Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 32 (6.8.1909)
- Date
- 1909-08-06
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 32 DIE^aKELT 713 ist, in dem verschiedene bekannte Zitate auf lokale und allgemein zionistische Verhältnisse und Persönlichkeiten angewandt werden. Wir entnehmen diesem Kapitel folgende Zitate: Zangwill: Denn ich bin gestohlen worden aus dem Lande der Hebräer. (Genesis 40, 15). Misrachi und Zionisten: J will talk with you, walk with you, J will buy with you and J will seil with you, but J will not eat with you. (Merchant ok Venice.) Uganda: Wie heiß es war und wie weit! (Nie.,Beets). Schekel, J. N. F., Parteisteuer, J. C. T., A. P. C., P. L. D. C. usw. usw. Sondern wenn die Kosten kommen, Fühlet er sich angstbeklommen- Oh, wie anders ist der Gute! Er erlegt mit frischem Mute Die gesetzlichen Gebühren. (Wilhelm Busch: Julchen.) Das Buch ist dem Andenken Theodor Herzls gewidmet und bringt auch ein Bild unseres verewigten Führers. Ketten Drama in 4 Akten von Hermann Reichenbach Es ist das Werk eines Anfängers, mit dem uns die Sommerdirektion des Deutschen Theaters in Berlin bekannt gemacht, mit fast allen Schwächen eines Anfängerwerkes, aber doch immerhin eine Hoffnung, und wenn wir auch nicht das jüdische Drama der Gegenwart von Reichenbach erwarten dürfen, vielleicht wenn er seine Gestalten psychologisch vertieft, den Dialog flotter führt und noch manches andere hinzulernt, werden wir noch Freude an dem jungen Talent erleben. Die Handlung ist der Gegenwart entnommen, und sie ist nicht soweit ins Typische erhoben, um einen über die Gegenwart hinausragenden Wert beanspruchen zu können. Der junge Sigmund Schmane hat sich aus Liebe zum Soldatenstand taufen lassen um Offizier zu werden, verschweigt das jedoch seinen frommen Eltern. Als ihn ein Freund der Familie, der alte Salomon — eine recht gute Figur — in seiner Garnison, als er gerade in der Kneipe im Kreise von Offizieren und Honoratioren sitzt, aufsucht, verleugnet er diesen, gibt jedoch, als der Vater dazukommt, seine Lüge zu. Von Offizieren, die ihn auch vorher schon recht unzart an seine Abstammung erinnerten, beschimpft, gezwungen, einen zum Duell herauszufordern, vom Vater verstoßen, sieht er, daß er statt der Ketten, die die Zugehörigkeit zum Judentum darstellten und die er gebrochen zu haben glaubte, schwerere, unzerreißbare auf sich geladen hat. Er fällt in dem Duell, ohne die Verzeihung des Vaters erlangt zu haben; der Vater, jetzt zur Versöhnung bereit, findet ihn nicht mehr lebend vor. Der letzte Akt, der im Lazaret spielt und einen Fortschritt der Handlung garnicht bringt, ist ganz besonders schwach, und der ziemlich lebhafte Beifall galt sicherlich den ersten Akten, von denen der dritte, wo der Sohn noch einmal vor dem Duell nach Hause kommt, auch schon merklich abfällt. Gespielt wurde von den Herren im ganzen recht gut; hervorzuheben ist der Sohn (Kaiser-Tietz) und der Onkel Salomon (Morway). Mehr zu wünschen übrig ließen die Damen, wobei der Vertreterin der jungen Rahel, die den Sohn liebt, doch seinen Schritt mißbilligt, zugute zu halten ist, daß es ihr der Autor nicht leicht gemacht hat. Die Tendenz des Stückes scheint sich gegen den in Preußen geltenden Ausschluß der Juden von den Offiziersstellen zu richten, indem der Autor zeigt, zu welchen Konsequenzen dies bei einem jungen, frischen Menschen führt, der Lust und Liebe zum Soldatenstand hat. Sollte es für einen jüdischen Dramatiker unserer Tage nicht wichtigere und ernstere Proleme geben? F. M □□□□□□ FEUILLETON Cr 0= □□□□□□ EIN BRIEF (Eine Studie nach der Natur) Aus dem Russischen übersetzt von R. — „Nun, schreibe jetzt, ßeilenka, möge Gott dir Gesundheit schenken, denn der Alte liegt allein zu Hause ... Es geht ihm schlecht.“ — Chana-Lea nahm ein dickes Tuch von ihren Schultern, welches ihre ganze hinfällige Gestalt einhüllte, zog die Knotenenden eines andern Tuches fester zusammen, das sie um den Kopf gewickelt und unter dem Kinn zusammengebunden hatte, und setzte sich an den Tisch. Die junge Frau bedeckte in aller Ruhe das Gesichtchen des Kindes, das in der knarrenden Wiege eingeschlafen war, mit einem weißen Tiichlein und öffnete leise das Fenster. Daraus strömte ein ganzer Fliegenschwarm, der sich an den schmutzigen Scheiben tummelte, auf die Straße hinaus. Deila schwang ein Handtuch hinter ihm her, dann nahm sie vom Fenster das Tintenfaß und die Feder, räumte ein Ende des Tisches ab, der mit Gefäßen und Flicken vollgelegt war, und schickte sich dann an zu schreiben. Aber in diesem Augenblick ertönte ein zeterndes Geschrei und Gewinsel. Unter den Kindern, die auf dem Fußboden herumspielten, war ein heftiger Streit ausgebrochen wegen eines von ihnen gefundenen bunten Zeugfetzens. Beila sprang schnell auf und stieß den Sieger, einen fünfjährigen Knaben, in den Flur hinaus, dann machte sie die Tür hinter ihm zu, drückte das zurückgebliebene jüngere Mädchen ans Herz und küßte es. Sie setzte es auf den Koffer im Winkel und schob ihm in eine Hand ein Stückchen Brot, in die andere ein Stückchen abgebissenen Zucker. — „Wirst du endlich still sein?“ Sie öffnete die Tür, und nachdem sie dem schreienden Knaben ein paar Schläge verabreicht hatte, schloß sie sie von neuem und setzte sich an den Tisch. „Sie werden es nicht glauben, so ist cs immer mit ihnen, mögen sie nur gesund sein . . . Lassen sie denn einen etwas tun?“ Chana-Lea schüttelte den Kopf und zog aus der Tasche ein Kuvert und einige Bogen Papier. Es trat eine Stille ein, in der deutlich das Summen der um den Tisch schwirrenden Fliegen und das geschäftige Gackern der Henne zu hören war, das durch das Fenster vom Hofe herübertönte. „Meinem teuren, vielgeliebten Sohne Jossele, meiner teuren und vielgeliebten Tochter Kraina und meinen lieben Enkeln Jankele und Itzek, mögen sie lange in Glück und Freuden leben . . . Erstens benachrichtige ich Euch, daß wir alle, Gott sei Dank, leben und gesund sind, was wir auch Euch von ganzem Herzen wünschen . . . Zweitens: Euren Brief haben wir mit großer Freude erhalten“ . . . Beila schrieb sorgfältig die ßegrüßungs- und Einleitungsformel nieder und blickte voll Erwartung auf Chana-Lea. — Schreibe weiter, mein Kind . . . * 2