Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 32 (6.8.1909)
- Date
- 1909-08-06
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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712 DIEOTELT No. 32 Ii i»' };; "v K <* r* harmonisches Aneinanderwachsen und „aneinander Wachsen" herzustellen, wobei jede Richtung nur nach ihren freien Kräften, ihren Quellen und ihren Tendenzen sich höher entwickelt. Wenn nur jede einzelne alles Faule, Unechte, Schreierische und Übertriebene von sich weist und zu jener harmonischen Gemeinschaft, welche eben „Kultur" genannt wird, innerlich bereit ist! Dr. Ernst Müller Neue Bücher Haomer. Literarisch-wissenschaftliches Sammelbuch aus Palästina. 2. Band, 2. Heft. Vor uns liegt in hübscher Gewandung ein neues Bändchen dieser von Benzion Gutmann mit viel Rührigkeit und Hingabe redigierten Sammelschrift. Es hat, wie immer auch diesmal, manches von Palästina — und diesmal ausschließlich von Palästina — zu erzählen, von der neuen Umwälzung bis zu dem Spaziergang nach Galiläa, von den Wachstumserscheinungen des hebräischen Sprachlebens bis zu jenen feinen seelischen Regungen, v/elche noch nicht ihren Begriff und noch kaum ihren adäquaten dichterischen Ausdruck gefunden haben. Die Einleitung ist aus der Feder Achad Haams, in gewissem Sinne eine Fortsetzung seines Begrüßungsschreibens zum allerersten Bande: „Gekommen ist die Stunde." Unsere Position im Lande und die Anforderungen der neuen Ära stehen in einem schneidenden Gegensatze. Von der türkischen Revolution haben wir vor allem die Macht stetig wirkender geistiger Agitationsarbeit zu lernen. Kulturarbeit ist nach Auffassung des Verfassers das einzig Positive, was uns in der nächsten Zeit mit Erfolg zu leisten möglich sein wird. Aber manches an der Kritik der praktischen, speziell der zionistischen, Arbeit verliert an aktiver Bedeutung, wenn es sich großenteils an vergangene Fehler wendet. Und es läßt .sich mit Recht fragen: Was heißt denn Kulturarbeit in einem uns doch neuen Lande? Ist sie nicht unmittelbar mit neuer ökonomischer Lebensbildung verknüpft? Ist überhaupt ein neues nationales Kulturleben ohne neues, ihm entgegenkommendes Leben möglich? — Im allgemeinen sind Dichtung und Essay, sachliche Erörterung und Lebensbild auch diesmal nicht strenge gesondert, was vielleicht kein Nachteil ist, von zwei Aufsätzen abgesehen: „Die hebräische Sprache in ihrer politischen Bedeutung" von J. L. und „Von dem neuen Systeme" von M. Dizengoff. J. L. bringt eine ziemlich großzügige Synthese des Problems, wie die bis jetzt infolge ihrer verschiedenartigen Herkunft zersplitterte Judenheit Palästinas nur durch eine gemeinsame Kultur zu einer geeinigten Macht im Lande werden könne, was wieder die Einigung der Sprache voraussetzt. Obwohl der Verfasser in der Ausbreitung des Arabischen — vielleicht übertrieben erweise — eine Gefahr für eine hebräische Landeskultur erblickt, so findet er doch für eine solche die Bedingungen hier günstiger, denn irgendwo. „Hier festigt sich allmählich ein hebräisches ökonomisches Milieu mit allen Arbeitszweigen, welche jedem Volke notwendig sind, das selbständig ist und sein gesondertes Leben führt. Hier ist die hebräische Sprache ein natürliches und notwendiges Band zwischen den Juden, die aus verschiedenen . Ländern kommen und untereinandergemischt wohnen. Hier wird die hebräische Sprache bis zu einem gewissen Grade schon längst gesprochen und wird viel allgemeiner gekannt als irgend anderswo. Hier gibt es noch keine starke Kultur eines andern Volkes, welche auf Leben und Bildung der Juden einwirken würde, und die Juden mit ihren vielen Sprachen haben keine Möglichkeit, sich zu vereinigen und zu entwickeln, ohne eine hebräische Kultur in hebräischer Sprache." Unsere Kulturarbeit erstrecke sich danach vor allem auf die Schulen, auch auf jene, welche nicht unserm unmittelbaren Einflüsse unterstehen, besonders die „vielsprachigen" und die Schulen des orthodoxen Elements; sodann auf die Entwicklung einer hebräischen volkstümlichen Literatur, und endlich auf die konsequente Durchdringung des ganzen jüdischen öffentlichen Lebens mit der hebräischen Sprache. Der Artikel Dizengoffs ist von einein bitter-temperamentvollen Pessimismus diktiert. Er wirft einen Überblick über das Einwanderungselement — Kleinhandel, Arbeiterschaft und Kapital — und vermißt jede von der Trägheit des Golus entwöhnte, ausharrende, unternehmerisch-schöpferische Kraft. Er macht den komplizierten Apparat des Zionismus in wenigen, der jetzigen Richtung nicht entsprechenden Argumenten herunter und schlägt zuletzt eine agrarische Kolonisation im türkischen Reiche überhaupt vor. Dr. Benzinger liefert eine übersichtliche Darstellung über die Resultate der bisherigen Ausgrabungen in Palästina, — ein Thema, das dem hebräischen Leserpublikum leider bis jetzt ziemlich ferne lag. Manches helle Licht werfen die seit vierzig Jahren von Engländern und Deutschen zutage geförderten Entdeckungen auf altkanaanitisches und altisraelitisches Leben, besonders in kultureller und religiöser Hinsicht. Man fand u. a. jene Götzenbilder auf, gegen welche die Propheten so heftig eifern, aber auch die „Cherubim" in ihrer wirklichen künstlerischen Gestalt. Auch der Artikel Bernfelds über die schöpferische Epoche unserer alten Literatur ist von großem allgemeinem Interesse, in dem an der Hand der neuen Anschauungen über die Entstehungszeit mancher biblischer und einiger nachbiblischer, im Original hebräischer Schriften gezeigt wird, wie die hebräische Sprache bis zum Untergange des zweiten Reiches in literarischer Vollkraft geblüht habe. Besonders erfreuend wirkt der schön-literarische Teil, vertreten durch Beiträge von Ben Zion, Zemach und M. Welikanski. „Die Lewiten" des erstem, ein „Triptychon": der heilige Sänger „auf fremdem Boden", auf „heiligem Boden" und „auf dem Boden der Wiederbelebung". Dort konnte der Sänger von seinem ganzen Lebensdrange nichts in Töne ergießen, als Pilger im heiligen Lande wird er von schauerlicher Einsamkeit verschlungen. Jetzt erscheint er als Jüngling voll überschwenglicher Gefühle, der mit der Geliebten, dem Schweigen der Nacht und dem hellen Jauchzen des Tages hingegeben, ihr sein Geheimnis verkündet: daß ein neues Lewitengeschlecht erstanden ist und daß es noch dem Erwachen des „heiligen Liedes" entgegenharre. Zemachs Skizze „Auf der Tenne" ist mit lebender Plastik aus dem Tagesleben einer Kolonie herausgeschnitten: ein eben angekommener Arbeiterfindet bei einem altern, in der „Beamtenepoche" etwas korrumpierten Kolonisten Aufnahme und begegnet in dem Sohne eines andern Kolonisten einem Freunde. Und die gemeinsame Liebe zu Palästina, des Neuen und des Eingebornen, schlingt um beide ein enges, brüderliches Band. Eine reizende Feinmalerei zeichnet die Skizze „Nach Galiläa" von M. Welikanski aus. Wir sehen ja kaum etwas von der Landschaft und fast gar nichts von Menschen und Verhältnissen des durchwanderten Landes, sondern nichts als die kleine Gesellschaft, auch nur zufällig zusammengewürfelt, wie sie dahinwandern und Durst leiden und die Schuhe zerreißen, wie sie nachts um die Bojaren von Petach-Tikwah und ein zweites Mal um den Tabor herumirren, wie sie der kleine Esel zum Übermut reizt und wie sie, andächtiger Gefühle voll, im Jordan baden. Dann die kleinen Begegnungen mit dem Stammesbruder mitten in öder Umgebung mit dem europäischen Ingenieur, mit den phantastisch schönen Araberinnen und den Schrecken einflößenden Beduinen. Wie sie dann wieder in der „Jeschibah des Meir Baal Neß" übernachten, Projekte schmieden und die schönsten aufgeben müssen, — dazwischen in wenigen Streiflichtern die Gesellschaft selbst: der sentimentale Arzt auf dem Pferde, die Jargonisten und die Russen, der immer irrende Führer, die beiden Agronomen, das Liebespärchen, die beiden „Bourgeois" . . . eine kleine, naive, idealistische, mit Ernst und Heiterkeit gleichbegabte Gesellschaft, die so zufällig unter die lächelnde Brille eines mit dazugehörigen Dichters und Menschenfreundes geraten ist, — der auch in manchen Momenten von der Schönheit der Berge oder des nächtlichen Himmels hingerissen wird. ... E. M. Jahrbuch 1909 der zionistischen Studenten Hollands Das hübsche Werkchen wartet schon allzu lange auf eine Besprechung. Und es ist doch gewiß wert, der zionistischen Welt angekündigt zu werden. Seit dem Haager Kongreß wissen wir zwar, daf3 es in Holland eine eifrig strebende zionistische intellektuelle Jugend gibt, allein, von deren Leistungen ist bis jetzt nur zu wenig in weitern Kreisen bekannt geworden. Nunmehr haben aber die zionistischen Studenten einen schönen Anfang gemacht, indem sie ihr erstes Jahrbuch der Öffentlichkeit übergeben haben. Das gut ausgestattete Büchlein enthält außer den gewöhnlichen Rubriken (Almanach, Adressen, AusländischeStudentenverbindungen) eine Anzahl Beiträge, teilweise von den Mitgliedern der Niederländischen Organisation zionistischer Studenten, teilweise von hervorragenden Gesinnungsgenossen. N. Sokolow hat einen feinsinnigen Aufsatz „An die Jugend" beigesteuert, in dem er die Aufgaben der jungen Generation dem Zionismus und dem Judentum gegenüber darlegt. Aus der Feder des Dr. J. Hen bringt das Jahrbuch zwei schwungvolle Prosagedichte „Meschabber haittim" und „Das Lied der Liebe", während Herr A. B. Kleerekoper, der Redakteur des „Joodsche Wächter" einen kurzen hebräischen Aufsatz „Über unser Volk und seine Sprache" eingesandt hat. Es folgen dann eine kurze Skizze über die zionistischen Organisationen von Herrn S. Hoofien und einige Aufsätze über die Organisationen zionistischer Studenten in Deutschland und England von den Herren Fr. Bromberg-Bonn und Jacob Alexander-Oxford. Am Schlüsse des Buches findet sich ein Kapitel „Mixed-pickle", wie das in den holländischen Studentenalmanachen der Brauch