Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1909-07-30 · 31 (30.7.1909) · page 13

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
31 (30.7.1909)
Date
1909-07-30
Page
– (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3315709-3316349-3316383--52179-3345852
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

M. J. Salkind und die Herren Herbert Bentwich, H. Bernhard Cohen, Rüben Cohen, P. Baker, J. Danziger, H. Ginzburg, S. Goldreich, B. Grad, L. Eisen, N. Lazarus, Walter Nathan, S. B. Rubinstein, B. S. Straus, Mitglied des Parlaments, Luden Wolf und J. L. Slobodinsky. Nachdem die Toaste auf König und Sultan ausgebracht waren, sprach Sir Francis Montefiore auf die Delegierten des türkischen Parlaments. Er gab seiner Freude Ausdruck, den Vorsitz bei einer solchen Gelegenheit führen zu können, so wie ein berühmter Träger seines Namens den Juden im Türkischen Reiche vor mehr als 60 Jahren glänzende Dienste geleistet habe. Er sei selbst niemals in der Türkei gewesen, aber er erwarte mit Ungeduld die Zeit, da er in der Lage sein würde, das Land zu besuchen. Er gebe nur den Gefühlen aller Anwesenden Ausdruck, wenn er die türkischen Gäste willkommen heiße, und er hoffe zuversichtlich, daß ihre Reise in dieses Land einen glücklichen und gedeihlichen Ausgang finden werde. Er hoffe, daß die Herren zurückkehren würden nicht nur mit guten Eindrücken vom Lande im allgemeinen, sondern auch von der jüdischen Gemeinde im besondern, von der sie hervorragende Vertreter an diesem Morgen kennen gelernt hätten. Nissim Masliach Effendi antwortete auf Französisch und sagte, er und seine Kollegen seien glücklich, unter Juden weilen zu dürfen, die unter der freien britischen Flagge lebten. Auch in der Türkei könnten die Juden jetzt sagen, sie lebten unter einer freien Flagge. Die Juden der Türkei seien immer ein intelligenter und betriebsamer Teil des Volkes gewesen, der durch die politischen Umstände an der vollständigen Entfaltung seiner Kräfte gehindert worden sei, aber unter der neuen Freiheit mit Anstrengung zu diesem Ziele streben werde. Er müßte jetzt etwas sagen, was für seine Gastgeber mehr unmittelbares Interesse hätte, und das sei, daß das Türkische Reich herzlich alle jüdischen Einwanderer willkommen heiße. Er müsse indessen betonen, daß der Willkommengruß davon abhänge, daß die Juden nach der Türkei ohne jede unpatriotische und separatistische Absichten kämen Es sei hinreichend Raum für ihre Ansiedlung in den Ländern des Reiches, und wenn sie kämen, um sich als loyale und betriebsame Bürger niederzulassen, würden sie den herzlichsten Willkomm finden. Der Name des Vorsitzenden sei ihm schon lange vertraut, und er sei sehr erfreut, heute seine Bekanntschaft zu machen. Sein Name stände als der Vertreter hochherziger jüdischer Philanthropie im ganzen ottomanischen Reiche in Ansehen, und er freue sich schon auf den Tag, wo es ihm vergönnt sein werde, Sir Francis Montefiore in Konstantinopel zu begrüßen. Er wolle deshalb nicht mit einem „Adieu", sondern mit einem „Auf Wiedersehen in Konstantinopel" schließen. Dr. Riza Tewfik Bey begann auf Englisch und sprach dann ebenfalls in französischer Sprache weiter. Auch er drückte seine Freude darüber aus, dem Vorsitzenden begegnet zu sein, denn das Bild seines berühmten Vorfahren, Sir Moses Montefiore, sei ihm seit seiner Kindheit vertraut. Obgleich er selbst kein Jude sei, habe er doch die wärmste Sympathie mit dem jüdischen Volke, denn er sei in einer jüdischen Schule in Konstantinopel erzogen worden und habe ein gut Teil jüdischer Gelehrsamkeit und Gefühle in sich aufgenommen. Daher sei es natürlich, daß er eine Einwanderung von Juden in das Türkische Reich lebhaft wünsche. Was die zionistische Bewegung anlange, so empfinde er wärmste Sympathie dafür, sofern sie auf die soziale Hebung des Volkes und die Besserung der Lebensbedingungen ihrer Glaubensgenossen hinziele, die in sogenannten zivilisierten Ländern verfolgt würden. Die politischen Ziele des Zionismus indessen könnten nicht in gleicher Weise Beifall innerhalb des Türkischen Reiches finden, insbesondere im gegenwärtigen Augenblick, wo so viele internationale politische Probleme zu lösen seien. Weil er ein Freund der Juden und des jüdischen Idealismus sei, wolle er ihnen sagen, sie sollten mit ihrem Werk beginnen, aber nicht über ihre Absichten sprechen. Um ein Ideal zu erreichen, sei es nötig, Schritt vor Schritt vorwärts zu gehen, und als ein wahrer Freund des jüdischen Volkes würde er es nicht gerne sehen, wenn ihm im Bestreben, sein Ziel zu erreichen, ein Mißverständnis unterliefe. Talaat Bey .antwortete gleichfalls kurz auf französisch und drückte seine Übereinstimmung mit den Ausführungen seiner Kollegen aus. Herr Greenberg brachte einen Toast auf den Vorsitzenden aus und bemerkte, Sasson Effendi habe ihm vor ein paar Tagen gesagt, die Leute in England hätten bisher die Türken als Wilde betrachtet und er hoffe, daß dieses Mißverständnis durch den gegenwärtigen Besuch ausgeräumt werde. Er, Greenberg, möchte auch den Wunsch ausdrücken, daß die türkischen Deputierten, die eine so eigenartige Meinung über die Art der Zionisten gehabt zu haben schienen, in ihr Land mit richtigem Anschauungen darüber zurückkehren möchten. Was die Absichten der Zionisten anlange, sei es durch und durch irrig, nein, selbst beleidigend, zu unterschieben, sie verfolgten irgendwelche unpatriotische oder separatistische Absichten, wenn sie die jüdische Einwanderung in die Länder des türkischen Reiches förderten. Sie wünschten lediglich, das ottornanische Reich mit einer loyalen und betriebsamen Bevölkerung zu bereichern, die in keiner Hinsicht die Unantastbarkeit des Reiches zu beeinträchtigen wünsche. Er könne daher auch nicht verstehen, warum man irgendwie zögern solle, ein so wichtiges und bedeutsames Angebot anzunehmen. Die Gebete vor dem Frühstück wurden von Rev. Dr. S. Straus, nach dem Essen von Rev. J. K. Goldbloom gesprochen. Interview mit Dr. Riza Tewfik Bey Es scheinen große Meinungsverschiedenheiten über die An" sichten Dr. Riza Tewfik Beys über den Zionismus zu herrschen- Ich bat ihn daher, mir zu sagen, was seine Meinung darüber sei- Er erwiderte: „Ich hoffe, daß es nicht nötig ist, Ihnen zu versichern, daß ich ein wahrer und-aufrichtiger Freund des jüdischen Volkes bin. Aus diesem Grunde interessiere ich mich für den Zionismus und wünsche, den Zionisten einen freundlichen Bescheid zu geben. Sie müssen wissen, daß es augenblicklich eine sehr kritische Zeit für die Judenfrage im türkischen Reiche ist. Separation ist jetzt das Nachtgespenst der Türkei, und ich würde nicht gern meine besten Freunde unter den Nichtmohammedanern, und das sind die Juden, durch die Alarmnachrichten, die verbreitet werden, gefährdet sehen. Ich bin sicher, daß die hervorragendsten Juden, die das Geschick ihres Volkes im Herzen tragen, taktvoll sein werden. Um ein Ideal zu erreichen, müssen Sie schrittweise vorgehen. Sie müssen praktisch sein und sich den Umständen und der Umgebung anpassen. Die ottomanischen Juden sind der tatsächlichen Lage näher als Sie hier. Sie hier sprechen von Selbstverwaltung für eine jüdische Siedlung. Das ist sehr wohl angebracht für das englische Volk, das in freiheitlichen Ideen und Einrichtungen sich entwickelt hat. Aber in der Türkei stehen wir jetzt im Kampfe gegen die Selbstverwaltung, die von verschiedenen Provinzen gefordert wird und daher wissen wir, daß die vom Zionismus verursachten Befürchtungen zerstreut werden." „Welche Wahrscheinlichkeit besteht hinsichtlich der Aufhebung der Einwanderungsbeschränkung nach Palästina?", fragte ich. „Die Aufhebung der Beschränkung", erwiderte Dr. Riza Tewfik, „hängt von den Gefühlen ab, die von den Handlungen des Zionismus ausgelöst werden. Sie müssen sich erinnern, daß die Griechen und Moslems der freien Einwanderung von Juden feindlich gegenüberstehen, und es werden große Schwierigkeiten entstehen, wenn nicht die Juden die gegenwärtige Lage erfassen." Die türkischen Deputierten verließen London am Samstagabend und begaben sich auf eine kurze Rundreise durch die Provinz. Ihren ersten Aufenthalt nahmen sie in Newcastle, von wo sie nach Manchester, Liverpool und Birmingham weiterreisten. Sie werden in London wieder am Samstag den 31. ds. eintreffen und sodann ungehindert jeder nach seinem eignen Plan handeln können. Sasson Eskell Effendi wird noch ein paar Tage in Manchester bleiben, wo ihm zwei Brüder leben. Dr. Riza Tewfik Bey wird auch Cambridge besuchen, um mit dem arabischen Gelehrten, Professor E. G. Browne, über die Herausgabe eines seiner Werke zu sprechen. Sasson Eskell Effendi und Nissim Masliach Effendi haben in Begleitung des Herrn Israel Cohen das jüdische Asyl, den jüdischen Armenrat und die jüdische Freischule besucht, Rußland (Von unserm Berichterstatter) Jüdische Deputation beim Zaren Während des Poltawafestes hat der Zar zweimal jüdische Deputationen empfangen. Die Einzelheiten sind folgende. Am 8. Juli, während der Kaiser die Station Sarki passierte, stieg er aus dem Wagen aus und empfing drei Deputationen der Bauern, des Adels und der Juden. Die jüdische Deputation bestand aus 7 Bürgern mit einem Rabbiner an der Spitze und einigen Kronrabbinern aus der Umgegend. Die Deputation reichte dem Kaiser eine Torarolle und empfing ihn mit Brot und Salz. Der Kaiser küßte die Tora, nahm Brot und Salz und sagte: „Danket den polnischen Juden in meinem Namen." Die zweite jüdische Deputation empfing der Kaiser auf der Rückreise in Kiew. An der Deputation beteiligten sich Rabbiner Aronson, Rabbiner Hurwitsch und die reichen Bürger: Margolin, Zachs und Heilperin. Rabbiner Aronson segnete in einer russischen Rede den Kaiser, und zum Zeichen der Huldigung überreichte er

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.