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Die Welt · 1909-08-20 · 34 (20.8.1909) · page 5

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Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
34 (20.8.1909)
Date
1909-08-20
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Wie der „Fraind" weiter berichtet, hat dieser Aufruf in Amerika und Europa lebhaften Widerhall erweckt. Zahlreiche Organisationen und Vereine in London, Paris, Wien und Berlin, die sich mit dem Emigrationsproblem praktisch beschäftigen,' haben sich für einen derartigen Kongreß ausgesprochen, auf dem die Bevölkerungskreise, aus denen sich die Emigration rekrutiert, auch selbst vertreten sein' und zum Worte kommen müßten. Denn nur das volle Zutrauen der Wanderermasse katin den Erfolg einer solchen Aktion gewährleisten. Wenn der geplante Kongreß eine Volksorganisation auf breitester Basis ins Leben rufen und diese Organisation eine wirklich großzügige Regelung des gesamten Aus- und Einwanderungswesens anbahnen wird, wenn sie den Emigranten der Notwendigkeit überheben wird, sich der Vermittlung von allerlei Agenten, Bankiers, Schiffsgesellschaften, Wohltätigkeitsbureaus und privaten Wohltätern zu bedienen,, wenn sie ihn unterwegs beschützen und mit den erforderlichen Auskünften versehen und ihnen in der Auswahl derjenigen Einwanderungsplätze an die Hand gehen wird, die sich für ihn am besten eignen, dann wird sie sicherlich große Erfolge erzielen. Damit wäre die Aufgabe einer solchen allgemeinen Organisation jedoch noch lange nicht erschöpft. Sie hätte den Auswanderern neue Wege zu bahnen, neue Tore zu öffnen und die Pforten, die gegenwärtig halb offen stehen, ganz aufzuschließen. Die Auswanderung von Handwerkern und Landarbeitern nach Argentinien gewinnt auch ohne planmäßige Organisation einen immer größeren Umfang. Die freie Türkei ist jetzt zu einem äußerst wichtigen Einwanderungsgebiet geworden, dem die weitesten Kreise der Judenheit lebhaftes Interesse zuwenden. Es steht zu erwarten, daß die Türkei mit der Zeit einen der ersten Plätze in der Reihe der jüdischen Einwanderungsländer einnehmen wird. Alle diese Probleme müßten auf dem geplanten Weltkongreß, an dem zahlreiche sachkundige Männer und Praktiker der jüdischen Wohlfahrtspflege teilnehmen werden, eingehend beraten werden. Unter den Persönlichkeiten, die ihre Teilnahme an dem Kongreß bereits zugesagt haben, befinden sich auch jüdische Deputierte verschiedener Parlamente, und diese werden dem Kongreß sicherlich ihre Mithilfe zur Lösung mancher heiklen und verwickelten Frage der jüdischen Emigrationspolitik leihen. Im politischen und gesellschaftlichen Leben vieler andern Völker spielt die Emigrationsfrage eine viel geringere Rolle als bei uns Juden, und dennoch haben sie sich damit viel gründlicher und großzügiger beschäftigt und infolgedessen auch viel günstigere Erfolge erzielt, als wir mit unserer bisherigen unsystematischen und kleinlichen „Tätigkeit". Die Tschechen z. B. kennen den Krebsschaden der blutsaugerischen Auswanderungsagenten gar nicht und wissen überhaupt nichts von den furchtbaren Übelständen, die die Begleiterscheinung der osteuropäischen jüdischen Auswanderung bilden. Trotzdem haben sie die Notwendigkeit einer zweckdienlichen Regelung ihres Emigrantionswesens längst erkannt und eine eigene Auswanderungsbank gegründet. Auch die Slowaken und Italiener besitzen derartige Finanzinstitute. Die italienische Regierung hat eine internationale Emigrationskonferenz einberufen, in der die Juden als Gemeinschaft selbstverständlich nicht vertreten sein werden. Allerdings können wir — so schließt der Artikelschreiber im „Fraind" — uns mit andern Völkern nicht vergleichen. Uns steht keine staatliche Gewalt zur Verfügung. Aber grade deswegen ist es unsere Schuldigkeit, diese Funktion einer Staatsregierung freiwillig zu übernehmen, da wir grade in dieser Frage die Möglichkeit wirksamer Selbsthilfe und erfolgreichen nationalen Zusammenschlusses haben. Die allgemeine Lage der Landwirtschaft in Palästina Der „Osmanische Lloyd" in Konstantinopel veröffentlicht unter dem Titel „Der Rückgang der Landwirtschaft in Palästina" folgenden bemerkenswerten Artikel: Es darf nicht bloß von einem Rückgange der Landwirtschaft in Palästina im allgemeinen gesprochen, sondern dieser Rückgang muß als ein ganz außerordentlicher bezeichnet werden. Wir müssen in Palästina nicht nur das Brachliegen ungeheurer Gebiete, die meistens fruchtbringend waren, konstatieren, sondern auch, wenn man sich treffend ausdrücken will: die Flucht der Bauern (Fellachen) von dem Lande. Palästina gehörte einst, wenn man den begeisterten Schilderungen eines Josephus, Plinius, Dio Cassius u. a. auch nur einigermaßen Glauben schenken will, wenn auch nicht zu den üppigsten, so aber doch zu den gesegneten Ländern des Mittelmeeres; Palästina gehört jetzt zu den unglücklichsten, zertretendsten und verarmtesten Ländern der Türkei! Gewiß hat es als der Schauplatz ungezählter Kriege durch diese unsagbar gelitten und auch die Ära der türkischen Herrschaft hat diesem Lande bisher so gut wie keinen Segen gebracht. Das ist nicht zu verwundern; das despotische Regime, das wie ein Fluch auf den Völkern des türkischen Reiches gelastet hat, konnte auch unserm Lande nicht zum Segen werden. Zwar werden die Wunden, die das alte Regime den einzelnen Volkskörpern geschlagen hat, nicht so leicht verheilen und manche Narbe wird noch auf lange hinaus in Palästina zu sehen sein, aber der Geist der Zuversicht und der frohen Hoffnung auf eine kommende, bessere Zeit bricht sich doch auch im syrischen Volke mehr und mehr Bahn. Wenn irgend ein Land des osmanischen Reiches, so schreit Palästina nach Reformen. Und in erster Linie müssen der Landwirtschaft und dem Bauer die Segnungen der neuen Türkei zuteil werden. Die Verpachtung der Zehntsteuer muß einer modernen Einrichtung weichen, welche es dem Bauer ermöglicht, in irgend einer Form dem Staate direkt und ohne Zwischenräume die Steuer zu entrichten. Gerade die bisherige Form ist zumeist daran schuld* daß der Bauer der Verarmung systematisch in die Arme getrieben wurde. Ein weiterer Übelstand in der palästinischen Landwirtschaft ist der alle zwei Jahre stattfindende Wechsel der Äcker und Wiesen innerhalb der einzelnen Gemeinden an die Besitzer, der durch erneute Verlosung erfolgt. Schon aus diesem Grunde wird von den Fellachen in ausgedehntestem Maße Raubbau betrieben; kein Wunder, daß die Erde ausgehungert und zu kraftlos ist, um reiche Ernten zu liefern. Die wachsenden Schulden der einzelnen Gemeinden zwingen die Bauern, einfach zu Geld zu machen, was zu Geld gemacht werden kann. So hat namentlich die Entforstung des Landes Dimensionen angenommen, wie kaum je zuvor. Denn jeder einzelne Bauer muß versteuert werden und die Höhe der Steuer steht oft im schreienden Mißverhältnis zum wirklichen Ertrage des Bauern — kein Wunder, daß der Bauer ausrodet, was ihm nutzlos erscheint, um durch den Verkauf des Holzes noch irgend einen Erlös zu erzielen. Daß diese Entforstung des Landes dem Bestände der allgemeinen Volkswohlfahrt den ärgsten Stoß versetzt, ist klar; denn die von allem natürlichen Schutze entblößte Erde wird in den Regenperioden von den Gebirgen hinweggeschwemmt, wodurch sich das anbaufähige Land mehr und mehr verringert. Das ist aber gleichbedeutend mit einer Verminderung der Staatseinnahmen, die nur in dem Maße wieder gehoben werden können, in dem der Staat die Landwirtschaft schützt. Es ist die Frucht des alten Regimes, daß wir in unserem Lande hunderte von Ortschaften haben, die dem Staate seit Jahren die Zehntsteuer schuldig geblieben sind und gar keine Aussicht haben, sie je zahlen zu können, infolgedessen auch gerade nur so viel Land bebauen, um überhaupt noch zu leben. Eine weitere Folge der hamidischen Zeit ist die schon seit Jahrzehnten eingetretene Flucht der Bauern von dem Lande! Viele Ortschaften sind bereits verlassen; die Häuser stehen leer, die Äcker sind verwildert. Das unglückliche System der Steuerverpachtung hat den Bauer abgehoben vom Mutterboden und ganze Gemeinden haben sich im Ostjordanlande, wo die Steuerverhältnisse ganz andere sind, neue Heimstätten geschaffen. Gewiß wird es für den Gesetzgeber keine leichte Aufgabe sein, diesen, einer vergangenen Zeit angehörenden Augiasstall rein zu fegen, d. h. den palästinischen Bauer von den Schmarotzern zu befreien, die auf seine Kosten ein gemütliches Leben führen, ohne selbst Werte zu erzeugen. Der palästinische Bauer hängt ungemein zäh an seinem angestammten Boden; wird die neue Regierung verstehen, durch eine kluge, von modernem Geiste getragene Gesetzgebung dem Bauer sein Heim wieder lieb und wert zu machen, so dürfte auch dem jetzt so zertretenen, ausgesaugten Lande eine schönere Zukunft erblühen, dessen Segensfülle wiederum der großen osmanischen Einheit zugute kommen würde.

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