Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 33 (13.8.1909)
- Date
- 1909-08-13
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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die Christlichsozialen, denen sie mangelnde deutsche Gesinnung und nationale Lauheit vorwerfen. Man weiß nicht, worüber man mehr staunen soll: über den Mangel jedes Selbstgefühls und die einzig dastehende Rückgratlosigkeit unserer Wiener Assimiianten, oder aber über ihre politische Borniertheit und Blindheit. Denn nur politische Analphabeten oder Narren können glauben, daß die Deutschnationalen die Bundesgenossenschaft der sich anbiedernden und ihre Treue beteuernden JudenHberalen, der der Christlichsozialen vorziehen werden. Die Bilanz der Assimilation in Wien ist wie die anderswo: Abscheuerregende Entäußerung einerseits, Denunziantentum anderseits. Antisemitismus in den Kurorten In den galizisch-polnischen Kurorten, die von Tausenden Juden aufgesucht werden, herrscht eine Atmosphäre von Judenverachtung, wie sie nur eben den Polen eigentümlich ist. Das hinderte das allpolnische Organ „Slowo polskie" nicht, in einem Aufruf die Juden zu warnen, deutsche Heilstätten und Kurorte zu besuchen, denn dies fördere . . . den Antisemitismus. Ein Schauspiel freilich für die Götter. Einerseits der Versuch, die Juden zu zwingen, „heimatliche" Kurorte zu bevölkern, in denen sie von den Polen geächtet und schikaniert werden, — es gibt Kurorte, die den Juden auch den Einlaß versagen —, anderseits die ehrenwerten Israeliten Oold und Gall, stramme Allpolen, die mit Antisemitismus drohen... Inzwischen häufen sich die Fälle der Bedrohung von Juden in den Kurorten. Vorige Woche kam es zu einem Überfall von Bergpolen (Görali) in Szazawnica. Ein Wachmann mißhandelte einen armen Juden, der, ohne die Kurtaxe zu zahlen, den Kurpark betreten hat. Viele Juden protestierten gegen die Tätlichkeiten des Polizisten und sammelten sich vor dem Kommissariat, wohin der arme Jude geschleift wurde. Das genügte, um eine große Ansammlung, von Polen aus der umliegenden Berggegend mit Sensen und Äxten herbeizuführen. Es kam zu einer Schlägerei. Die Juden in Szazawnica leben in beständiger Angst. Nationale Kurien in der Bukowina In dem östlichen Kronlande Österreichs werden vom eingesetzten Permanenzausschuß die Grundsätze der Wahlreform kundgegeben, die der Landtag in Beratung ziehen wird. Was unsere Aufmerksamkeit erregt, das ist das Prinzip der Gliederung in nationale Wahlkörper. Dabei wurde beschlossen, auch den Juden des Kronlandes eine nationale Wahlkurie zuzugestehen. Es dürften von 59 in Aussicht genommenen Mandaten erhalten: die Rumänen 22, Ruthenen 16, Juden 9, Deutschen 7 und die Polen 5. Die Zahl der jüdischen Landtagsabgeordneten würde der Stärke der jüdischen Bevölkerung der Bukowina, wo es 13°/o Juden gibt, entsprechen. Die Tatsache der Schaffung eines nationalen Wahlkörpers für die Juden ist gewiß ein Ereignis, dessen Folgen vorläufig unabsehbar sind. Die Anerkennung der jüdischen Nationalität in der Verfassung eines Kronlandes kann nicht ohne Rückwirkung auf die Stellung der Juden im Reiche bleiben. Das Wahlreformwerk in Österreich scheint abgeschlossen zu sein, doch ist die innere Krise in der Monarchie keineswegs überwunden, eine umfassende Verfassungsrevision kann in den Bereich der realen politischen Möglichkeiten gerückt werden. Da ist es von großem Wert für die Judenheit dieses Staates, Tatsachen zu schaffen, die die nationale Emanzipation und Gleichberechtigung des jüdischen Volkes in Österreich fördern und beschleunigen können. Anderseits würden die Wirkungen einer Wahlreform auf Grundlage der nationalen Kurien und der sogenannten Interessenvertretung skeptisch beurteilt werden. Die Aufrechterhaltung des Kurienprinzips in der Landtagswahlreform der Bukowina bedeutet zugleich eine Schädigung des Grundsatzes der Einteilung in nationale Wahlkörper. Der Gedanke des Schutzes der nationalen Minderheiten ist seinem Wesen nach demokratisch, er kann daher nur im Rahmen einer demokratischen Wahlverfassung zur Geltung kommen. Wenn von etwa neun jüdischen Abgeordneten vier aus dem Großgrundbesitz und den Handelskammern hervorgehen, dann ist die jüdische Landtagsvertretung auf 5 Abgeordnete zusammengeschmolzen. Es würde somit ein Abgeordneter auf 20 000 Juden entfallen, während im Durchschnitt 13 000—14 000 Bewohner der Bukowina einen Vertreter in die Landesstube entsenden werden. Das Prinzip der „Interessenvertretung" beeinträchtigt somit ganz besonders das Wahlrecht der jüdischen Massen. Der Grundsatz der national gesonderten Wahlkörper setzt nicht nur die Aufhebung aller Kurienschranken voraus, sondern die Festlegung des Proportionalwahlsystems innerhalb der nationalen Kurie. Die Wahlreform in der Bukowina wird das Selbstbestimmungsrecht der Juden des Reichs proklamieren und ihre nationale Gleichberechtigung anbahnen, wenn sie den Schutz nicht nur der nationalen, sondern auch der sozialen Minderheiten anstrebt. Nichts ist für ein nationales Werk verhängnisvoller als die Bildung eines künstlichen Gegensatzes zwischen Nation und Volk. Die Judenenquete in Qalizien Vor den Reichsratswahlen im Jahre 1907, als die israelitischen Polen das Bedürfnis hatten, zum Fenster hinaus zu sprechen und den Juden Galiziens die Fürsorge des polnischen Brudervolkes vor Augen zu führen, hielt Abg. Dr. Löwenstein, gewiß ein eleganter und eindringlicher Causeur, eine Rede im galizischen Landlag über die Judennot und das jüdische wirtschaftliche Elend in diesem Lande. Das Ergebnis des Löwensteinschen Appells an die polnische Schlachta war der Beschluß, eine Enquete zur Besprechung und zum Studium der Lage der Juden Galiziens und der Maßregeln zur Beseitigung des fortschreitenden ökonomischen Niederganges abzuhalten. Der Landesausschuß hatte die Absicht, auch diese platonische nichtssagende Resolution zu ignorieren. Zwei Jahre sind verflossen, bis es endlich den Polenklubsjuden gelungen ist, ihre Herren und Gebieter zu überzeugen, daß die Enquete weiße Salbe bleiben wird, daß sie daher gefahrlos ist. Nun werden Vertreter der meistens illegal gewählten Kultusvorstände, die einem Häuflein Bevorrechteter ihre Wahl verdanken, Vertreter der wohlhabenden Oberschicht, Regierutigsfunktionäre und dergleichen Autoritäten auf dem Gebiete der jüdischen wirtschaftlichen Not, nach Lemberg berufen, um die Judenheit Galiziens zu überzeugen, daß die polnischen autonomen Behörden und die Schlachta, die keinen Juden zu einem Amt zulassen, die alle Maßnahmen ergreifen, um die wirtschaftliche Verdrängung der Juden zu beschleunigen, die die kulturelle und politische Abhängigkeit eines Millionenvolkes zu verewigen bestrebt sind, — daß ihnen das Wohl der Juden am Herzen liege . . . Die Judenenquete wird kaum einen praktischen Wert erlangen. Sie wird keine Tatsachen zutage fördern, die alle objektiven Beobachter des jüdischen Lebens Galiziens nicht schon gekannt hätten, sie wird unsere Einsicht in die traurigen Verhältnisse nicht vertiefen. Vor allem aber werden sich die vom Landesauschuß eingeladenen „Sachkundigen" wohl hüten, Maßnahmen in Vorschlag zu bringen, die mehr als weiße Salbe bleiben würden. Wertlos jedoch ist diese Enquete nicht. Interessant ist ja schon das Maß der Zugeständnisse der Landesregierung, wenn die auch amtlich gemilderte Wahrheit über die galizische Judennot von den Behörden enthüllt werden wird. Ferner ist es nicht zu verhindern, daß einige aufrechte Teilnehmer der Enquete in ihren Aufrichtigkeiten weitergehen, als es den Einberufern erwünscht ist. Schließlich ist es ja nicht denkbar, daß man bei einer Enquete über die Ursachen des ökonomischen Notstandes behaupten sollte, daß die galizischen Juden in der besten aller Welten leben. An dem Quentchen Wahrheit, die uns in Lemberg offenbart werden soll, werden wir die erschreckende Größe der Judennot Galiziens ermessen können. Poale-zionistische Weltkonferenz Wie die Exekutive der Poale-Zion Österreichs bekanntgibt, ist die für den 12. bis 14. August anberaumte Weltkonferenz des Jüdischen sozialistischen Arbeiterverbandes Poale-Zion verschoben worden.^ Es verlautet, daß sie erst im Spätherbst abgehalten werden wird. Über den genauen Zeitpunkt der Konferenz sowie den Ort der Zusammenkunft wird, offenbar mit Rücksicht auf die Delegierten aus Rußland, Stillschweigen beobachtet. Vereinigung der jüdischen sozialistischen Parteien Ein Mitglied des Wiener Verbandsbureaus des „Allweltlichen jüdischen sozialistischen Arbeiterverbandes Poale Zion" hatte die Freundlichkeit, Ihrem Berichterstatter folgende Mitteilungen über den Stand der Vereinigungsaktion zu machen. In der jüdischen Presse, die die New Yorker Konferenzen der drei sozialistischen Gruppen so lebhaft erörterte, begegnet man oft der irrtümlichen Auffassung, daß es sich um eine isolierte Aktion der amerikanischen Landesorganisationen handelt. Wohl wurde drüben, insbesonderedank den rastlosen Bemühungen Schitlowskys, Syrkins, Goldbergs, Kasriels und anderer Freunde des Einigungsgedankens, die Initiative ergriffen. Allein das Wiener Verbandsbureau, als Vertretung unserer Gesamtorganisation, hat an den weitern Konferenzen durch die Entsendung von Instruktionen an unser New Yorker Zentralkomitee tätigen Anteil genommen. Ferner wurden in W i e n Besprechungen der Vertreter der russischen Landesorganisationen der drei Parteien eingeleitet, die die völlige Übereinstimmung unserer Ansichten in bezug auf die Landespolitik, die Regulierung der Emigration und unsere Stellung zur sozialistischen Internationale ergaben. Bezüglich des Kardinal-