Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 33 (13.8.1909)
- Date
- 1909-08-13
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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„Renanah" sein Gesangskonzert erschallen ließ. Die Philippopeier Turnsektion stellte unter dem Licht der 'Luxuslampen ihre Marmorgruppen. Tanz, bis in die tiefe Nacht unter freiem Himmel, schloß das wundervolle Fest ab, das sicher in der Erinnerung der Haskiöer Juden bleiben wird. Der 1. August brachte noch eine Wiederholung des Schauturnens vor dem Peraer Publikum im „Jardin de Paris". Platz, Zuschauerzahl und Stimmung standen nicht mehr auf der Höhe des vergangenen Tages, obwohl die Turner vielleicht Besseres leisteten. Dem zweiten Schauturnen wohnten die hier anwesenden zionistischen Gäste, der Präsident des Aktionskomitees, der Generalsekretär der Partei und zwei Vertreter des russischen A. C. als Gäste bei. Dem Schauturnen gingen am Vormittag Vorführungen im Vorort Haidar Pascha am Bosporus voraus, und folgte abends ein Bankett im Garten vor der Turnhalle, das stark besucht war. Der Nachmittag des 2. August war einer Sitzung des Komitees gewidmet, die die turnerische und organisatorische Situation der bulgarischen Turnvereine behandelte. Leider waren die Berichte der Philippopeier nicht durchaus erfreulich. Die jüdischen Turner Bulgariens haben mit zwei drückenden Notständen zu kämpfen, dem Mangel an brauchbaren Turnhallen und — ihrer Armut. Vielfach wurde der Klage über den Indifferentismus der offiziellen Zionistenkreise Bulgariens der Turnsache gegenüber Ausdruck gegeben. Der Zionismus seinerseits erfahre alle Unterstützung, Belebung und Initiative durch die 3000 jüdischen Turner des Landes, vergelte aber nicht mit gleichem Interesse, weder mit materieller noch auch mit moralischer Unterstützung. — Hierauf wurde das pekuniäre Ergebnis der Konstantinopeler Veranstaltungen besprochen, das bedauerlicherweise nicht auf der Höhe der aufgewandten Opfer, des Enthusiasmus und des moralischen Erfolges stand. Am Vorabend des 3. August bestiegen die wackern „Makkabäer" Bulgariens den Zug, der sie wieder in die Heimat bringen sollte. Hunderte von Menschen gaben ihnen das Geleite. Auf dem Perron wurden in höchster jugendlicher Begeisterung Reden, Gelöbnisse, Händedrücke, Wünsche, Küsse, Lieder ausgetauscht. Unsere Nationalhymne wurde immer und immer wieder angestimmt. Wir haben selten so herzerquickende Minuten erlebt. Man bekam das Gefühl, daß hier eine Unendlichkeit, Unüberwindlichkeit, ein sprudelnder, tosender Strom jungen, jüdischen Freiheitsmutes sich offenbare. Diese Jugendmuß, wird unsere Zukunft größer und schöner gestalten! — Die große zwanzigtägige Turnfahrt der zionistischen Turner Bulgariens, mit Wagemut von einer jungen Schar unter Führung der beiden Herren Calep unternommen, unter unsäglichen Anstrengungen und Entbehrungen durchgesetzt, durch grenzenlose Aufopferung und Energie, unter brüderlicher Beihilfe der ottomanischen Turner, zum Erfolg geführt, ist eine Tat, der wir uns zu rühmen haben. Eine solche große schöne — Tollheit bringt nur der Zionismus fertig. Sie wirkte entzündend, ansteckend, und das ist gut so. Die Turner trennten sich mit dem Wunsche: „L'schana haba bi'Jeruscholajim"! Wir glauben fast, sie machen ihn zur Wahrheit. Zu den großen Festen, welche am 6., 7. und 8. August unter dem Patronat des Sultans in den Parks des Yildis zum Besten der durch die Gemetzel in Adana Geschädigsen veranstaltet wurden, ist der hiesige jüdische Turnverein „Makkabi" um seine Mitwirkung ersucht worden. Der Verein hat gern die Einladung angenommen und seine Mädchen- und Herrenabteilung nach dem Yildis delegiert. Beide Gruppen haben vor einem großen Publikum glänzend bestanden. Dementierte Ernennung Der „Tanin" brachte anfangs dieser Woche die Meldung, daß Carasso Effendi zum Wali von Adana ernannt worden sei. In jüdischen Kreisen herrschte sehr gehobene Stimmung ob dieser Nachricht. Carasso wäie der erste Nichtmuselmane gewesen, der mit so hoher Funktion betraut worden. Niemals war bis dahin ein Jude Gouverneur einer Provinz gewesen. Die Ernennung zum Wali von Adana hätte dreifache Bedeutung gewonnen, da es zur Zeit zweifellos keinen schwierigeren und mehr Vertrauen erfordernden Verwaltungsposten in der Türkei gibt, als gerade den in dieser Stadt, wo zwei feindliche Welten miteinander zu versöhnen sind. Leider war die interessante Nachricht nicht wahr, das Dementi folgte bald. Die Juden werden weiter warten. Sturz des Ministers des Innern Ferid Pascha, der Reaktionär im gegenwärtigen Kabinett, dem das Land das Presse-, Streik- und Vereinigungsgesetz zu verdanken hat, ist den Angriffen des jungtürkischen „Tanin" erlegen. Die türkischen Juden haben keinen Anlaß, über seinen Fall zu trauern, wir Zionisten erst recht nicht. Man weiß, daß er im Ministerrat derjenige gewesen ist, der die Maßregeln zur Beschränkung der jüdischen Einwanderung in Palästina, entgegen den Vorschlägen des Gouverneuers Subbi Bej von Jerusalem, durchaus aufrecht erhalten wissen wollte. Wie nun verlautet, soll in einer der ersten, ohne Ferid Pascha abgehaltenen Beratungen des Ministeriums der Beschluß zur Aufhebung der Einwanderungserschwerungen gefaßt worden sein. Auch die formelle Unterdrückung des roten Zettels, heißt es, sei im Prinzip beschlossene Sache. Minister des Innern wird Talaat Bej, der jugendliche Vizepräsident der Kammer, der an der Parlamentsdelegation nach Europa teilnahm und mit seinen jüdischen Kollegen auch Gast der English Zionist Föderation in London gewesen war. Einigung der Aschkenasim Die vor einigen Monaten bereits signalisierten Versuche zur Vereinigung aller aschkenasischen Gemeinden sind auf dem Punkte, zum glücklichen Abschlüsse zu gelangen. Das Einigungsprotokoll wird voraussichtlich morgen unterzeichnet. Dieses Resultat wird um so freudiger zu begrüßen sein, als dadurch die große aschkenasische Kultusgemeinde stark genug sein wird, sich zu einer selbständigen Entwicklung zu erheben und so der allgemeinen Kommunal- und Schulanarchie, die in der sephardischen Großgemeinde nach wie vor herrscht, zu entgehen. Personalien Der Großrabbiner von Tiberias ist gestorben. Der Großrabbiner Zemach von Adrianopel hat seine Demission eingereicht. Barbarismus in Salonik In [Salonik herrscht lebhafte Empörung über Akte seltener Grausamkeit, die von Seiten übereifriger Polizisten an jüdischen Bürgern begangen wurden. Besonders viel Staub hat die unmenschliche Mißhandlung eines Juden namens Moliah aufgewirbelt, der durch Hiebe mit der Drahtpeitsche fast dem Tode nahegebracht wurde. Die protestierenden Schritte der Gemeindeverwaltung und des „Club des Intimes" haben mit Unterstützung des jungtürkischen Komitees endlich zum Ziele geführt, und die Schuldigen gehen der exemplarischen Bestrafung entgegen. Mazedonische Einwanderungsprojekte Die „Independence Beige" bringt einen Artikel ihres Soloniker Korrespondenten über die Pläne des bekannten Jungtürken Dr. Nasim Bej, die respektvoll als großherzige und weitsichtige Konzeptionen gewürdigt, aber nach eingehender Untersuchung als utopisch und gefährlich verworfen werden. Dr. Nasim Bej geht von den Gedanken aus, daß überall im Reiche, wo das türkische Element in der Minorität ist, die Unruhen endemisch seien. Er will daher das Türkentum durch Masseneinwanderung aus den Balkanstaaten verstärken und ihm einen Bundesgenossen in einer Massensiedlung immigrierender Juden zur Seite geben. Er geht dabei von der Prämisse aus, daß alle in den Balkanstaaten lebenden Türken nichts sehnlicher wünschen, als in das ottomanische Reich einwandern zu können. Diese Prämisse wird von dem Soloniker Kritiker als hinfällig hingestellt. Ihm nach würden die Balkanmoslemen, die außerhalb der türkischen Grenzen das Glück geordneter Verwaltungen kennen gelernt hätten, sich kaum dazu entschließen, dagegen die, trotz des neuen Regimes durchaus noch nicht beseitigte türkische Unordnung einzutauschen. Bis dieser Hemmungsgrund wegfalle, müsse wenigsten noch eine Generation vergehen. Ferner seien für eine Immigration, wie die gedachte, von etwa 600000 Mohammedanern und 300000 bis 400000 Juden, Summen von solcher Ungeheuerlichkeit nötig, daß die Türkei an ihre Aufbringung nicht entfernt zu denken vermöge. Endlich werden die angesessenen christlichen Bauern, die Bulgaren, Griechen, Walachen und Serben, diese ihnen gefährliche Neuansiedlung nicht dulden und sich ihr gewaltsam widersetzen, sodaß statt der beabsichtigten Pazifizierung nur neue schwere Kämpfe entstehen würden. Soziale Gesetzgebung in der Türkei Die ganze offizielle Türkei ist sich darüber einig, daß eine Erschließung des Landes, eine Entwicklung ihrer natürlichen Reiche tümer und eine auf diesen Voraussetzungen basierende wesentliche Vermehrung der Staatseinnahmen, die wiederum Vorbedingung für