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Die Welt · 1909-08-13 · 33 (13.8.1909) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
33 (13.8.1909)
Date
1909-08-13
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Pfosten sind und sich zusehends zu Pfählen und Stangen abnützen. Die widerhallenden Randbretter hüpfen mit, und jeder Nagel darin, jede Klammer daran hüpft mit, der ganze Fahrdamm hüpft, und die beiden Bürgersteige hüpfen pünktlich mit, Stange für Stange, unter den Sohlen der hinwandelnden Menschheit. Diese Brücke ist eine Bastonade, ich möchte sagen, so etwas wie ,,Chibut ha-kewer", aber in leichter, humorvoller Form. Für die armen, einheimischen, kümmerlich gekleideten Fußgänger ist das auch gar nicht humorvoll. Ehe sie die Brücke zurücklegen, haben sie zuweilen fünfhundert Streiche auf die Fußsohlen erhalten. Jeder Wagen bedeutet zwei bis drei Stockstreiche. Glücklicherweise sind der Fiaker nicht viele. Ein blank herausgewichster Effendi fährt zur Hohen Pforte, ein breiter Pascha auf das Seraskierat, ein gleißender Zylinderhut zur Ottomanbank, deren mächtiger Steinwürfel da drüben aus dem Dächergewirr aufragt, oder in Angelegenheiten von Konzessionen. Alle wollen sie Konzessionen. Und jetzt fahren auch die Volksvertreter! Bald wird es auch mit den Autobusses beginnen, denndie Elektrizität, die früher verboten war, ist gestattet, und es huschen schon hie und da diese Ungetüme , zum Schrecken und zum Gaudium der Gläubigen. So ein Auto könnte sich auch an die Galatabrücke heranwagen, nur möchte ich weder darin sitzen, noch mich in seiner Nähe befinden. Es ist vorläufig noch anderes auf der Galatabrücke vorhanden: sehr viel Packvieh. Diese Brücke ist zugleich Saumpfad für Saumpferde und Saumesel. Voltigierende Lasten in der Luft, Kisten und Körbe, Säcke und ungeheure Emballagen, weithin in die Quere greifend, unachtsam mitfegend, Hüte von den Köpfen streifend. Plötzlich gehen die Leute auseinander. Was wird getragen? Eine lange Stange voll baumelnder rötlicher Glocken,, die nichts anderes sind als Lungen von Hämmeln und Lämmern. Welcher Anblick! Es ist zum Vegetarierwerden. Die türkischen Frauen machen dieses Gewimmel viel bunter. Die weißen, gelben und blauen Schleier vor grünen, blauen, schwarzen und gelben Gesichtern und die Seidenstoffe, die man in Mailand oder Lyon rechtgläubig webt, um den Geschmack dieser Schönen zu reizen, bringen in das Gesamtbild viel Farbe hinein. Reizende Stoffe fürwahr — in Granatapfelrot mit smaragdgrünen Blumen, in Atlasschwarz mit goldorangegelben Zieratstreifen, in Gemengsein von Blaulila, mit zarten Rosenfarben versüßt. Reizend sind die Farbenreihen anzusehen, wie sie durch das Gewühl dahinschwanken, gruppenweise, reihenweise. Sie eilen nach den Lokaldampfern, und kaum betreten sie die Dampfer, da wird schnell ein Vorhang vorgezogen, um sie vor den neugierigen Augen der barbarischen anglotzenden Europäer zu schützen. Aber es ist schon nicht mehr der Schleier von früher! Das neue Regime hat zwar, in weiser Mäßigung, um in Kleinigkeiten den Frommen im Lande nachzugeben, den Schleier nicht nur erhalten, sondern auch polizeilich geschützt, aber die Gesichtsvorhänglein werden so oft gehoben oder wehen munter im Winde hin und her. Ja, es geht bergab mit der alten Türkei. Ober lang oder kurz wird auch die Galatabrücke verschwinden. Vorläufig wimmelt es noch, — ein Karneval von Völkern und Menschen, ein Babel, — chaotisch, aber lieb, für eine Künstlerseele tausendmal lieber als der geordnete Westen. Keine zwei ~ Menschen sind gleich gekleidet. Man hat den Eindruck, als wäre das bei Prügelstrafe verboten. Durch den hohen, gelben Filzkegel der tanzenden Derwische oder den kleinen,, weißen Fez der Heulenden, oder den schwarzen, gelben, roten Turban, je nach der Sekte unterscheiden sich die Leute. Der dort trägt den grünen Turban um den roten Fez gewunden: er ist nämlich in Mekka gewesen,. Es ist eigentümlich, durch die Kopfbedeckung zu bezeichnen, wo einer gewesen ist; wie viele Kopfbedeckungen müßte unsereiner tragen, nachdem man so mehr oder weniger herumgewesen ist! Dieser da trägt einen gelben Schlafrock mit breiter, roter Bauchbinde, — ich möchte sagen: chassidisch-kosakisch. Dieser dort betreibt den Sport, sich alle gefundenen Knöpfe auf seine Jacke zu nähen; der andere hat ein weißes, zusammengefaltetes Tuch dicht um den Kopf gewickelt, wie unsereins es im Dampfbad zu tun pflegt, — die Temperatur ist auch wirklich jetzt danach. Dann kommt der Beduinenscheik,. unser zukünftiger Nachbar von Mesopotamien, bronzedunkel, in mehreren weißen Prophetmänteln übereinander, wie sie die chassidischen Wunderrabbis nur einzeln und nur an Feiertagen tragen; mohrenhafte Wüstenzigeuner, ausgemergelt vom Sonnenbrand, in größere und kleinere Tücher gekleidet, zottig und schrupfig; würdige Muselmanen in ihren Unter- und Überschlafrö-cken, Haupt- und Zwischentalaren und auch zugeknöpften schwarzen Beamtenröcken wandeln würdig ihres Weges ohne Eile, denn die Eile ist ein sicheres Zeichen von Ungläubigkeit. Nichts berührt ihren Gleichmut, auch nicht das Geschrei, das sich am Eingange der Brücke erhebt, unter zudrängendem Getümmel. Was ist los? Die große Losziehung? Nein, die war schon früher. Die Zeitungen werden ausgerufen: in allen Sprachen der Welt. Die freie Presse ruft in das Gewimmel der Galatabrücke hinein. Die Pariser Gamins könnten hier schreien lernen. Ja, Rabbi Jedaja, diese Brücke solltest du sehen! Das ist ein Leben. Und in den Niederungen — die Arbeit, die Pein, das Erdenelend! Vier Ruderer quälen sich unten in ihrer Lastbarke, stehen bei jedem Stosse von der Bank auf und stemmen sich förmlich wie Galeerensklaven zurück, um die überschwere Last um Haaresbreite vorwärtszubringen. Und hier am Billettschalter des Lokalschiffes nach Therapia hat ein blinder Bettler seinen Standplatz und behelligt mich in einem der schwierigsten Momente beim Ankauf eines Billetts um so und so viele blecherne Hosenknöpfe, die hier Piaster heißen, auf die etliche schwarze Westenknöpfe, die hier Pera heißen, herausgegeben werden sollen. Und wie wird dieser blinde Bettler um diese privilegierte Stelle von Tausenden seiner Konkurrenten beneidet! Nicht allen hat Allah dieses Glück beschieden. So ist das Leben, so ist die Galatabrücke. N. Sokolow Brief aus Palästina Grundsteinlegung des Hebräischen Gymnasiums in Jaffa Jaffa, 29. Juli 1909. Gestern, am 10. Aw, fand die Feier der Grundsteinlegung des neuen Hebräischen Gymnasiums statt. Auf dem Platze von Achuzath Baith versammelten sich frühmorgens die Lehrer und Schüler des Gymnasiums, Mitglieder des Aufsichtsrats des Vereins Gymnasia Ibrith, sowie eine Reihe anderer Freunde dieser Anstalt. Das vom Nationalfonds für das neue Gebäude erworbene Grundstück bildet einen der schönsten, höchstgelegenen Plätze des neuen jüdischen Stadtvierteis und gewährt einen wunder-

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