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Die Welt · 1909-08-06 · 32 (6.8.1909) · page 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
32 (6.8.1909)
Date
1909-08-06
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Sicherheitsgefühl des Fortschreitens verleiht. Ruhig müssen wir allen Fragen ins Auge blicken, wollen wir dem eignen geschichtlichen Werden ein bewußtes Wollen zugrunde setzen. Wie es scheint, schließt eine Frage die meisten andern ein: Wie kann aus dem Desparaten ein Einheitliches werden, aus zentrifugalen Wirkungen zentripetale, aus zerstreuten Gliedern ein Volk, aus tausend geistigen Heimaten ein geistiges Zentrum? . . . Man denkt selten daran, wie verschiedenartige Elemente sich im Zionismus oder sagen wir sogar noch enger: in Palästina zusammenfinden und zusammenfinden werden, obgleich auch das schon eine engere Einheit als die allgemein zionistische und die letztere als die allgemein-jüdische bildet. Und dennoch, welche Verschiedenheiten! Der eine ist nur ein „Chowew Zion", ein Zionsliebender, ohne Phrase — er ist vielleicht sonst gar kein Idealist, kein Qeschichtsträumer und nicht einmal ein Mensch mit bemerklichen nationalen Zusammenhängen, — ihm ist die seit Jahrzehnten angenommene Idee der Besiedlung Palästinas nur so selbstverständlich wie seinen Voreltern die ganze jüdische Tradition, an der er in ihren nationalen Zügen mit aller Selbstverständlichkeit festhält. Er .wird nach Palästina gehen, mit Leichtigkeit ein wenig leiden, wenn er auch früher vielleicht ein gut bürgerliches Leben geführt hat, das er, wenn es eben angeht, vielleicht auch hier nicht wird missen wollen. Er wird Bojaren pflanzen, einen neuen Geschäftszweig einführen oder dergleichen, und dabei, seiner Zionspflicht genügend, seinem Leben eine andere Wendung gegeben haben. Da ist der intelligente Arbeiter. Sein Idealismus ist gespannter und aufgeregter, teilweise in der Brandatmosphäre der Revolution genährt. Die Wiedergeburt seines Volkes empfindet er ebensowohl auf dem Acker als im Versammlungslokal. Aber er liebt die Diskussionen über „Prinzipien", die nicht immer solche sind. Er will den Klassenkampf mit dem nationalen Wiederaufleben verknüpfen und bewegt sich hier und da in Widersprüchen. Für das Land und die Freiheit ist er zu den größten Opfern bereit, wenn er auch zu ständigem Ausharren erst seßhafter werden muß. Da ist der extreme Kulturzionist. Auch sein Kulturgedanke ist mit Schlagworten umgürtet, hinter denen hier und da eine echte Quelle sprudelt. In hohen Fragen wird er an dem rein Formalen kleben, z. B. die Sprache für den Zweck aller Kultur erklären — und sogar im Kaufladen ausschließlich hebräisch sprechen. Trotz seines Nationalismus hat er aber oft keine Wurzeln in eigner Kultur, das meiste davon durch eine ihm unbewußte Nachahmung erworben und kennt kein Maß in der Schätzung des Eignen. Es wird auch Einsame geben, Einsame auch unter jenen, welche in jede Versammlung gehen, mit allen wohlbekannt sind und gar nicht wissen, daß sie nicht selbst mit hineingehören. Dann der Träumertypus. Er sieht in den gewöhnlichsten Dingen das Keimen einer Wunderpflanze, und alles Krankhafte oder Mangelhafte kennt er nicht. Seine Phantasie projiziert ferne Hoffnungen in den nächsten Augenblick und kann — wenn er nicht gerade eine künstlerische Schöpfernatur ist — reale Dinge verderben. Zur Größe fehlt diesem Typus zumeist die Beständigkeit, und jede Enttäuschung ist in einem neuen Optimismus vergessen. In ganz wenigen ist dieser Typus bis zu seltsamen Formen gesteigert. In direktem Gegensatz dazu steht der „Techniker", darunter alles verstanden, was in gleichmäßiger Tagesarbeit Schritt um Schritt den Elementen Raum abgewinnen will, eine geräuschlose Dauerpflicht tut und unter keinen Umständen verläßt, — was sich eventuell mit dem Bauen von Pumpen begnügt und damit etwas Nützliches vollbringen will und sich dabei doch die eigenen Horizonte frei und weit erhält. Dann der mehr oder weniger Eingewurzelte, der Kolonist, dem Ganzen seiner Arbeit doch immer treu ergeben, mit einer verborgenen, manchmal ein wenig selbstbewußten Intelligenz und von einer äußern Blickweite, wie sie kaum einem andern „Bauern" zu eigen ist. Wenn auch keine verfeinertere, aber eine reinere und naturwüchsigere Kultur kann vielleicht hier einmal erblühen. Und der junge Kolonist liebt die Arbeit, körperliche Kraft und nationale Verteidigung gleich dem Arbeiter. Sollen wir noch die „Seitentypen" nennen, die natürlich wie überall die überwältigende Majorität bilden: jene Halbintelligenz, welche den Begriff der Arbeit nicht kennt, jene Mitgeher der Kolonisation, welche Straßen und Versammlungen füllen, von denen manche zwischen „Lehrer" und Kaufmann alle Berufe bekleiden können. Oder jene Elemente, die die „Chaluka" gezeugt hat, deren Sprößlinge mitunter „noch nicht freigeworden sind", — oder den Wohltätertypus, der nur zufällig hier lebt, sein Zentrum in Europa hat, dort fortschrittlich und hier reaktionär ist? Oder den „orientalischen Europäer", der sich in einer interessanten Einöde fühlt, sich mit Peinlichkeit kleidet und, ohne zu europäisieren, über den Orient lächelt? Und dann haben wir noch nicht von den Zehntausenden Eingeborenen gesprochen, die vielleicht noch gar keine ausgesprochenen Volkstypen innerhalb einer zukünftigen Gemeinschaft erkennen lassen. Und dann fragen wir uns: Wo ist die Einheit? Wird daraus ein Ganzes werden? Und es gibt gewiß auch zukünftige Typen, für welche nur bisher noch nicht Ort und Zeit in Palästina vorhanden sind. Der schöpferische Organisator, der originelle „Techniker", der vertieftere Kulturzionist, der mehr in der Stille als auf der Plattform wirkt, der bewußtere Kolonist, Pionier im Sinne agrikultureller Fortschritte, der bewußtere Arbeiter, der über das soziale Problem nicht nur diskutiert, sondern seine nationalen Zusammenhänge ohne vorgefaßte Meinung erfaßt. Aber wird auch nur dann die Einheit hergestellt sein? Wird nicht doch noch etwas von den verschiedenen geistigen Heimaten übrig bleiben, die nur sehr langsam zu einer höhern Synthese sich vereinigen, während ihre konsequente Weiterentwicklung oft nur noch weitere Entfernungen schafft? Dann aber müssen wir unser Problem anders verstehen. Auch nationale Kultur führt.höchst selten dazu, eine wirkliche Übereinstimmung, einen kulturellen Einheitspunkt zu schaffen. Ein Volk ist eben keine individuell geistige, sondern höchstens eine sozial geistige Einheit, Die Bürgschaft für diese Einheit liegt in den gemeinsamen oder wechselseitig einander ergänzenden psychischen Anlagen innerhalb des Volkes und auch in der objektiven, sozialen Seite von deren Entwicklung. Ihr Ziel kann aber auch kaum weiter reichen als ein

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