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Die Welt · 1909-08-13 · 33 (13.8.1909) · page 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
33 (13.8.1909)
Date
1909-08-13
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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No. 33 DIESaEELT 733 (□□□□□□ © vN- -o / FEUILLETON o' □ □□□□□!) O ■■ y o ORIENTBILDER Ich weiß nicht, ob Rabbi Jedaja aus Bezieres (B'darschi), der Dichter des „B'chinoth Olam", die Galatabrücke in Konstantinopel gesehen hat, aber das ist sicher: hätte Jedaja diese Brücke gesehen, so würde er die Welt anstatt mit dem „stürmischen Meer" im allgemeinen — mit dem Bosporus und dem Marmarameer, und das Leben nicht mit „einer Brücke", wie er es getan, sondern mit der Galatabrücke speziell verglichen haben. Es ist das Unglaublichste in diesem bunten, märchenhaft vielseitigen Durcheinander, das „Konstantinopel" genannt wird. Im halb asiatischen, halb europäischen Sonnenschein dort zu schlendern und Vormittagsluft zu atmen, ist gut für Gläubige und Ungläubige. Das atmosphärische Schauspiel allein ist seine Piaster wert. Man glaubt über einer ungeheuren Themse zu sein, auf einer straßenlangen hölzernen London Bridge, ein solches graublaues, blaugraues, silberflimmerndes Nebelmeer wogt ringsum auf diesen thrakischen Gewässern. Aber die Sonne, die dareinscheint, ist weniger hyperbolisch als im Lande der „fogs" und des Spleen. Die Ortschaft scheint etwas südlicher zu liegen als London. Früher, unter dem alten Regime, brauchte man nur die Billeteure anzusehen. Gleich am Anfange standen mitten im Gewühl, der Breite nach aufgereiht, sechs schneeweiße Gestalten, jede sechs Fuß hoch. Die baumlangen, hagern Gesellen trugen als Uniform lange, weiße Nachthemden bis über die Knie hinab. Diese galten als Blusen und hatten, selbstverständlich, keine .... Taschen. Einstecken konnten die armen Teufel nichts, das besorgten die Einnehmer und Einstecker hinter ihnen, denen die zuströmende Münze, Handvoll nach Handvoll, abgeliefert wurde. Man hat mir versichert, daß diese unversiegbare Rieseneinnahme seit jeher auf irgendeine dunkle Weise versiegte und niemand recht eigentlich wußte, wo sie hingelangt war. Es war. Seit der Einführung der .Verfassung tragen die Einnehmer neue Uniformen, und hoffentlich wird auch das Geld in die richtigen Kanäle fließen. Ist ja das Geld für die umgestaltete Türkei nötig, ach, wie nötig! Hat man die neuuniformierten Einnehmerreihen passiert, so drückt man sich am besten an das Geländer des Gebäudes, in der Hoffnung, daß es nicht gerade heute in Stücke gehen werde, wie es so manchmal passiert, daß man mir nichts dir nichts in das poetischklingende Goldene Horn fällt und prosaisch dort ertrinkt. Das Stehenbleiben ist, wie auf der „Lebensbrücke" des B'darschi, auch hier mit namhaften Schwierigkeiten verbunden. Das Gewimmel entwickelt eine gewisse Rücksichtslosigkeit. Um dem Ellbogen eines Kaimakams auszuweichen, stößt man an den Bauch eines Beglerbegs, und während man auf dem rechten Fuße das Sohlenleder eines Defterdars verspürt, betritt den linken Fuß der Stiefelabsatz eines Mussetarifs. In dem Momente, wo man dem primitiven Schnäuzmanöver eines Zaptieks auszuweichen versucht, verwickelt man sich in den Schleppsäbel eines Bimbascho, während gleichzeitig die Tschibukrohre der Ulemas einem die Augen im Kopfe bedrohen. Janitscharenscharen bedrängen einen zwar nicht mehr, aber die strammen Agas und molligen Mollahs, die Muschire, die rätselhaften Mischerscheinungen — halb Baschibuzuk, halb Großmufti, halb strangulierter Seraskier von ehedem — das alles und noch mehr dergleichen bringt ein Gedränge zuwege, vor dessen Beschreibung sich die Baedekerpoeten hinter das vielvexierte Wort „Kaleidoskop" flüchten. Nun kommt das Moderne, die Soldaten und Gendarmen von Saloniki, die Helden des Tages, die Herren der Situation. Die sehen ganz europäisch, stramm und zugleich sympathisch aus. Die Strammheit kommt von Goltz Pascha, das sympathische Aussehen von der Menschlichkeit und — der neuen, jungen Freiheit. Und in dieser rastlosen Strömung von Leuten, die schieben und geschoben werden, in diesem Hin- und Wiederfluten von Brettertretern, Watschelfüßlern und Hindurchschlänglern, Ausweichsvirtuosen und langbeinigen Krüppelübersteigern, bringen es wirklich eine Menge Leute zuwege, stehen zu bleiben und Verkehrshindernis zu spielen. Alle diese Stehenbleiber, Herumsteher und Imwegsteher, diese Ringsumgaffer, Baedekerbuchstabierer, Piasterzähler und Opernglaszurechtschrauber, diese Feilhaber von Blumen, gebratenen Kürbissen und Maulaffen bilden wirklich ein Chaos, das jeder Beschreibung spottet. Und das ist schon ein reformiertes Chaos. Früher lagen auf der Galatabrücke auch die armen Hunde; auf den Stufen, die zu den Dampfern führen, lagen sie und — schliefen, und ließen das ganze Dampferpublikum über ihre Leiber wegsteigen. Das neue Regime hat wenigstens auf der Galatabrücke diesen Unfug eingeschränkt, wenn nicht ganz beseitigt. Wie die Arabahs, die Droschken durch dieses Gewimmel fahren können, ist ein Rätsel, wie so manches im Orient, aber sie fahren doch. Allen Respekt vor diesen Künstlern! Sie fahren wie der Scheitan durch Gassen, die eigentlich Bergschluchten sind, und — der Gerechte kennt die Seele seines Tieres! — sie haben doch ein Herz für das Roß, dem sie dann mit dem eignen Sacktuch die triefenden Nüstern auswischen. Aber wenn diese Gerechten in wildem Galopp über die Galatabrücke rasseln, dann ergreift den Vorübergehenden eine mächtige Sehnsucht nach einem ... Zeppelin. Denn diese Brücke ist nichts als ein Knüppeldamm, der auf Pontons liegt. Und jeder Knüppel ist ein Balken, der, wie es heißt, baldmöglichst ausgewechselt werden wird; ein Teil wird wirklich jetzt ausgewechselt in einer etwas primitivem Weise als die Bahnbrücke in Köln. Viele Balken sind morsch und gar nicht festgenagelt, obwohl ungezählte eiserne Nägel daraus hervorstehen. Man nimmt es nicht so genau, festgenagelt, schwachgenagelt, — was liegt daran? Der Balken hüpft nervös in der Luft, sobald etwas darüber geht, fährt oder sprengt. Ungeordnet, rückständig, aber außergewöhnlich interessant. Ein unausgesetztes, lustiges, klappriges Gehüpfe von ungezählten und unzählbaren Balken, die eigentlich '■v.r V¥ : M r\ H ,ii 'H' ■:Jrl K' t* t< IB.. X 4 <4 14 m\ i

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