Wir beobachten' die Küsten und das Meer. Da unten liegt eine kleine Insel, die aussieht wie ein Seehundsrücken, bräunlich-fahl, mit einem wejßen Fleck in der Flanke. Dieser ist ein alter Steinbruch; man hat dort einst Marmor brechen wollen, ist aber bald davon abgekommen,' Je*tzt ist das Eiland von zwei Türken bewohnt, einem toten und einem lebendigen. Ein reicher Muselman hat sich eigens dort begraben lassen, in edler Meereseinsamkeit, abseits von aller Nachbarschaft der „Stationäre" und der Protektionen, Kapitulationen und „Einflußsphären". In seinem Testament bestellte er sich einen türkischen Grabwächter, für den ein rotes