Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 33 (13.8.1909)
- Date
- 1909-08-13
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Problems der Vereinigungsaktion — die territoriale Lösung der Judenfrage — werden die Konferenzen noch fortgesetzt werden müssen. Wir konnten selbstredend auf einen palästinensischmesopotamischen Dualismus nicht eingehen. Jedenfalls wurde die Möglichkeit einer Föderierung der drei Parteien auch in Rußland festgestellt. Inzwischen gelangte bekanntlich in New York die gemeinsame Plattform zur Annahme, an deren Spitze sich der Punkt „die territoriale Lösung der Judenfrage durch die Konzentration der jüdischen arbeitenden Massen in Palästina" befindet. Wir glauben, daß die New Yorker Entscheidung auf die Verhandlungen der Landesparteien Rußlands nicht ohne Einfluß bleiben wird; es ist ja kaum anzunehmen, daß die sozialistisch-territorialistischen Arbeiter Rußlands Zangwill Gefolgschaft leisten werden, nachdem die bürgerlichen Kreise müde zu werden beginnen. Soweit unser Gewährsmann. Asyl für mittellose kranke Israeliten in Meran Meran. Die verflossene Saison des Kurortes übertraf durch ihre Frequenz alle vorhergehenden, was ein Beweis für das Aufblühen Merans ist. Ebenso wie die Kurverwaltung für die Errichtung jener Institute sorgt, die ein moderner Kurort verlangt, so haben auch die Königswarterstiftung und der Verein „Asyl für mittellose kranke Israeliten" in Meran in diesem Jahre bewiesen, daß auch sie, soweit es in den Bereich ihrer Pflicht fällt, sich ihrer Aufgaben in dem Weltkurorte Meran bewußt sind. Die Königswarterstiftung hat ihre Sorge auf eine repräsentable Behandlung und Verwaltung der Kultusangelegenheiten gelenkt und sich durch den von ailen Tempelbesuchern rühmend anerkannten Gottesdienst, ferner durch Besorgung des Religionsunterrichtes und schließlich die Anlage des neuen Friedhofes, der von derselben die größten Opfer forderte, großes Lob verdient; größer ist das Verdienst des noch ganz jungen Vereines „Asyl für mittellose kranke Israeliten", der mit erstaunlicher Kraft und Energie das großartige Genesungsheim mit an 100 Betten aus dem alten kleinen Asyl mit 14- Betten geschaffen hat. Seit 26. Jänner 1909 stand das Genesungsheim in vollem Betriebe. Es waren in den wenigen Monaten der ersten Frühjahrssaison über 100 Pfleglinge aus aller Herren Ländern, fast alle die ganze Saison hindurch, im Hause in Pflege. Viele Ärzte, die die Anstalt besuchten, gekündeten übereinstimmend in dem uneingeschränkten Lobe des Genesungsheimes, daß man durch die tadellose Reinlichkeit und Ordnung überrascht ist und daß wir in Österreich glücklich sein können, für unsere Glaubensgenossen eine solche Heilstätte zu besitzen. Die Anstalt, welche streng rituell geführt wird, wird mit 26. September wieder den Betrieb aufnehmen. Ungarn Rabbi Moses Bloch Am 6. August starb in der Nähe von Budapest, in der Sommer-' frische Nagymaros, der greise Rabbi Bloch. Er war eine Leuchte der jüdischen Wissenschaft, ein Talmudkenner und Rechtsgelehrter von außerordentlicher Begabung. In der Jeschibah zu Nagytapolcsäny erzogen, bekleidete der Verblichene schon frühzeitig bedeutende Rabbinerposten in Mähren und wurde, als in Budapest in den siebziger Jahren das Landesrabbinerseminar begründet wurde, als Rektor an die Spitze desselben berufen. Rabbi Bloch bekleidete diese hohe Stelle bis ins vergangene Jahr. Unter seiner Leitung wurde das Budapester Seminar eine Musteranstalt jüdischen Wissens, deren Ruf weit über die Grenzen Ungarns drang. Er war der Meister, zu dessen Füßen die ganze moderne Rabbigeneration Ungarns saß. Bis in sein hohes Greisenalter war ihm eine staunenswerte Geistesfrische beschieden, die es ihm ermöglichte, nicht allein als Lehrer zu wirken, sondern bis an sein Ende auch literarisch unermüdlich tätig zu sein. Die Werke talmudischen Inhalts, die Rabbi Bloch von frühester Jugend bis zu seinem 94. Lebensjahre geschrieben hat, füllen eine ganze Bibliothek und werden seinem Namen in der jüdischen Wissenschaft eine bleibende Erinnerung sichern. Auch dem Zionismus stand der Verblichene nahe, und wenn er sich auch in der Bewegung seines hohen Alters wegen nicht betätigte, so ergriff er doch öfters die Gelegenheit, seinen Sympathien für den Zionismus öffentlich Ausdruck zu geben. Als anläßlich seines 90. Geburtstages eine Abordnung der zionistischen Hochschuljugend bei Rabbi Bloch vorsprach, um ihrer Verehrung für den greisen Meister Ausdruck zu geben, da sprach der greise Rabbi die Worte: „Meine Kinder, Zionist sich zu nennen, ist wohl leichte Sache, Zionist zu sein, das ist schon schwierig, am schwersten jedoch ist, Zionist zu bleiben, und das wünsche ich Ihnen aus ganzem Herzen." Rußland Die Entführung der jüdischen Kinder Es wiederholen sich immer öfter Prozesse über die Entführung von jüdischen Kindern. Das ist ein Beweis dafür, daß sich der Fanatismus einiger russischer Sekten gesteigert hat. Die Zeitungen berichten über einen neuen Prozeß, der beim Petersburger Kreisgericht im Oktober stattfinden soll. Am 19, September 1908 sind zwei Töchter eines Petersburger Kaufmanns der\ ersten Gilde, Potschtalis, die zwölfjährige Bela und die neunjährige Dora, spurlos verschwunden. Die Mutter der Kinder erklärte der Polizei, daß ihr Dienstmädchen, Daria Szykurin, die der Sekte der Joanniten angehört, sich an der Entführung zweifellos beteiligte. Nach Verlauf von fünf Tagen erhielt Frau Potschtalis einen Brief von ihren Kindern, in welchem sie ihr schrieben, daß sie schon getauft sind und daß sie nicht nach Hause zurückkehren würden, auch wenn man sie gefunden hätte. Die Polizei stellte Nachforschungen an, doch ohne Erfolg. Zufällig trafen nach drei Wochen zwei Einwohner von Petersburg auf einem Schiff zwei Kinder mit verhüllten Gesichtern in Gesellschaft eines verdächtigen Mannes und Weibes. Vermutend, daß das eben die genannten Schwestern Potschtalis sind, wandten sie sich an die Polizei. Es ergab sich, daß ihre Vermutung richtig war. Die Kinder wurden von dem erwähnten Dienstmädchen entführt und zum Glauben der Joannitensekte bekehrt, die durch ihre demoralisierenden und wildreligiösen Gebräuche bekannt ist. Ein armenischer Deputierter über die Juden In der Zeitung „Baku" schreibt der armenische Deputierte Sagatelan über das Verhältnis verschiedener Parteien zu der Judenfrage folgendes: „Wie bewunderungswert ist das unglückselige Volk, daß es noch unter diesen schrecklichen Bedingungen existieren kann. Von allen Parteien, die in der Duma vorhanden sind, ist bisher keine einzige, selbst die extremste nicht, mit einem Rechtsprojekte aufgetreten, das eine gewisse Linderung der Judenlage vorschlagen würde. Überhaupt hat es die Linke nicht gern, sich um die Juden zu kümmern. Im Finnländischen Senat bilden die Sozialdemokraten eine Mehrheit, und doch protestiert der Senat nicht gegen die in Finnland herrschenden barbarischen Beschränkungen gegen die Juden." „Die Agenten" Eine traurige Nebenerscheinung der jüdischen Emigration sind die sogenannten Agenten. Sie konzentrieren sich hauptsächlich in den Hauptzentren an der Grenze und beuten auf unmenschliche Weise die Leichtgläubigkeit des Volkes aus. Der Emigrant, der in die Klauen solch eines „Agenten" fällt, wird förmlich ausgeraubt und dann seinem Schicksal überlassen. Der Kampf gegen diese lasterhaften Elemente ist außerordentlich schwer, da die Agenten vor keinen Mitteln zurückschrecken und es verstehen, den besondern Schutz der Polizei zu gewinnen. Erfreulich ist die Tatsache, daß jetzt die Polizei endlich daran geht, die zahlreichen Agentenbanden auszurotten. In Wilna fand in diesen Tagen im Zusammenhang mit dem Kampfe gegen die Agenten eine Reihe von Untersuchungen statt, wobei viele von ihnen verhaftet wurden. Ein Druckfehler Im Dezember 1907 hat die Charkower Polizei unterlassen, den jüdischen Kaufleuten erster Gilde die ständigen Pässe auszuliefern, auf die jeder russische Untertan ein Recht hat. Die Juden wandten sich mit einer Klage an den Gouverneur, aber der letztere berief sich auf den Text der Senatserklärung, die im offiziellen Organ „Prawietielstwiennyj Wiestnik", der für die Behörden maßgebend ist, abgedruckt wurde. Die Erklärung lautet: „Das Paßgesetz enthält das Verbot der Verleihung ständiger Pässe an die Juden." Ein jüdischer Advokat kam auf den Gedanken, daß hier ein Mißverständnis vorliegen muß. Als er das Original des Textes dieser Erklärung prüfte, ergab sich, daß im „Praw. Wiest." das Wort „nicht" fehlte. Bei all ihrer Rechtlosigkeit sind die Juden noch dazu Opfer unglücklicher Zufälle. Herzliche Bemerkungen des „Russkoje Znamja" Anläßlich der Hartingaffäre veröffentlicht „Russkoje Znamja" folgende Bemerkungen: „Burcew, obgleich ein Revolutionär, erwies Rußland einen großen Dienst, indem er die Regierung demaskierte, die Juden in ihre Dienste nimmt und viel Geld darauf verwendet. Und diese Juden samt andern sind Anstifter von Komplott und Mord. Wenn es im Regierungsdienste keine Juden — Azews, Hartings usw. gäbe, wären die Großfürsten Sergius, Alexandrowitsch,