Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1909-08-06 · 32 (6.8.1909) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
32 (6.8.1909)
Date
1909-08-06
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3316349-3316384--52199-3345873
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Wenn du ihr zu Hilfe kommen könntest. Auf die andern Brüder ist nicht zu hoffen. Jankels Frau ist immer krank, und im Laden verdient man nichts. Neben ihrem hat man jetzt einen neuen Laden geöffnet. Oft fehlt es ihnen an Brot für die Kinder. Leiser hat man von der Mühle Abramsohns fortgejagt, und jetzt wandert er von einer Stelle auf die andere, eine immer schlechter als die andere. Bei Abramsohn auf der Mühle war ein Streik, und drei Tage hat man dort nicht gearbeitet. Jetzt arbeiten alle, aber Leiser hat man fortgejagt. Ich verstehe nicht warum. „Unser Aron geht auch jetzt ohne Stelle. Im Laden löst man jetzt wenig, des Kriegs wegen, und sein Herr braucht ihn nicht mehr. Aber er hat ihm nicht seinen Lohn ausgezahlt und ihn mit Schimpf aus dem Laden gejagt, indem er über den ganzen Markt schrie, daß Aron ihn bestohlen habe. Das paßte ihm so, um die 15 Rubel zu behalten, die er Aron nicht geben will. „Und jetzt kann der arme Junge nirgends ankommen, alle denken, daß er wirklich ein Dieb ist; möge sein Herr nie mehr haben als das, was er ihm gestohlen hat. Man gibt ihm den Rat, nach Amerika zu Dir zu fahren. Auch ihm scheint es bestimmt zu sein, in der Fremde sein Glück zu suchen. Aber er will jetzt nicht fahren. Nach einem Jahre muß er nämlich dienen gehen. Ich weiß solche, welche absichtlich fortgefahren sind, um nicht dienen zu müssen, aber Aron will das eben nicht. Er will Sold-at sein, wenn es ihm bestimmt ist, kannst Du das glauben? Denn wenn er fortfährt, dann wird für ihn ein anderer dienen müssen. Und jener andere will doch auch nicht gehen, ebenso* wie er; und vielleicht hat er auch Eltern, welchen er helfen muß. . . So sagt Aron. Ich verstehe auch das nicht. Kennt .denn Aron den Menschen, der für ihn dienen wird? Weshalb denkt er also an ihn? Ich möchte lieber, daß er nach Amerika geht, als daß seine Gebeine weiß Gott wohin verschleppt werden. Ich würde alles, was ich habe, mein letztes Hemd, fortgeben, um mein armes Kind zu retten. Was ist zu machen? Vielleicht sind die Kinder jetzt klüger als wir, wenn sie nach ihrem eigenen Kopfe handeln. Sie wollen Gerechtigkeit. Gott möge ihnen helfen. Aron grüßt Dich und bittet, ihm besonders zu schreiben. Auch Reisele grüßt und küßt die Kinder. Worüber soll ich Euch noch schreiben, meine teuren Kinder? Mein ganzes Herz würde ich vor Euch ausschütten, wenn ich nur könnte. . . „Ich habe noch einen Gruß für Dich. Ich war auf dem Grabe unseres Itzek. Du hast ihn doch nicht vergessen? Ostern sind es drei Jahre her. . . Ach, wenn ich mich noch an dieses Unglück, dieses Entsetzen erinnere! . . . Gerechter Gott, schweige nicht unsern Feinden, schweige nicht unsern Mördern, die jüdisches Blut vergossen haben! Es ist doch nicht Wasser, das Blut der Unschuldigen und Unglücklichen. . . „Möge sie Gottes Donner ereilen, möge er sie treffen, wo sie auch immer seien, wohin sie sich auch wenden, wegen unseres Blutes und wegen unserer Tränen. . . Mein Gott! Allmächtiger und gnädiger Gott! Wann wirst Du uns von unseren Leiden erlösen. . . Wann? „Man hat unser Kind an die Seite gelegt, wo Kirschbäume stehen, und über seinem kleinen Grabe hat ein schöner alter Baum seine Äste ausgebreitet. . . Das Grab ist auch ganz von Gras verdeckt. Unser Itzek schläft in der dimkein feuchten Erde unter Bäumen. . . Mein Kind. . Es trat eine drückende Stille ein, die Fliegen schwirrten im Sonnenstreifen umher, der sich vom Fenster durch das ganze Zimmer hinzog; hinter dem Tore sang jemand aus voller Kehle ein kleinrussisches Lied, aus dem Flur hörte man das Plätschern des Wassers und das zufriedene Trällern des hinausgeschickten Kindes, das wrohl einen interessanten Zeitvertreib gefunden haben mußte. Das Mädchen war auf dem Koffer eingeschlafen, indem es sein kleines Füßchen in einem schmutzigen Strumpf herunterhängen ließ. Die junge Frau hatte die Feder hingelegt und den Kopf zwischen die Hände gepreßt. Aus ihren Augen floß eine Träne nach der andern und benetzte den frischgeschriebenen Bogen des Briefes. Lautlos, als ob sie sich ihrer Tränen schämten, schluchzten die beiden Frauen leidenschaftlich in der Stille des ärmlichen Stübchens..... u □i Dl PALÄSTINA PI DI DI Verfassungsfest Jaffa, den 26. Juli 1909. Am 23. Juli veranstaltete das jungtürkische Komitee in Jaffa ebenso wie in allen andern Städten der Türkei eine große Feier der nun ein Jahr alt gewordenen türkischen Konstitution. An den Straßenumzügen mit Musik und Gesang nahmen alle höhern Offiziere und Beamten teil. Vor dem Regierungsgebäude, dem Vereinslokal des jungtürkischen Komitees, der Stadtkaserne wurden schwungvolle Reden auf die Freiheit gehalten. Auch die Juden Jaffas nahmen an dieser Feier regen Anteil. Die Zöglinge des hebräischen Gymnasiums zogen mit ihren Lehrern und türkischen und jüdischen Fahnen unter Absingnng hebräischer Lieder vor das Klublokal. Am nächstfolgenden Tage, arn Sonnabend abends, zog eine große Anzahl von Juden unter Begleitung des jüdischen Musikvereins „Kinor-Zion" in den jungtürkischen Klub, um hier die türkischen Freiheitskämpfer zu den von ihnen veranstalteten Erfolgen zu beglückwünschen. Zum Dank dafür begab sich gestern eine Abordnung des jungtürkischen Vereins in Jaffa, die Offiziere Dahir Bey, Mamdu Bey, Asraf Effendi, Rahib Imam, der Kaufmann Shibli Nufal, die jüdischen Mitglieder Dr. Moyal und Advokat Harari nach dem hiesigen Gymnasium und dem Beth-Sefer lebanoth (Mädchenschule). Auch drei Mitglieder des jungtürkischen Klubs in Jerusalem, ein Lehrer, ein Offizier und ein Priester, die auf einer Agitationsreise, um die ländliche Bevölkerung über das Wesen der neuen Freiheit zu belehren, in Jaffa weilten, schlössen sich ihren hiesigen Genossen zum Besuch dieser beiden Schulen an. Im Gymnasium und in der Mädchenschule wurden die jungtürkischen Mitglieder von der Direktion und dem Lehrerpersonal aufs freundlichste begrüßt. Von den Lehrern wurden hebräische, von den Gästen arabische Ansprachen gehalten. Die Aufgabe, die Reden durch Übersetzung allen verständlich zu machen, fiel Herrn Dr. Moyal zu. Von beiden Seiten wurde der Wunsch ausgesprochen, in Freundschaft zu beharren nnd für die Erhaltung der Freiheit und der von ihr geschenkten Kulturgüter gemeinschaftlich zu arbeiten. Ebenso wie von jüdischer Seite das Bedauern ausgedrückt wurde, mit den arabischen Mitgliedern sich noch nicht in arabischer Sprache verständigen zu können, bedauerten die arabischen Gäste, die hebräische Sprache, die Sprache einer so hohen, Jahrhunderte alten Kultur nicht zu beherrschen. Die Gäste besichtigten mit großem Interesse die naturwissenschaftlichen Sammlungen und Lehrmittel des Gymnasiums, sowie die schönen, luftigen^ Räume des neuen Gebäudes der Mädchenschule und trugen die Überzeugung davon, daß die vermehrte Einwanderung der Juden nach Palästina in erster Linie eine hervorragende Förderung moderner Kultur im Lande zu bedeuten habe.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.