Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 33 (13.8.1909)
- Date
- 1909-08-13
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Irl S rr 740 DIE^ELT No. 33 '*£:. m iL: Süi!» •I*. jr: *' / •■' '^f;?i P p il * r i j ,n i i y ^7 i'" V?{< |fr |t >Wi V '* Brief aus Konstantinopel (Von unserm Berichterstatter) Die bulgarischen „IVIakkabäer" in der Türkei Der Besuch zionistischer Turnvereine Bulgariens in den Hauptzentren der europäischen Türkei war ein Ereignis für die ottomanisch-jüdische Jugend. Oberall zog ihnen eine freudige Erwartung entgegen, wurde bei der Berührung mit ihnen ein bisher ganz ungekannter Enthusiasmus wach, und ließ ihr Abzug die Anfänge frischer Nacheiferung oder neu erfrischte Energie zurück. Sie kamen nicht in ihrer Eigenschaft als Zionisten, obwohl ihr Feuereifer gern genug einen zionistischen Eroberungszug aus ihrer Fahrt in die ottomanischen Lande hätte machen wollen. Sie kamen als nationaljüdische Turner, die nicht Politik machen, sondern Kultur verbreiten, als Nachbarjuden aus einem jungaufstrebenden, sich mit Riesenschritten entwickelnden Lande, die ihren Brüdern in dem Reiche, das eben erst aus der Erstarrung zu sich kommt, die Hand reichen und Mut zusprechen möchten. Darum fielen alle Bedenken, die die Unternehmung als herausfordernd und kampfauslösend, und darum als inopportun erachten mochten, bald wieder, um vertrauensvollem Mitfeiern Platz zu machen. Der Einzug, in Konstantinopel ging am Morgen des 28. Juli vor sich. Ein Schiff der italienischen Schiffahrtsgesellschaft brachte die nahezu hundert Teilnehmer aus Salonik in den hauptstädtischen Hafen, wo ihre Konstantinopeler Turngenossen und eine ansehnliche Zahl von jüdischen Freunden sie mit Militärmusik am Kai empfingen. Nach kurzer, herzlicher Begrüßung, formierte sich der Zug. Hinter dem voranschreitenden Militärorchester zogen in ihren kakifarbenen Uniformen die Konstantinopeler „Makkabäer" mit zwei wallenden Fahnen, der türkischen Nationalflagge und ihrem Vereinsbanner, das ein großes Magen David und in hebräischen und türkischen Lettern den Vereinsnamen aufweist. Hernach kamen in straffem Marschzug die bulgarischen Gäste, etwa siebzig junge Leute und an dreißig Mädchen. Den Schluß endlich bildete die hauptstädtische Mädchenabteilung und die Jugend- und Schülertruppe. Die bulgarischen Turner waren in zionistischen Farben gekleidet; sie trugen weiße Hosen und blaue Turnblusen mit blauer Mütze. Der ansehnliche Festzug erregte auf dem ganzen Wege vom Hafen zur Turnhalle hinauf großes Aufsehen, die Juden riefen ihnen jubelnde Schaloms entgegen, aus den dichtbesetzten Fenstern wurden Blumen und Konfetti geworfen. In der Turnhalle fand ein offizieller Empfang statt, eingeleitet durch den Vortrag des eigens zu diesem Zwecke verfaßten und vertonten hebräischen Willkommliedes. Sodann fand die Verteilung der Gäste auf ihre Quatiere, und am Nachmittag eine gemeinsame Sitzung beider Vorstände statt. Der 29. Juli war einem Ausfluge nach den Bends auf die Höhen über Therapia am Bosporus, gewidmet. Am Abend sollte eine Generalprobe der künftigen Turnvorführungen in der Halle stattfinden; die herbeigeströmte Zuschauermenge verengte jedoch den Turnraum derartig, daß von den Übungen abgesehen werden mußte und fröhliche Spiele an ihrer Stelle veranstaltet wurden. Der folgende Tag führte dem sorgfältig vorbereiteten Programm gemäß, die Turner zum Selamlik und durch die Stadt, nachher zur offiziellen Visite beim Großrabbiner, der sie sehr liebenswürdig begrüßte, und abends in die Synagogen. Am folgenden Sabbatmorgen wurden Abteilungen in die Vorstadtbethäuser in Ortaköi, Kuskundschuk, Balat und Haskio delegiert. Die Synagoge zu Balat war nach beendigtem Gottesdienst den Gästen für eine Versammlung von der Gemeinde zur Verfügung gestellt; es sprachen dann auch über nationale und physische Erziehung der Juden, Rabbi Schemuel, Mitglied des bulgarisch-zionistischen Zentralkomitees, spaniolisch, und Herr Hermoni in hebräischer Sprache, und riefen die helle Begeisterung des leicht entzündlichen Völkchens wach. Am 31. Juli, nachmittags 2 Uhr, traten sämtliche Turnerkorps den Ausmarsch zum großen Schauturnen in HaskiÖi an. Der Konstantinopeler „Makkabi" hatten zu diesem Feste ganz außerordentliche Vorbereitungen getroffen, die der Energie und Leistungsfähigkeit seiner Organisatoren, des Präsidenten Abramowitsch, des Vorstandsmitglieds Abraham und des Turnwarts Ziffer, ein glänzendes Zeugnis ausstellten. Einen ganz hervorragenden Anteil an diesenZurüstungen nahmen auch die hohen Militärbehörden der Hauptstadt. Nicht nur hatte der Generalissimus der Armee, Mahmud Schefket Pascha, seine Genugtuung über das Werk der Turner ausgesrochen und sogar sein Erscheinen in Aussicht gestellt, das Kriegsministerium hatte überdies eine Militärkapelle und vor allem den prächtigen, geräumigen Militärübungsplatz der Ecolo de Genie in Haskiöi zur Verfügung gestellt. Auch das Gebäude der Genieschule selber durfte den ganzen Nachmittag über von den Turnern wie ihr eigenes Heim angesehen werden; es waren ihnen dort Versammlungs- und Garderobesäle eingeräumt. Den Vorführungen selbst wohnten eine ganze Reihe höherer Offiziere, wie Ahmed Muchtar Pascha, der Direktor der Artillerie- und Genieschuie, die Delegierten des Kriegsministeriums, der Kommandant und das Lehrerkollegium der Genieschule, Adjudant-Major Nuraddin Bej, erster Sekretär des Generalstabes u. a., bis in die späte Nacht hinein bei. — Man wird wohl vergebens in irgendeinem andern Lande der Welt ein ähnliches herzliches Entgegenkommen der hohen Militärkreise Juden gegenüber suchen. Das Schauturnen wurde mit dem Aufmarsch sämtlicher mitwirkenden Turner und Turnerinnen eröffnet, der unter den Klängen des Konstitutionsmarsches vor sich ging und in gemeinsam ausgeführten Freiübungen der männlichen Turner (weit über 100) endete. Die Bulgaren waren durch drei Vereine vertreten, die „Makkabis von Philippopel, Tatar-Bazardjik und Jamboli. Leider waren sie durch die vorangegangenen Turnfeste und Bankette in Adrianopel und Salonik sowie die Strapazen der Konstantinopeler Empfangs¬ und Ausflugstage zum Teil bereits so übermüdet, daß ein beträchtlicher Prozentsatz der fremden Turner gezwungener Weise feiern mußte. Die vorführenden bulgarischen Turnriegen erschienen daher auf dem riesigen Festplatze etwas klein; das konnte aber die Freude über ihre schönen Leistungen nur wenig schmälern. Gegenüber den Konstantinopelern, die wie immer durch stramme Disziplin und Gerätübungen nach deutscher Turnart brillierten, scheinen unsere jüdischen Turner aus Bulgarien ganz besonderes Gewicht auf die Ausbildung harmonischer, ryihmisch schöner Bewegungen, auf Geschmeidigkeit und Anmut, mehr als auf Kraft und Mut zu legen. Daher bevorzugen sie die schwedische Gymnastik in enger Verbindung mit Musik und naher Berührung mit Ballet und Tanz. Besonders gefielen die Ringerstellungen und das Gladiatorenballet der Riegen von Tatar-Bazardjik. Vor Beginn des Turnens hielt Major-Adjutant Nureddin Bej eine lange türkische Begrüßungsrede, die den Wert der physischen Ausbildung hervorhob und der Freude darüber Ausdruck gab, die Juden so wacker bei dieser Kulturarbeit zu finden, von der er auch segensreichen Einfluß auf dasmohammedanische Element erhoffe. Ihm erwiederte der Vizepräsident der „Ligue juive Rodfe Emeth", Herr Ferreira, in einer Begeisterung erweckenden patriotischen Ansprache. Beim Abschied stattete der Kommandant der Genieschule den Turnern noch seinen besondern Dank ab. Nachdem ihm auf seine Anfrage bestätigt worden war, daß nur Juden an den Vorführungen beteiligt gewesen seien, sagte er, der Staat erwarte und erhoffe sehr viel von den ottomanischen Juden. Gerade sie seien als Unparteiische mehr als alle zur Herstellung der neuottomanischen Einheit und zur Schaffung solcher Kultur- und Erziehungswerte, wie der gezeigten, berufen. Seine Schüler, die zum größten Teil unter den Zuschauern gewesen waren, hätten unendlich viel von den jüdischen Turnern gelernt, seine Schule werde die Erinnerung an dieses Fest unauslöschlich im Gedächtnis bewahren. Auch der Professor für den Fecht- und Turnunterricht an der Genieschule, Artilleriehauptmann Bahri Bej, hielt eine Rede, diesmal in französischer Sprache. Es war ein außerordentlicher moralischer Erfolg der Juden. Die Haskiöer Judenschaft war in Fülle herbeigeströmt Mehrere Tausend Personen füllten die Reihen um das Übungsfeld. Bei herniedersinkender Dämmerung, unter den milden Vorabendstrahlen der scheidenden Sonne, die über das. goldene Horn weg einen rosig goldnen Schimmer auf den Festplatz und den bundgekleideten Zuschauerring warf, unter dem wundervoll zartblauen Baldachin des Konstantinopeler Himmels, nahmen sich die harmonisch bewegten, reigenartigen oder wilde Kraft symbolisierenden Vorführungen der jungen Männer und Mädchen unsagbar schön aus. Jubel brach los nach den Schlußpyramiden, die die jugendlichen Gestalten in schön gruppierter Massenwirkung zeigten. Und als darnach der Zug der Jünglinge und Mädchen unter dem blendenden Mondschein die Straßen des jüdischen Dorfes, dem Hause der „Rodfe Emeth" zu, durchzogen, zionistische, hebräische Lieder singend, schien das alte Haskiö wie durch Zauber verwandelt. Niemals zuvor waren hier die Klänge des „Od lo abda" an die jüdischen Ohren gedrungen. Es schien, als ob alles elektrisiert würde und erwache. Die Alten, in ihren langen bunten Mänteln, kamen überrascht und erregt aus ihren Hütten. Die Frauen und Mädchen drängten sich in den Fenstern, Knaben begannen mitzumarschieren und die jungen Leute fieberhaft begeistert einzustimmen. Es war eine eigentümliche Stimmung in der jüdischen Vorstadt, halb Furcht, halb Entzücken. Es war wie eine Freiheitsvision in den Augen Halbschlummernder, die bisher nur die Ketten, die Vorsicht und das Schweigen kannten. Nach dem wohlverdienten Stärkungsimbiß im Lokale der „Rodfe Emeth", das Hunderte von Haskiöer Juden drunten umstanden, zog die junge Schar zurück auf den Festplatz, wo jetzt der Verein