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Die Welt · 1909-07-30 · 31 (30.7.1909) · page 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
31 (30.7.1909)
Date
1909-07-30
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Die jüdischen Einwohner Qazas sind fast ausschließlich Sefardim. Infolge des regen Handelsverkehrs mit England ist der englische Einfluß in Gaza vorherrschend. In den meisten kaufmännischen Bureaus wird englische Korrespondenz geführt. Ramie. Die städtische Kolonisation der Juden hat sich bis jetzt nur auf wenige Orte konzentriert und einige von diesen, wie Jerusalem, Saffed, Tiberias geradezu in jüdische Städte verwandelt. Dagegen .wurde es bis jetzt sehr wenig versucht, einen Teil der Einwanderung nach den von Juden nicht besetzten palästinensischen Städten zu lenken. In Ramie ist vor Jahren ein solcher Versuch vom Verein Lemaan-Zion unternommen worden, der aber leider mißglückt ist. Dies ist nur ein Beweis dafür, wie schwierig es ist, in ganz judenreinen Plätzen die ersten Wurzeln zu fassen. Wiewohl nämlich Ramie ein ganz gesundes Klima besitzt, so nahe bei Jaffa und den judäischen Kolonien liegt, haben sich doch nur ganz wenige Juden bis jetzt dauernd dort ansiedeln können. Im ganzen gibt es jetzt in Ramie 15 jüdische Haushalte mit 56 Seelen. Kinder gibt es 28 (21 Knaben und 7 Mädchen), von denen 11 weniger als 6 Jahre alt sind, 13 im Schulalter von 6—14 Jahren stehen und 4 älter als 14 Jahre sind. Jerusalem, 18. Juli 1909. Einen sehr interessanten Vortrag über die Fauna Palästinas hielt gestern in unserm Beth-Am der hier allgemein bekannte und geschätzte Naturforscher Aharoni. Ein zahlreiches Publikum versammelte sich, um den sehr belehrenden Ausführungen des Vortragenden in größter Spannung zu folgen. Es kam hierbei auch zum Ausdruck, welcher Beliebtheit der junge Gelehrte beim Publikum sich erfreut und welch hohes Interesse naturwissenschaftlichen Belehrungen, insbesondere solchen, die die Kenntnis des Landes fördern, entgegengebracht wird. Hoffentlich ist der von Herrn Dr. Metmann in Jaffa begründete naturwissenschaftliche Verein dazu berufen, einem in dieser Beziehung längst empfundenen Bedürfnis abzuhelfen. (□□□□□□ o VV ■ >0 , FEUILLETON □ □□□□ —^ o 3? JUDISCHE BARFUSSLER Von S, M. Melamed Über einem freudlosen Tischobeavmorgen hängt ein fragender Himmel und ergießt eine schweigende Schwermut über die Erde. Die Luft schwirrt von schwimmenden Rätseln. Die Gassen sind leer, und das Hämmern des Werktags ist verstummt. Die Juden, Alt und Jung, Weib und Kind, sitzen in ihren Bethäusern auf der Erde und klagen still ob der Zerstörung Jerusalems. Auf allen Gesichtern liegt Trauer. Mit weinerlicher Stimme murmeln die Juden ihre Klagelieder, und seufzend lispeln die Weiber nach. Der Vorbeter, der auf der Treppe des Allmemors sitzt, beschließt jeden Gebetabschnitt, indem er mit traurig klagender Melodie den letzten Satz wiederholt und den ersten des nächsten Abschnitts beginnt. Dann murmeln die Juden weiter. Jeder der Betenden ist in sein Klageliederbuch versunken und betet allein für alle. — Das stille, melodische Klagegeflüster der Einzelbetenden wird von einer unsäglichen Friedhofsluft umwittert, die in jedem Grabeslust und Grabessehnsucht weckt. Je mehr sie beten^ je mehr sie klagen, desto größer wird die Sehnsucht nach dem Friedhof und die Lust zu den Gräbern. Und als vollends der Vorbeter mit weinerlicher Stimme beginnt: „Dann als Jeremiah die Gräber der Väter aufsuchte," steigert sich diese stille, unaussprechliche Sehnsucht nach Gräbern, daß viele still sich von der Erde erheben und auf den Weg zum Friedhof begeben. Und die, die es in der Synagoge bis zu Ende ausgehalten haben, nehmen ebenfalls den Weg zum Friedhof. Still und lautlos ziehen sie in Scharen dahin, zum Zeichen der Trauer haben sie ihre Schuhe abgelegt, und so vernimmt man kaum die Tritte dieser Friedhofspilger. Die Hekdeschleute nennen aber dieses „Tischobeav" den Jahrmarkt auf dem Friedhof. Und diesen Tag erwarten sie sehnsuchtsvoll das ganze Jahr hindurch. Am Tischobeav stehen sie in bunten Scharen am hintern Hekdeschtore, das zum Friedhof führt, mit ausgestreckter Hand und bettelndem Gesicht, und lassen nicht ab, bis ihre schmutzige Hand die harte Münze füllt. Jankel, der Ewige, hat ebenfalls seinen großen Tag; er muß jedem Enkelkind zeigen, wo seine Großmutter begraben liegt, und jeder Nichte die Grabstätte ihres Onkels. Und Jankel kennt seine Gräber. Er rennt von einem Winkel des Friedhofs zum andern, führt jeden zu seinen Seligen und spricht jedem lebenden Verwandten sein tiefes Bedauern über den Verlust der Ewigruhenden aus. Die Hekdeschleute da vorn aber haben für ihre Kunden mehr als Bedauern, sie weinen fast ob dem Heimgang der jetzt schon in Gott Ruhenden. So weint Mote Goi Chazkel dem Parnes gegenüber, daß ihm sein Herz im Tode breche, wrenn er daran denke, daß Chazkels Großvater so jung gestorben sei. Und Jankel Ganef schwärt der uralten Bali, daß er bei der Nachricht des Todes ihres Großonkels vor Schmerz fast gestorben sei. Jeder Hekdeschmann will den Urgroßvater seines Kunden gekannt und geliebt haben. Geschäftig, wichtig tuend und mit ernster Miene schwatzen die Hekdeschleute mit den Friedhofspilgern, entlassen gegen Entnahme eines kleinen Almosens die von ihnen Angesprochenen und empfangen mit neugierigerwartungsvollem Ausdruck dem Neuankommenden und so in einem fort. Gegen Mittag zieht die ganze Stadt nach dem Hekdesch. Die Klagelieder in den Bethäusern sind verstummt. Der Vorbeter hat sein melancholisch-trauriges „Eli Zion" ertönen lassen, der ausdruckslose, eintönig Kaddosch ist verklungen, und in stummer Traurigkeit und gleichgültigen Schritts zieht die ganze Gemeinde zu den ewigen Ruhestätten. Die Hekdeschleute wußten nicht, wen zuerst anbetteln, und so gingen sie von diesem „Jahrmarkt" leer aus. Sie waren zwar nicht verzweifelt, denn in bunten Scharen wallt man zum Friedhof, aber einzeln verläßt man ihn, und jeder muß doch das Hekdeschtor passieren. Bald ertönen aus unzähligen Ecken und Enden des Friedhofs bittere Klagerufe, und ein greller Schrei übertönt den nächsten. Da ruft eine alte Mutter die Seele ihrer jung verstorbenen Tochter; dort fleht ein junges Mädchen den Geist ihrer jüngst dahingeschiedenen Mütter an, ihr im Leben beizustehen. Dort jammert ein Greis über den Tod seines einzigen Kaddoschbeters. Und über diesem Tischobeavjammer auf dem Friedhof hängt ein sonnenloser, gleichgültiger und ausdruckloser Himmel. Am Eingang des Friedhofs lauern die Hekdeschleute und warten ungeduldig ihr Opfer ab. Der Tag ist langweilig-traurig, die Menschen weinen

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