Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 33 (13.8.1909)
- Date
- 1909-08-13
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Minister Plehwe, Stadtkommandant Launitz und Grafjgnatje w noch jetzt am Leben und könnten das russische Volk vor den konstitutionellen Verschwörern beschützen." Das unerhörteUrteil im MariupolerPogromprozeß Man schreibt uns aus Petersburg vom 1. August: Im Oktober 1905 erlebte die am Schwarzen Meere gelegene Stadt Mariupol einen der grausigsten Pogrome. Zweiundzwanzig Tote und viele Schwerverwundete zählte neben einem Millionenschaden an geplündertem Gut unmittelbar nach dem Manifest die dortige Judenheit, und ein jedes Kind wußte es in Mariupol, daß das Gemetzel das Ergebnis der vorangegangenen Propaganda des Pristaws Bjelochwostow und des Hafenältesten Andrejewski war. Erschütternde Szenen hatten sich dort abgespielt, die nur ob der Fülle der gleichartigen Vorkommnisse in den andern heimgesuchten Pogromorten nicht in die Öffentlichkeit gedrungen sind. Jahrelang harrten dann die scheußlichen Verbrechen ihrer Sühne. Nun kam endlich in diesen Tagen die gerichtliche Liquidierung der blutigen Begebenheiten. Durch reiche Erfahrungen gewitzigt, hatte man auch von diesem Prozeß keine sonderlichen Neuerungen erwartet und geglaubt, daß sein Verlauf nach dem unzählige Male wiederholten Schema Hornel vor sich gehen würde: der Gerichtshof würde den Juden die Schuld am Pogrome in die Schuhe schieben, sodann jegliche Bekundung über die Rolle der Polizei und des Militärs verhindern und schließlich eine Anzahl von angeklagten Exzedenten formell zu mittelmäßigen Strafen verurteilen, im Bewußtsein, daß die diesen „Patrioten" auferlegte Sühne bald im Gnadenwege erlassen werden dürfte. Von einer eventuellen Bestrafung jüdischer Selbstwehrleute, die dem Pogrom hinderlich gewesen, wußte man, würde hier Abstand genommen werden, da die führenden Jünglinge schon in den Oktobertagen den Kosakenkugeln zum Opfer gefallen waren. Demgegenüber vermochte der Mariupoler Pogromprozeß keine merkliche Erregung hervorzurufen. Da kam der empörende Schlußrefrain, mit dem der betreffende Gerichtshof seine kühnen und ruhmbedekten Vorgänger weit in den Schatten stellte. Nach wochenlangen Verhandlungen, bei denen die, trotz aller Hemmungen aufgerollten Schrecken jener Tage und herzzerreißenden Schilderungen der Augenzeugen und Leidtragenden noch einmal die Pogromstimmung wiederspiegelten, erklärte der Gerichtshof, daß es in Mariupol gar keinen Pogrom gegeben habe, und verurteilte sechzehn Angeklagte, nur wegen eigenmächtigen Vorgehens, zu Gefängnisstrafen von 4 Tagen bis zu einem Monat. Diese Verhöhnung der Betroffenen sucht selbst in der Pogromrechtsprechung ihresgleichen. Mit einer zynischen Offenheit erklärte der Mariupoler Gerichtshof die Juden für vogelfrei. Das Vorgehen gegen den Verband des russischen Volkes Man schreibt uns aus Petersburg: Die Enthüllungen über den Verband des russischen Volkes scheinen seinen Einfluß wesentlich untergraben zu sollen. Daß Dubro.win trotz der glänzenden Gelegenheit der Poltawafestlichkeiten im Hintergründe bleibt und bleiben muß, daß der Verband überhaupt nicht die von ihm beanspruchte Rolle spielt, alles dies versetzt seiner Autorität in den Augen seiner nur auf ihren Vorteil bedachten Anhänger einen harten Schlag. Nunmehr hat aber auch der heilige Synod die Bekämpfung der von ihm noch bis vor kurzem verhätschelten Organisation in die Hände genommen, was für den Verband mit seinen zahlreichen Akteuren aus dem Geistlichenstand vielleicht den härtesten Schlag bedeutet. Das Verbot der lange geduldeten und geförderten „Potschatewskija Iswestija", die in Wolhynien von Priestern und Mönchen in maßlos, aufreizendem Ton herausgegeben werden, soll nur ein Anfang aller Maßnahmen sein, die das enge Band zwischen der Geistlichkeit und dem Verbände zu lösen geeignet seien. Man befürchtet nämlich im heiligen Synod, daß die nach und nach in bunter Reihenfolge an den Tag kommenden Enthüllungen schließlich auch für die echtrussischen Geistlichen gerichtliche Nachspiele haben könnten, und möchte daher einem solchen Skandal zuvorkommen. Die kompromittierenden Tatsachen hageln nur so auf den Verband. Neulich hat ein Vertrauter Wittes erklärt, daß dieser vier Bände umfassende Dokumente besitze, welche in unwiderleglicher Weise alle Machenschaften des Verbandes bei der Ermordung von Herzenstein und Jollos und dem Attentate auf Witte aufdecken. Übrigens wird seitens des Vorsitzenden der Petersburger Filiale das Märchen aufgetischt, daß der Verband sein früheres Emporblühen dem Kaiser Wilhelm zu verdanken habe. Die entscheidende Rolle des Verbandes hätte erst mit dem Momente begonnen, da der deutsche Kaiser sich geäußert, daß „der Verband des russischen Volkes Rußland gerettet, während alle andern Parteien mit Einschluß der Oktobristen das Land ins Verderben gestürzt hätten." England (Von unserm Berichterstatter) Eine jüdische Zuwendung für ein Krankenhaus für Krebsleidende Der im vorigen Winter verstorbene Henry Barnato hat testamentarisch einen Fonds von £ 250 000 (5 000 000 Mk.) mit der Bestimmung gestiftet, daß aus demselben ein Wohltätigkeitsinstitut, und zwar womöglich ein Krankenhaus auf den Namen seines verstorbenen Bruders Barney Barnato sowie seines Neffen Woolf Joel, der gleichfalls bereis verstorben ist, geschaffen werde. Den Verwaltern des Fonds lagen verschiedene Pläne vor. Nach sorgfältiger Prüfung derselben wurde beschlossen, aus den Mittein des Fonds eine Anstalt für Krebsleidende zu errichten. Um die Anstalt möglichst praktisch und rationell auszugestalten, wurde beschlossen, sie — soweit es sich nicht um die administrative Verwaltung handelt — an das Middlesex-Hospital, das sich eines bedeutenden Rufes speziell in bezug auf die Behandlung von Krebsleidenden erfreut, anzugliedern. Die Verwalter des Fonds haben bereits ein geeignetes Grundstück in der Nähe des Middlesex- Hospitals erworben. Soweit es für die Ausgestaltung des Krankenhauses nötig ist, wird der Fonds auch künftig hierfür herangezogen. Die Verwalter des Fonds werden gemeinsam mit dem Prinzen Francis von Teck, Lord Cheylesmore, Sir John Purcell und Herrn Felix Davis das Kuratorium bilden, welches die Ausführung des Projektes übernehmen wird. Es ist nicht uninteressant daran zu erinnern, daß die Herren, die sich für die Errichtung eines jüdischen Krankenhauses im Osten Londons seinerzeit eifrig bemühten, die Hoffnung hegten, die Barnato- Stiftung für ihren Zweck zu erhalten. Der Mißerfolg ihrer Bemühungen ist auf die geringe Unterstützung zurückzuführen, die sie in den hiesigen jüdischen Kreisen gefunden haben. Dieser Plan ist übrigens in gewissen Zirkeln direkt bekämpft worden. Gegenwärtig Dr. Anghel Gaster (der Bruder des Chiefrabbi), ein eifriger Befürworter des jüdischen Krankenhausplans. In einer am nächsten Sonntag stattfindenden Massenversammlung, die sich mit diesem Plane beschäftigt, wird Dr. Anghel Gaster präsidieren. Abreise der türkischen Deputierten Die letzte offizielle Veranstaltung anläßlich des Besuches der türkischen Deputierten war ein Frühstück am Samstag beim türkischen Botschafter in London. Sir Edward Grey, der Minister des Auswärtigen, war anwesend und überbrachte den Deputierten einen herzlichen Abschiedsgruß. Die meisten der Deputierten, darunter Talaat Bey, der Präsident der Deputation, fuhren bereits Sonntagmorgen nach Konstantinopel zurück. Vor ihrer Abreise sandte Talaat Bey dem Präsidenten des Empfangskomitees, Earl of Onslow, folgendes Telegramm: „Das herzliche Willkommen und die großartige Aufnahme, die das Komitee, dessen Vorsitzender Eure Lordschaft sind, der türkischen Deputation während ihres sehr angenehmen Aufenthaltes in England bereitet haben, haben auf meine Kollegen und mich selbst tiefen Eindruck gemacht. Beim Verlassen des britischen Bodens sind wir daher von dem Wunsche durchdrungen, Eurer Lordschaft sowohl, wie allen Mitgliedern Ihres Komitees, den Ausdruck unserer tiefsten Verpflichtung und herzlichen Dankes zu übermitteln." Dr. Riza Tewfik Bey hat mir mitgeteilt, daß kaum ein Zweifel darüber herrschen kann, daß Talaat Bey der neue Minister des Innern im türkischen Kabinet sein wird. Bevor er England verläßt, wird Dr. Riza Tewfik noch 10 Tage als Gast des Professors E. G. Browne in Cambridge verweilen, wo er auch Besprechungen mit Mr. Haidane, dem Minister des Krieges, und Mr. Arthur Balfour, dem Führer der Opposition, haben wird. Er sagte mir, daß er nach Ablauf seines vier Jahre gültigen Deputiertenmandates sich von der Politik zurückziehen und der Literatur widmen wird, um einige der Bücher zu schreiben, die für die wissenschaftliche Erziehung der türkischen Jugend nötig sind. Nissim Massliach Effendi ist gleichfalls noch einige Tage in London geblieben. Er reiste Mittwochmorgen über Paris nach Konstantinopel ab.