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Die Welt · 1909-08-06 · 32 (6.8.1909) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
32 (6.8.1909)
Date
1909-08-06
Page
– (sequence 2)
Language
German
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710 DIE^KELT No. 32 sind wirklich rückständig, aber wir — sagten die Sektierer der „Biblejskoie Bratstwo" und dgl. — sind die echten Juden, wir sind die guten Bürger, die nützlichen Mitglieder des Staates. Sie wollten die Qunst der Machthaber gewinnen und Rechte erlangen. Die Angeberei blieb nur als ein Schandfleck von heuchlerischem Selbstverrat in der Erinnerung an die traurigen Verirrungen des jüdischen Geistes. Die Pflicht der Solidarität und die Verwerflichkeit 1 der Sektierers der Außenwelt gegenüber erstreckt | sich auf das ganze Gebiet des Judentums und der jüdischen Angelegenheiten. Wohl können wir unter I uns über innere Fragen gegeneinander mit den Waffen Ides Geistes kämpfen. Aber wenn ein Teil der unsrigen der Außenwelt gegenüber erklärt, wir sind die Loyalen, so sind es nicht die Loyalen, sondern die Loyolas, \ denn hier steckt die geheime Absicht, die andern Juden i zu diskreditieren. Dieses Handwerk ist unsauber, aber! leicht. Es genügt ein Zitat, eine Mißdeutung, und jede >y Partei, jede Richtung, jede Organisation, ja, das Judentum im ganzen erscheint als etwas Gefährliches. Also frisch f ans Werk: wir werden uns gegenseitig zerfleischen! Erst unlängst schwebte uns der Gedanke eines Zusammenschlusses aller jüdischen Organisationen vor; das ist ein Gedanke, zu dem uns die logische Notwendigkeit der Selbsthilfe drängt. Anstatt die Wege zu suchen, diesen Gedanken der Verwirklichung entgegenzubringen, wird jetzt das Unwesen einer gegenseitigen N Verunglimpfung getrieben. n Der Ernst der Lage und die Würde unseres Volkes gestatten es nicht, über diese Auswüchse so zu schreiben, wie sie es verdienen. Es ist verlockend, einer polemischen t Phantasie die Zügel frei zu lassen und derbe Worte zu; gebrauchen. Für das lesende Publikum mag vielleicht die Pikanterie als Würze der Lektüre willkommen sein, obschon in der Kunst der Journalistik die Fähigkeit des h Polemisierens kaum den letzten Rang einnimmt. Aber die Sache ist wirklich zu ernst, als daß sie nach dieser Richtung mißbraucht werden dürfte. Wir haben eine Tatsache festzustellen, und das wollen wir mit der größten Ruhe tun. An einigen leitenden Stellen der „ Alliance Israelite Universeile" hat ein Geist Platz gegriffen, der nicht nur in einer , antizionistischen, sondern auch in einer antijüdischen v Weise wirkt. Diese Methode steht in einem krassen Widerspruch mit allen Traditionen der „Alliance Israelite Universelle" und — wir wollen es hoffen — mit den Intentionen der meisten Mitglieder. Gegen dieses Vor- 'x gehen müssen wir die öffentliche Meinung des Gesamtjudentums anrufen. Noch existiert außer den paar Herren ein Gesamtjudentum, das solche Dinge nicht tolerieren wird. [i Man denke sich folgendes Bild: Wir, die bösen Zionisten, halten eine Jahresversammlung ab, und wir \ * erstatten Bericht über unsere Tätigkeit. Aber im Laufe f% dieser Berichterstattung werden wir folgenden „Abv Stecher" machen. Wir, die Zionisten, haben in diesem v oder jenem Lande viel Gutes gestiftet, weil wir das Wohl des Landes erstreben, während eine andere jüdische ^4 Organisation, nämlich die „Alliance Israelite Universelle", in jenem Lande Unheil stiften will, wir waren und sind im1 deshalb gegen diese destruktive Tätigkeit. Was würde I v man von einer solchen Hinterattacke halten? Sie ist unedel, weil es nicht von großem Mut zeugt, einem Gegner en passant in den Rücken zu fallen. Will man mit einem Gegner kämpfen, so tut man es nicht von ungefähr und nicht durch Verdächtigungen, die geeignet fr % i» * sind, die Vorurteile einer dritten, mächtigen Partei hervorzurufen. Keine einzige jüdische Organisation hat je in dieser Weise „polemisiert". Dieses Novum hat nicht nur unter uns, sondern beinahe in der ganzen jüdischen Presse ein Gefühl des Befremdens hervorgerufen. Wir haben mit der größten Schonung der Personen und mit geflissentlicher Objektivität diese Tatsache festgenagelt. Darauf folgte eine in monarchischem Tone gehaltene „Erklärung" eines Herrn, die den Effekt des ersten Mißgriffs nicht abschwächt, sondern verstärkt. Wir widerstehen der Versuchung, das Komische dieses Jupiterzorns zu beleuchten, weil es wirklich zu traurig ist, daß eine solche Sprache geführt werden kann, wo weder die Sache noch die Zusammenhänge, auch nicht unser ruhiger und begründeter Protest auch nur den geringsten Anlaß zu einer persönlichen Polemik geben könnte. Ein zweites Kapitel. Eine nichtjüdische Abordnung erscheint bei einem Herrn, der an der Spitze der „Alliance" steht. Einer der Herren äußert seine Bedenken gegen eine große jüdische Organisation. Was war nun die jüdische Pflicht des Vertreters dieser Gesellschaft? Jeder Jude wird darauf antworten: Seine Pflicht war, das Vorurteil zu zerstreuen, die Anklage zu widerlegen. Anstatt dessen sagt er: Ja, das ist recht, wir sind auch gegen diese Juden, aber wir sind die Loyalen! Ja, Herr Narcisse Leven ist ein sehr würdiger Greis, der im Dienst des Judentums ergraut ist, aber wir haben in unserm alten Schriftum eine geheiligte Norm: Wo ein Chilul-haschem besteht, erteilt man dem Raw keine Ehre. Und wir haben es hier mit einem Chilul-haschem zu tun! Man denke sich: eine nichtjüdische Abordnung käme zu uns, und ein Mitglied dieser Abordnung würde sagen: die „Alliance Israelite Universelle" ist eine goldene Internationale, sie mischt sich in die Angelegenheiten anderer Regierungen, und wir würden darauf antworten: Ja, das ist wahr, wir sind auch dagegen, aber wir sind brav und ehrlich usw. Das wäre ganz derselbe „Chilul haschem"! Wir würden ein solches Vorgehen seitens der Unsrigen mit einer noch größern Schärfe brandmarken, als wenn es seitens einer andern Organisation geschieht. Und diese Gesellschaft ist ja die „Alliance Israelite Universelle", die dazu berufen ist, zu einigen und zu stärken, nicht aber zu spalten und zu schwächen! Wir halten daran fest, daß diese Ausschreitungen eine Episode polemischer Verblendung und persönlicher Ranküne darstellen. Es ist nicht möglich, daß die „Alliance Israelite Universelle" systematisch eine solche Taktik verfolgen könnte, ohne das Prinzip zu verleugnen. Sollte dies aber, was wir nicht annehmen, System sein, so wird die jüdische öffentliche Meinung dafür sorgen, mit diesem System aufzuräumen. N. S. Eine geistige Frage Vor jedem Bekenntnis, nicht nur religiöser, sondern auch geschichtlicher Art, hat einmal der Zweifel gestanden. Und wie weit wir denselben auch überwunden haben mögen, so müssen wir doch oft gerade in ihm den ersten Wecker erkennen, den Feind unserer Idee, der sie zuerst zu sich selbst kommen, sich konzentrieren hieß. Und der Zweifel selbst nimmt mit der Zeit eine andere, eine fruchtbare Form an. Er wird zu einer Frage, wenn auch unsere eigene Kraft uns das

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