Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 31 (30.7.1909)
- Date
- 1909-07-30
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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698 -= DIE3 ihm im Namen der Kiewer jüdischen Gemeinde die Tora. Der Kaiser drückte seinen Dank aus. Die Judenfrage in Finnland Eine spezielle Kommission beim Finnländischen Senat hat ein neues Wohnrechtsprojekt für Juden ausgearbeitet. Der Inhalt dieses Projekts ist ungefähr folgender: Bürgerrechte sollen die Juden erhalten, die in Finnland geboren wurden und bis zum 21. Lebensjahre dort wohnten, wie auch diejenigen, die dort nicht weniger als 10 Jahre ohne Unterbrechung wohnen. Um volle Bürgerrechte zu erhalten, muß sich jeder Jude mit entsprechender Bitte an die höhern Behörden wenden. Diejenigen Juden, die mit Pässen nach Finnland kommen, haben das Recht. 3 Monate in Finnland zu bleiben. Der Gouverneur kann diese Frist auf 6 Monate ausdehnen. Falls nun ein Jude länger bleiben will, muß er sich mit entsprechender Bitte an den Gouverneur wenden, der im Einverständnis mit der Gemeinde, in der jener Jude wohnt, das Recht hat, die Frist des Wohnrechts auf ein Jahr zu verschieben. Wenn aber der Jude noch länger bleiben will, muß er diese ganze Prozedur mit den Gesuchen und Bittschriften wiederholen. Dieses Projekt hat Protest seitens des russischen Gouverneurs in Helsingfors hervorgerufen. Er betrachtet es als zu liberal. Er rät, daß man die dreimonatliche Frist auf einen Monat verkürzt und die einjährige auf eine halbjährige, „andernfalls könnten sich die Juden in Finnland einnisten und die lokale Bevölkerung demoralisieren". Außerdem betrachtet es der Gouverneur als überflüssig, im Einverständnis mit der Gemeinde zu handeln und schlägt anstatt dessen die Einwilligung der Polizei vor. Das Projekt der Komission soll binnen kurzem im Senat behandelt werden. Die Rabbinerkommission Die Rabbinerkommission, die beim Ministerium des Innern existiert, besteht aus Rabbinern, Kaufleuten und „angesehenen" Bürgern. Einige Rabbiner aus Südrußland legten dem Ministerium folgendes Projekt der Reorganisation dieser Kommission vor. Die Verfasser weisen vor allem darauf hin, daß die Kommission, die von einer kleinen Gruppe 'gewählt wird, keine Autorität besitzt, wodurch es ihr unmöglich ist, Reformen im religiösen und sozialen Leben durchzuführen. Sie schlagen folgende Veränderungen vor: 1) Die Kommission soll aus 23 Mitgliedern bestehen. 2) Die Wahl soll durch die Mitglieder der jüdischen Gemeinden in Rußland und Polen vollzogen wereen (bis jetzt war Polen ganz abgesondert). 3) Die Kommission soll regelmäßig ihre Sitzungen abhalten. 4) Es sollen an ihr auch Persönlichkeiten teilnehmen, die sich im sozialen Leben betätigen. Die Ausweisungsfragen Eine Gruppe der jüclischen Intelligenz begann die Sammlung von Material über die ökonomische Lage der jüdischen Familien, auf die sich das Zirkular Stolypins betreffs der Nichtanwendung des Ausweisimgsgesetzes ausstreckt. Das Material soll den jüdischen Deputierten der Duma zur Verfügung gestellt werden. Der katholische Fanatismus Während der Rundreise des neuen Bischofs von Zytomir, Karas, haben Juden aus einigen Städtchen den geistlichen Würdenträger mit Brot und Salz empfangen, um ihren freundschaftlichen Gefühlen der christlichen Bevölkerung gegenüber Ausdruck zu geben. Der Bischof wandte den jüdischen Deputationen den Rücken, hat Brot und Salz nicht angenommen und antwortete nicht auf ihre Begrüßung. Dieses wilde Benehmen hat sogar in den extrem katholischen Kreisen eine starke Empörung hervorgerufen. Zur Lage An der Tagesordnung steht noch immer die Frage der Zulassung der Juden in die Lehranstalten. Wahrscheinlich wurde der patriotische Eifer des Ministers Schwarz ein wenig gezähmt, denn ungeachtet der Agitation der extremen Reaktionären, werden die „Pforten der Wissenschaft" für die Juden nicht gänzlich zugesperrt bleiben und es herrscht der alte „Status quo". In der letzten Sitzung des Ministerrates beschieß man, die Juden an allen höheren Lehranstalten aufzunehmen, und zwar dürfen in den Hauptstädten 3 %, in der Provinz in Rußland 5° o, innerhalb des Ansiedlungsrayons 10% der Gesamtschülerzahl Juden sein. Was die technischen Mittelschulen betrifft, so läßt sich hier eine Wendung zum Bessern bemerken, denn dank der Initiative des Ministers Schwarz wurde dort die Prozentnorm für Juden abgeschafft. Die Regierung sorgt hauptsächlich dafür, daß man die Universitäten nicht mit Juden überhäuft, denn aus diesen rekrutiert sich das EELT No. 31 Kontingent der intelligenten'Kräfte,die die wichtigsten sozial-politischen Posten bekleiden. Vor den jüdischen Ingenieuren und .Technikern hat man weniger Angst. Angesichts der letzten Erlasse des Ministeriums des Innern hat die ganze russische Presse Artikel veröffentlicht. Der populärste Publizist Menschikow klagt in der „Nowoje Wremja" über den Liberalismus der Regierung, die aus Furcht vor den Juden nicht den Mut gehabt habe, eine konsequente Politik durchzuführen, d. h. die völlige Absperrung der russischen Bildungsquellen für Juden zu erzwingen. Herr Menschikow, der in diesem Falle als ein Vertreter der Ansichten der maßgebenden Kreise gelten kann, tadelt heftig die Tendenz des Ministeriums des Innern in dem letzten Jahrzehnte, welche die Idee der Assimilation der Juden mit der autochthonen Bevölkerung vertritt; sein Ideal ist das alte Ghetto. Die Prozentnorm sei ein dummer und gefährlicher Einfall) dank welchem die gefährlichsten unter diesem Volke der „Parasiten" priviliegiert würden. Vor den armen und orthodoxen Juden brauche man keine Angst zu haben; diejenigen indessen, die durch die Filter der Beschränkungen durchgingen, müßten als die beweglichsten und begabtesten, "als das zerstörende Element in der russischen Gesellschaft gelten, die auf die Jugend demoralisierend einwirken und die Grundsätze der Staatsordnung zerstören würden. Der russische Publizist vergleicht unverschämterweise die Juden mit Ungeziefer. Hätte es einen Sinn derartige Insekten, wenn auch mit einer Prozentnorm zu tolerieren? Ähnliche Urteile beweisen, wie wenig die liberale Bewegung den Juden gebracht hat. Im Gegenteil, wir können ganz ruhig behaupten, daß vor dem Jahre 1904 sogar Herr Menschikow nicht den Mut gehabt hätte dergleichen skandalöse Postulate zu veröffentlichen. Wir haben keine Rechte erhalten und der Haß gegen uns hat sich sichtbar gesteigert. Im vorigen Jahre haben wir um diese Zeit von der Massentaufe der jüdischen Jugend, welche nach der Absolvierung des Gymnasiums an keine Universitäten zugelassen wurde, berichtet. Man ging zu verschiedenen Konfessionen, sogar zum mohamedanischen Glauben über, nur um sich die Lebenskarriere nicht zu versperren. In diesem Jahre wird es keine neuen Islamsbekenner geben, denn wie bereits der Senat erklärte, bekommt ein Jude, der den mohamedanischen Glauben annahm, keine Rechte, man berichtet dagegen von allen Seiten über zahlreiche Übertritte zu verschiedenen christlichen Konfessionen. In Jekaterinoslaw haben sich 8 Juden, die das Gymnasium absolviert haben, taufen lassen; das wurde hauptsächlich durch ihre Eltern verursacht, indem sie ihren Eltern klarmachten, daß sie keinen andern Ausweg hätten. Von einem andern Orte berichtet man, daß 15 Juden, nachdem sie das Gymnasium absolviert haben, sich mit der Bitte an den evangelischen Pastor wandten, er möge sie taufen. Als er ihnen mitteilte, daß es wenigstens ein halbes Jahr dauern müsse, bevor sie sich der Dogmen der neuen Religion bewußt werden, waren sie genötigt, von dieser Religion abzusehen, denn sie hätten sonst die Ausgabe ihrer Zeugnisse verspätet; sie begaben sich also zum russischen Priester, welcher sie sofort getauft hat. In vielen russischen Städten fanden zu Ehren der Jahrzeit von Theodor Herzl Trauergottesdienste statt. In ihren Ansprachen machten die Redner auf die erfreuliche Tatsache aufmerksam, daß die jüdische Jugend, die in der Zeit der Revolution die zionistische Idee vernachlässigt hat, sich jetzt mit neuem Eifer ihr anschloß. Eine jüdische Akademie Aus Wiina wird uns geschrieben: Vor kurzem hielt sich hier Baron David Günzburg auf und machte die Vorsteher der' hiesigen jüdischen Gemeinde mit den von ihm in Petersburg begründeten jüdischen Kursen bekannt. Auf diesen Kursen werden Talmud, jüdische Geschichte, Arabisch, Religionsphilosophie usw. unterrichtet. Nach der Meinung des Baron Günzburg müssen diese Kurse sich nicht zu einem Lehrerseminar, sondern zu einer Akademie der jüdischen Wissenschaft herausbilden. Aus dieser Akademie sollen dann Rabbiner, Prediger und überhaupt jüdische Gelehrte hervorgehen. Die Erhaltungskosten für eine solche Akademie werden auf 30 000 Rubel jährlich eingeschätzt, die von den jüdischen Zentren aufgebracht werden sollen. Gegenwärtig werden die Kurse von 30 Hörern besucht, von denen jeder eine monatliche Unterstützung von 20—25 Rubel erhält. Die Dauer des Besuchs erstreckt sich auf 5 Jahre. Die Idee der jüdischen Akademie begegnet in der jüdischen Gesellschaft überall der wärmsten Sympathie. Man erwartet davon namentlich eine Lösung der in Rußland seit langem bekanntlich aktuellen Rabbinerfrage, die darin besteht, daß der wirkliche Kultusrabbiner und der offizielle sog. Kronrabbiner nicht in einer Person vereinigt sind. Durch diesen Dualismus leidet das jüdische Gemeindeleben in