Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 31 (30.7.1909)
- Date
- 1909-07-30
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Notstand in Galizien Wien, 28. Juli. Der Lemberger Landesausschuß beschloß, eine Enquete zu veranstalten über die Ursachen des Notstandes unter der jüdischen Bevölkerung Galiziens. Mädchenraub in Galizien Aus Tarnopol wird uns geschrieben: Im Dorfe Burka bei Tarnopol wurde dieser Tage ein frecher Mädchenraub verübt. Zwei Bauern ergriffen des Nachts die 18jährige Tochter des dortigen jüdischen Einwohners David Bleich und entführten sie gewaltsam in ein Tarnopoler Nonnenkloster. Der Vater des Mädchens verfolgte die Räuber, die jedoch im Dunkel der Nacht entkommen konnten. Nach einigen Tagen erfuhr Bleich, daß seine Tochter sich im Tarnopoler Kloster befinde, und begab sich dahin, um sein Kind zurückzufordern. Weinend, bat er um Einlaß und wünschte seine Tochter zu sehen. Der Ärmste wurde barsch von der Klosterpforte gewiesen, indem ihm beschieden wurde, daß das Mädchen angeblich bereits nach Lemberg gebracht worden sei. — Ad majorem gloriam dei. Amerika (Von unserm Berichterstatter) New York, 12. Juli. Die Vereinigten Zionisten unserer Stadt hielten gestern ihre monatliche Sitzung ab, bei welcher eine Frage verhandelt wurde, die noch große Skandale nach sich ziehen kann. Es handelt sich nämlich um die Verteidigung der Ehre unserer Nationalfahne, die bei der Jahreskonferenz resp. dem vom 12. bis 16. Juni gefeierten 50 jährigem Jubiläums des jüdischen Ordens „Brith Abraham" schwer verletzt wurde. Die jüdisch-nationale Fahne prangte am ersten Tage dort im Hippodrome Saale über dem Kopf des Großmeisters Samuel Dorf, der sie dann am folgenden Tage mit der Erklärung hinauswerfen ließ, daß die Juden seines Ordens nicht als jüdische, sondern als amerikanische Patrioten erzogen werden müßten. Die amerikanische Flagge blieb; die jüdische aber wurde trotz des Protestes der Majorität vom Saale entfernt. Der Versammlungsrat der New Yorker Zionisten beschloß gegen Samuel Dorf energisch vorzugehen und sandte ein dreigliedriges Komitee, bestehend aus den Herren Dr. L. Epstein, N. Nowak und Dr. S. Buechler aus, die bei der nächsten Exekutive-Versammlung des Ordens „Brith Abraham" in der Angelegenheit vorsprechen und eine öffentliche Erklärung des Großmeisters fordern sollen. Sollte die Erklärung keine zufriedenstellende sein, werden die Vereinigten Zionisten New Yorks sich an die zum Orden gehörenden Logen selbst wenden und ein Mißtrauensvotum gegen den Großmeister verlangen. Viele Logen stehen auf Seite der Zionisten, und der Kampf verspricht ein sehr lebhafter zu werden. Es ist bemerkenswert, daß die Beleidigung der jüdisch-nationalen Fahne in einer Öffentlichkeit von vielen tausenden Juden geschah und sich doch nur eine einzige jüdische Zeitung in New York „Das Jiddisch Volk" (offizielles Organ der amerikanischen Zionisten) gefunden hatte, die den Mut besaß, gegen den unwissenden Großmeister vorzugehen. Die amerikanischen Zeitungen, besonders aber die deutsch-amerikanischen, welche sich bei dem Jubiläum des „deutschen" Ordens in großer Zahl vertreten ließen, brachten wohl ein paar hingeworfene Notizen über die Schändung der jüdisch-nationalen Fahne, sie verstanden es aber die Tatsache in ein solches Licht zu rücken, daß die öffentliche Meinung im ersten Augenblick sich darüber nicht empören konnte. Der Orden „Brith Abraham" ist im Grunde genommen nichts mehr als eine Lebensversicherungsgeselischaft, die 67000 Mitglieder zählt und einen Großmeister nötig hat, der die Leute zur Einzahlung ihrer Monatsgehälter zu zwingen imstande ist. Er muß grob und boshaft, aber noch lange nicht gelehrt und intelligent sein. Der Orden ist bloß insofern jüdisch, daß er einen jüdischen Namen führt und seine Mitglieder ausschließlich Juden sind. Die meisten der zum Orden gehörenden Logen befassen sich einzig und allein mit Geschäftsfragen, die den Orden oder die Loge angehen. . Vom jüdischen Freiheitskampf wissen die Mitglieder blutwenig und der Großmeister sorgt dafür, daß jüdische Fragen in den Logen überhaupt nicht diskutiert werden sollen. Diesmal wird man ihm an den Leib rücken; denn die Frage, ob die weißblaue Fahne eine zionistische oder allgemein-jüdische ist, wird von den hiesigen Zionisten in allen Logen des Ordens „Brith Abraham" aufgerollt werden. New-York, 12. Juli. Seit William Williams, der bekannte Antisemit, an der Spitze des Einwanderungsbureaus steht, ist die Lage der von Rußland und Rumänien nach Amerika wandernden Juden um ein beträchtliches verschlimmert worden. Hunderte solcher Juden werden täglich deportiert, aus dem einfachen Grunde, weil sie bei ihrer Ankunft in Ellis Island keine 25 Dollar aufweisen können. Das Gesetz wurde wohl für alle Immigranten geschaffen, es trifft aber am schwersten unsere Brüder, die in vielen Fällen in das Land ihrer Heimat, wo ihrer Elend und Verfolgung droht, nicht mehr zurückkehren können. Gestern wollte der neue Einwanderungskommissar wieder einmal sein Mütchen kühlen und gab den Befehl, unter andern auch die vier Juden H. Skurbosky, G. Färber, M. Gelvat und Nahuni Boytz zurückzutransportieren. Die Verwandten dieser vier Juden nahmen einen Habeas-Corpus-Befehl heraus und zwangen die Beamten, denselben den neu eingewanderten Juden zuzustellen. Nun soll die Sache vor das direkt zu diesem Zwecke eingerichtete Appellationsgericht gelangen, und man erwartet das Resultat mit großer Spannung. Diese vier Juden haben allen Forderungen des neuen Einwanderungsgesetzes entsprochen, wurden aber nichtdestoweniger in Ermangelung der nötigen 25 Doli, als „Unerwünscht" erklärt. Das Gericht wird darüber zu entscheiden haben, ob der Einwanderungskommissar hierzu das Recht hatte. Falls das Gericht zugunsten dieser vier Juden entscheidet, ist die Macht Williams gebrochen, und die 893 Einwanderer, welche momentan in Ellis Island ihrem harten Schicksale mit großer Ungeduld entgegensehen, werden vielleicht etwas schonungsvoller behandelt werden. In der Regel werden 45 Prozent der Einwanderer zurückgeschickt, die letzte Woche aber stieg die Zahl der Deportierten bis auf ungefähr 80 Prozent. Da die Angelegenheit jetzt endlich vors Gericht kommt, wird allgemein erwartet, daß die einflußreichen Juden Amerikas, wie Isidor Strauß, Jacob H. Schiff usw., sich der jüdischen Einwanderer annehmen werden. Die Aussichten auf Erfolg sind schon darum die besten, weil nach allgemein juristischer Auffassung der Einwanderungskommissar nicht befugt gewesen sei, ein solch strenges Gesetz ohne Anhörung maßgebender Faktoren des Gerichts und der Behörden ins Leben zu rufen. Das selbstdiktierte Gesetz Williams schädigt in vieler Hinsicht das Interesse des ganzen Landes. Im letzten Monat trafen im hiesigen Hafen 65812 Immigranten ein, die zusammen eine Barschaft von einer Million und 195Tausend Dollar mitbrachten. Die größten Summen brachten die aus Westeuropa angelangten Juden mit. Wie verlautet, wird die Angelegenheit der vier Juden vom Gerichtshof der Regierung in Washington vorgelegt werden, die in der Einwanderungsfrage das letzte Wort zu sprechen haben wird. B—r. Die Erschwerung der Einwanderung Ober die Rechtmäßigkeit der vom neuen Einwanderungskommissar Williams erlassenen Verordnungen zur Erschwerung der Einwanderung lesen wir weiter im „Jewish Exponent": Die Zurückweisung von Einwanderern hat im Verhältnis zum vergangenen Jahr um volle 35 Prozent zugenommen, und es ist sicher, daß diese immer noch mehr zunimmt. Am letzten Samstag sind über hundert Männer und Frauen von Ellis Island zurückgesandt worden, weil sie nicht in der Lage waren, die neuen Forderungen der Einwanderungsgesetze zu erfüllen. Um die strenge Auslegung des Gesetzes und die Auslegung durch den Regierungskommissar Williams auf ihre Richtigkeit hin zu prüfen, haben Verwandte und Freunde von vier zurückgewiesenen Fremden, welche zwar den an sie gestellten körperlichen Anforderungen entsprachen, aber trotzdem auf Grund der Befürchtung, daß sie öffentlichen Kassen zur Last fallen könnten, zurückgewiesen worden sind, beschlossen, ihre Fälle diese Woche vor Gericht zu bringen. Man sagt im Hauptquartier der „Hebrew Immigrant Aid Society, daß diese Fälle, welche der Methode des Einwanderungskommissars auf Rechnung zu setzen sind, zum Gegenstand einer richterlichen Entscheidung gemacht werden müßten. Der neue Kommissar ändere die Gesetze nach seinen eignen Anschauungen, und er wreise gesunde Männer zurück, weil sie nicht die Summe von 25 Dollars besitzen, die er als das für die Zulassung erforderliche Kapital (außer dem Reisegeld zu ihrem Bestimmungsort) festgesetzt hat. Das Anwachsen der Zahl der Zurückweisungen ist anderseits aber auch natürlich der Nachläßigkeit der Schiffsagenten zuzuschreiben, welche das Geld des Einwanderers nehmen, ohne sie über die Widerwärtigkeiten aufzuklären, denen sie beim Eintritt in dieses Land ausgesetzt sind. Aber da eine bestimmt festgelegte Verordnung in bezug auf das erforderliche Kapital nicht bestanden hat, wurde bisher der zur Zulassung erforderliche Betrag nach andern Bedingungen geregelt. Die Immigrationsgesellschaften bezweifeln die Autorität des Kommissars Williams, den Betrag von 25 Dollar ohne Rücksicht auf mildernde Umstände festzusetzen. Die krisenhaften Zustände, die durch die neue Verfügung des Kommissars William hervorgerufen worden sind, wonach jeder Einwanderer mindestens 25 Dollar in bar vorzeigen können muß, wenn