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Die Welt · 1909-08-06 · 32 (6.8.1909) · page 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
32 (6.8.1909)
Date
1909-08-06
Page
– (sequence 7)
Language
German
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alles, was sie mir vorerzählt hat; aber ich glaube nicht alles. Danke Dir für den Gruß, den Du mir durch sie geschickt hast. Aber ich glaube ihr doch nicht . .. Ich glaube nicht, daß Du, mein teurer Sohn, der sich nie das geringste Vergehen gegen die göttlichen Gebote erlaubt hat, so viele schreckliche Sünden begehst und Deiner Frau erlaubst, sie zu begehen ... Und sind denn wirklich alle andern, die als gottesfürchtige Juden von hier fortgefahren sind, — sind sie da alle so, wie sie sagt? Auch Benia, der Sohn des Schlächters, und Meier, der gewesene Melamed, und Joine und Chatzkel und Elia? Und werden sie nicht, und auch Du nicht, täglich nach Euren Eltern Kaddisch sagen, wenn Gott sie nach 120 Jahren zu sich nehmen wird, und Ihr fastet auch nicht am Jomkippur und am Tage der Zerstörung des Tempels? Ist das möglich? Wehe dann Euren Eltern, wehe ihnen, die Euch zur Sünde und zum Unglück nach diesem dunkeln Amerika haben ziehen lassen und ... Möge Gott in seiner Barmherzigkeit Euch allen verzeihen ... „Meine Kinder! vergesset nicht Euren Gott, und Er wird Euch erretten. Wenn wir hier, wo der jüdische Golus so groß und so schwer ist, in unserm Leid und Elend nicht murren und seinen heiligen Willen ehren, so ist es Sünde von Euch, Ihn in jenem glücklichen Lande zu vergessen, in das Er Euch geführt, und nicht seinen Namen zu rühmen wegen alles dessen, das Er für Euch getan. Muß man denn im Glücke Gott vergessen? „Perele sagt, daß Du jetzt gar nicht einem Juden ähnlich siehst, sondern eher einem polnischen Herrn, nicht schlechter als unser Herr Friedensrichter, und daß dort niemand wagt, Dich Judenbengel zu nennen oder auch nur Jossele, Du heißt jetzt Joseph, Mister Joseph. „Es war mir sehr schwer, Deinen neuen Namen zu behalten. Für mich bist Du'ja noch immer mein lieber, teurer Jossele ... „Perele sagt, daß in diesem Jahr viele Juden (mögen sie sich mehren) aus unserer Gegend zu Euch gefahren sind, so daß, wenn dort ein Brith oder eine Hochzeit ist, die meisten Gäste aus unserer Stadt sind. Jossele, ich fürchte, daß die Arbeit schlechter und das Brot teurer werden wird, wenn alle von hier zu Euch wollen werden. Und wenn Euer König zu viele Juden auf den Straßen sehen wird, wird er ihnen dann nicht allen befehlen, fortzugehen, wie aus Moskau? Aber möge Gott Euch allen helfen. Lebet dort nur friedlich in der Fremde und vergesset nicht an die, die in Armut und Unglück hier zurückgeblieben sind. Danke Dir, daß Du uns nicht vergessen und 5 Rubel geschickt hast. Die Hälfte davon habe ich für die Wohnung abgetragen. Sie ist zwar feucht und dunkel wie im Grabe, aber man kann doch nicht auf der Straße wohnen. Und für das übrige habe ich für Reisele Stoff zu einem Kleid gekauft. Sie ist doch schon ein heiratsfähiges Mädchen, und sie hat nicht, worin auf die Straße zu gehen. Sie bekommt jetzt in der Fabrik 10 Rubel, und von diesem Gelde leben wir. „Denkst Du an Deine Schwester, Jossele. Was wird mit ihr werden? Wohl klagt und murrt sie nicht, aber mir bricht das Herz, wenn ich sie ansehe und an unsere Armut denke. Wer wird ihr helfen? Ihre Freundinnen kleiden sich von ihrem Gehalt und sammeln noch zur Mitgift, aber sie? „Vorige Woche war die Hochzeit ihrer Freundin Schane. Reisele konnte es nicht abschlagen, zur Hochzeit zu gehen, und sie nahm von unserer Mania das neue rote Kleid, das ihre Schwiegermutter ihr als Purim: geschenk geschickt hat. Ich ging auch die Hochzeit ansehen, und wirst Du es glauben, es war dort kein hübscheres Mädchen als unsere Reisele. Ihr Gesicht strahlte wie die helle Sonne, möge es sich nie für mich verdunkeln. Möge mein Kind nur zu meiner Freude leben. „Wenn ich nur einige Hunderte hätte! Dann könnte man ihr schon einen guten Bräutigam finden. Reisele würde schon ihren Mann stellen. Erinnerst Du Dich an Etka, die Tochter Gerschons, des Fuhrmanns? Sie ist jetzt sehr reich und so dick geworden, daß Du sie gewiß nicht erkennen würdest. Sie war auch zur Hochzeit in einem grünen Seidenkleid, mit goldenen Armbändern und Ketten geschmückt. Es knallte nur alles so an ihr. Sie kam an Reisele heran und führte sie beiseite, und ich sah sie an und konnte nicht klug daraus werden. Und weshalb denkst Du, daß sie an Reisele herangekommen ist? Sie hat ihr eine gute Partie vorgebracht. „Beinahe wären wir die Verwandten dieser reichen Etka geworden. Sie hat einen Neffen, und ihm gefiel Etka eben bei dieser Hochzeit sehr gut, und die Tante wollte sie, ohne weiter nachzudenken, auf der Stelle zusammenbringen. „Er ist auch aus Pogany zu uns gekommen, als man dort anfing loszuschlagen, und ist hier geblieben. Soviel ich verstehe, ist er ein sehr anständiger junger Mann, und Etka gibt ihm Geld, damit er sich hier eine eigene Schuhwerkstatt eröffnen kann. Sonnabend nachmittags sehe ich ihn auf einmal mit dieser Etka zu uns kommen. Ichwollteschon zuMania laufenundsiebitten, sie möchte schnell wieder ihr rotes Kleid für Reisele schicken; aber sie brach in ein Gelächter aus und ließ mich nicht gehen. . Wehe mir, jetzt kann ich keine Nacht schlafen und denke immer daran, was aus dieser Sache werden kann. Ich wollte Etka schon sagen, daß die Brüder sich bemühen werden, Reisele etwas Geld zu Wäsche und anständigen Kleidern zu geben. Reisele wollte,das nicht und hat selbst dem Bräutigam gesagt, daß sie nichts hat und nicht will, daß man darnach fragt und darüber spricht. Entweder gefällt Reiseie der Bräutigam nicht, oder sie versteht nicht, sich zu benehmen. „Etka saß und krümmte den Mund, als Reisele mit dem Bräutigam sprach, und ich und mein Alter, wir haben gar nichts davon verstanden. Ich verstehe auch nicht, warum Reisele gelacht hat, als der Bräutigam erzählte, wie er sich gefürchtet, als in Pogany der Pogrom war. Den ganzen Tag saß er im Walde versteckt, und des Nachts lief er auf den Bahnhof, um fortzufahren, Sie lachte ihn aus und sagte, daß er nicht so hätte handeln sollen, sondern dableiben und mit allen zusammen sein. Er antwortete nichts; aber Etka stand so zornig und böse auf und ging nach Hause, ohne sich auch nur von jemandem zu verabschieden. Jetzt kommt der junge Mann jeden Abend zu uns, und Reisele erzählt ihm von allem, was in den Büchern steht, die sie liest, und auch vom Zionismus. Ich weiß nicht, was das ist, aber Reisele sagt, daß das etwas sehr Gutes sei für alle Juden. Hast Du schon früher einmal davon gehört? Aber er weiß doch schon, daß Reisele keine Mitgift hat, wozu kommt er also?

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