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Die Welt · 1909-08-06 · 32 (6.8.1909) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
32 (6.8.1909)
Date
1909-08-06
Page
– (sequence 6)
Language
German
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. . . „Euren Brief haben wir mit großer Freude erhalten, jener Tag war für uns ein wahrer großer Feiertag. Gott möge Euch die Freude und das Glück vergelten, das Ihr uns mit dem Briefe bereitet habt. . . Reisele wollte an jenem Tage nicht einmal in die Fabrik gehen, und der Alte hat geweint wie ein Kind ..." „Ach, meine Teuren, wird es uns noch vergönnt sein, Euch wiederzusehen? Das weiß nur Gott . . . Wahrscheinlich haben wir bei ihm nicht ein so großes Glück verdient. Wenn den Vater sein altes Leiden befällt, so daß er nicht mehr atmen kann und wir beide denken, daß sein Ende gekommen ist, oder wenn seine alten Knochen so zu schmerzen anfangen, daß er weder sitzen, noch liegen kann, dann schläft er nicht während der ganzen langen Nächte und weint nur immer . . . Nicht darüber, daß er alt und krank ist, weint er, und nicht darüber, daß es für ihn schon lange Zeit wäre, seine alten Knochen ausruhen zu lassen, während er doch ohne Unterlaß arbeitet, sondern es bekümmert ihn, daß Gott ihm den Tod schicken könnte, bevor er von Euch gute Nachrichten bekommen haben wird, und daß er sterben wird, ohne Euch zu sehen. Du bist ja unser geliebter ältester Sohn, und Gott hat dich so weit vertrieben, daß uns auch nicht einmal die Hoffnung geblieben ist, dich je wiederzusehen . . . „Wieviel Freude hat uns doch Euer Brief bereitet. Wisse, Jossele, wenn du uns einen Brief schickst, so ist er uns eben so teuer, als ob wir dich selbst sähen ... Schreibe öfter. Vergiß uns nicht in dem weiten fremden Lande, und der, der ewig lebt, wird auch dich nicht vergessen" . . . „Ach Jossele! Was für ein gutes Jahr hat dich nach diesem weiten Amerika getragen? Leben denn nicht auch hier Leute, und hilft ihnen Gott nicht? Man sagt, daß es bei uns sehr schlecht ist, daß nicht genug Brot für alle ist, daß es in unsern Gegenden wenig Brot gibt und viele Juden, mögen sie sich mehren. Aber ich sage Dir, überall ist Gott, der niemals den Menschen mit seiner Gnade verläßt. Wenn dem Menschen Glück beschieden ist, so braucht er es nicht zu suchen; das Glück wird ihn überall begleiten, wohin er auch geht oder sich wendet, und für besser und mehr gibt es ja kein Ende und kein Ziel. „W7ir wollen nicht sündigen und nicht neidisch sein. Für alles, was Gott gegeben, wollen wir seinen heiligen Namen loben und ihm danken.. . „Riwka mit den Kindern ist jetzt bei uns. Ihr ganzes Dorf Pogany hat man geplündert und verbrannt, aber sie hat sich mit Gottes Hilfe mit den Kindern gerettet und ist mitten in der Nacht zu uns gekommen ... Sie hatte einen Laden, sie lebte so still und gut, wie ich allen meinen Lieben wünsche, und jetzt ist sie krank und fast nackt, wie sie auf die Straße gelaufen ist, als man anfing, loszuschlagen, und sitzt dem alten kranken Vater auf dem Halse ... Aber man darf nicht sündigen, nicht gegen Gott hadern ... Doch ich kann nicht mehr ihren Kummer mit ansehen. Es bricht mir das Herz . .. Womit hat sie gesündigt? Was hat sie getan? Alles hat man ihr fortgenommen, sie beinahe totgeschlagen . .. Und Itzek, unser armer Itzek!... „Ich verurteile Dich, Gott behüte, nicht, weil Du uns im Alter verlassen und * so weit Dein Glück suchen gegangen bist, daß Du vielleicht nie mehr zurückkehren und auch niemals auf unsern Gräbern beten wirst... Möge Gott Dich behüten und Dir helfen ... Vielleicht ist wirklich das Leben in Eurem Amerika so gut... Jeden lieben Tag fahren unsere Juden dorthin, immer zu Euch... Jung und alt, Frauen und Mädchen, alle dorthin ... „Ich weiß nicht, was das für ein Glück ist, dort so weit hinter dem breiten Meere, aber wie sehr auch der Mensch immer etwas Besseres will, — ich würde nicht von hier fortgehen, ich könnte es nicht. Hier bin ich geboren, hier habe ich mich vor vierzig Jahren verheiratet mit Eurem Vater, hier sind die Gräber meiner Kinder und Eltern, Friede ihrer Asche, und hier werde ich wahrscheinlich auch sterben, wenn die Zeit kommt. Aber andere reißen sich mit Gewalt von hier, Tag und Nacht. Sie sagen, sie fahren Arbeit und Brot suchen und einen ruhigen Winkel, wo sie niemand schlägt. Hier haben sie keine Arbeit und kein Brot, und man schlägt sie jeden Tag . .. Alle sagen dies. Wegen des Brotes sage ich jedoch wiederum, daß wir einen Gott haben, auf den man hoffen muß und das übrige .. . Gewiß ist es wegen unserer Sünden vor Ihm, daß wir leiden ... Man schlägt... Die Menschen schlagen einer den andern tot, Blut fließt wie Wasser .. . Vielleicht sind schon die Zeiten des Messias gekommen? O, wenn doch nach dem schweren Unglück die Befreiung käme!..." Die alte Chana-Lea schwieg, und Tränen flössen an ihren alten, runzeligen Wangen herab. Beila, die die Hände auf den Tisch gelegt hatte, blickte traurig vor sich zum Fenster hinaus, und in ihren roten Haaren, die aus dem weißen Tuche hervorsahen, glitzerte fröhlich ein Sonnenstrahl. Chana-Lea seufzte schwer, trocknete die Tränen mit dem Zipfel ihres Tuches, und der Strom ihrer Rede ergoß sich von neuem. Nach einer Minute verklärte ein Lächeln ihr runzeliges Gesicht ...„Sage mir, Jossele! Ich kann nicht glauben, daß das wahr ist. Wenn man Euch überall läßt, wohin Ihr wollt, wenn man Euren Juden erlaubt, eine Wohnung mitten in der Hauptstadt zu mieten und dort zu wohnen, und wenn man Euch zudem nicht zwingt, Soldaten zu werden und in den Krieg zu ziehen, was bleibt Euch dann noch zu wünschen? Wenn es überall so leicht wäre, den jüdischen Golus zu ertragen wie bei Euch, dann hätten alle Juden Geduld, ohne Murren noch länger auf das Kommen des Messias zu warten. Jossele, ich habe gehört, daß Du am Sonnabend ganz genau so arbeitest und rauchst wie an den Wochentagen und daß Kraina auch am Sonnabend kocht... Ist das möglich? „Die Arbeit würde Dir Gott vielleicht, wenn das wahr ist, verzeihen, Du mußt es vielleicht tun, um Brot zu haben. Was tut man nicht alles des Brotes wegen? Das ist eine große Sünde, Jossele ... Aber rauchen, kochen? Barmherziger Gott! Wehe meinem Alten, wehe meinem Haupte! Ist das wahr? Sagt es mir, Kinder, damit ich es weiß. Vielleicht ist das nur eine Klatscherei, und Ihr seid ganz unschuldig? Kenne ich denn nicht diese Perele Jacknes mit ihrer Zunge? Nicht umsonst hat ihr Mann sie verlassen, und sie ist zurückgekommen. „Schon seit einem Monat ist sie hier, und in Scharen zieht man zu ihr hin, um ihre Erzählungen über Euer amerikanisches Leben zu hören und die Reichtümer anzusehen, die sie mitgebracht hat. Ich bin zweimal bei ihr gewesen, und ich erinnere mich nicht mehr an

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