Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 31 (30.7.1909)
- Date
- 1909-07-30
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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692 DIE30KELT No. 31 PALÄSTINA onn Konflikt in Petach-Tikwah Petach-Tikwah, den 16. Juli 1909 Fast zwei Jahre versieht Herr Dr. Kohan-Bernstein bei uns das Amt des Koloniearztes. Die Verwaltung der Kolonie gab sich leider die größte Mühe, um darzutun, daß diese Kolonie es noch nicht verdient hat, einen solchen Mann wie Dr. Kohan-Bernstein unter ihren Beamten zu haben. Dr. Kohan-Bernstein beschränkte sich nicht auf den ihm kontraktlich zugewiesenen ärztlichen Dienst, sondern suchte auch sich sozial vielseitig zu betätigen, insbesondere durch Vorlesungen aus dem Gebiete der Hygiene auf die Besserung der sanitären Verhältnisse, die durch Unvernunft bei uns sehr viel zu wünschen übrig lassen, einzuwirken. Unserm Waad aber, der sich rühmen kann, gegen jede Aufklärung einen dauernden Kampf zu führen, konnte diese Betätigung des Arztes wenig gefallen, insbesondere, da hierbei seine eigene Tätigkeit oft strenger Kritik unterzogen werden mußte. Unsere Vorstandsmitglieder suchten daher, auf kleinliche Weise den Arzt zu kränken,-bis sich Dr. Kohan-Bernstein veranlaßt sah, seine Demission einzureichen. Da der Waad seiner bisherigen Taktik getreu die Demission annahm, entstand eine heftige Reaktion wegen dieses Vorgehens in der Kolonie. Schon seit langer Zeit herrschte unter den fortschrittlichen Elementen großer Unwille gegen die Leitung der Kolonie. Hierzu kam noch, daß unser Vorsitzender es nicht für richtig hielt, daß man fünf Jahre nach dem Tode Herzls eine Herzltrauerandacht in der Synagoge veranstaltete und daß Dr. Kohan-Bernstein in der Synagoge die Andachtsrede hielt. Dieses Verhalten des Waad brachte die Jugend zu großer Empörung, sodaß bald darauf die Partei der „Zirim" (Jugend) beschloß, sich von dem jetzigen Waad loszulösen und ein eigenes Komitee zu wählen. Da die meisten wohlhabenden Kolonisten dieser Partei angehören, können sie auch aus eigenen Mitteln das Gehalt des Arztes bestreiten. Sie beabsichtigen daher, von sich aus den Kontrakt mit Dr. Kohan-Bernstein fürs nächste Jahr zu erneuern. Man muß allerdings beachten, daß die progressive Partei, die sich jetzt gebildet hat, durchaus kein unbeschränktes Vertrauen auf rein fortschrittliche Gesinnung erweckt, und soll an erster Stelle nicht vergessen, daß sehr viele ihrer Mitglieder die berüchtigte Arbeiterpolitik gleich den Alten unterstützten und hochhielten, wodurch Petach-Tikwah zu einer so unbeliebten Kolonie gemacht wurde. Auch ist die Separationsbestrebung durchaus verfehlt. Die Bildung eines neuen Waad auf einem den Statuten der Kolonie widerstrebenden Wege ist verwerflich und als Präzedenzfall für die übrigen Kolonien unheilvoll. Die Institutionen, die wir selbst geschaffen haben und die zur Unterhaltung eines geordneten sozialen Lebens unentbehrlich sind, müssen wir auch zu schätzen wissen. Die Autorität des Waad muß respektiert werden, damit wir diese Grundsätze auch erweitern, ausbauen und befestigen können. Die Separierung und Bildung eines neuen Waad ist daher unter allen Umständen verkehrt und verhängnisvoll. Dagegen kann die Tätigkeit unserer Jugendpartei, wenn sie nur eine gesunde, mit legalen Mitteln kämpfende Opposition bildet, Gutes leisten und dazu beitragen, daß fortschrittlicher Geist auch in Petach-Tikwah einzieht. Wenn sie aber zunächst bewirkt, daß ein Mann wie Dr. Kohan- Bernstein nicht gezwungen ist, Palästina zu verlassen und in unserer Kolonie bleibt, hat sie sich schon verdient gemacht. Kafr-Saba Vor einiger Zeit hat der Palästinarat dem Odessaer Komitee vorgeschlagen, die wenig besetzte Ansiedlung Kafr-Saba dazu zu benutzen, um dort Landarbeiter und Kleinbauern seßhaft zu machen. Das Odessaer Komitee hat jedoch diesen Vorschlag abgelehnt, und nun scheint der Berliner Kolonisationsverein Esra für diesen Plan sich zu interessieren und die Absicht zu haben, durch Gewährung einer Anleihe für die Errichtung von Wohnhäusern und Ställen die Ansiedlung unbemittelten Kolonisten zu ermöglichen. Bei dieser Gelegenheit sollen einige Angaben über die Geschichte dieser Kolonie hier mitgeteilt werden. Kafr-Saba wurde im Jahre 1894 von einigen Privatleuten gekauft und sodann an den Baron Rothschild verkauft zu einer Zeit, als er bereits aufgehört hatte, neue jüdische Kolonien in Palästina zu gründen. Der Boden umfaßt eine Fläche von 7230 Dunam und ist ca. 12 km von Petach-Tikwah entfernt. Der Boden ist nach seiner jetzigen Beschaffenheit fast nur für Pflanzungen, aber nicht für Körnerbau geeignet. Der Baron ließ das Land durch Pächter bewirtschaften, hatte aber dabei stets Verluste, so daß er es gerne aufgeben wollte. Vor fünf Jahren bildete sich eine Gruppe von Leuten aus Petach-Tikwah und Jerusalem, die sich an Baron Rothschild mit der Bitte wandten, ihnen Kafr-Saba zum Preise von 8Frcs. pro Dunam zu verkaufen, und zwar gegen eine Anzahlung von 2 Frcs. und Abzahlung des Restes in Jahresraten von je 1 Frcs. pro Dunam. Diese äußerst günstigen Kaufbedingungen verlockten jedoch viele, Anteile zu erwerben, ohne daß sie die feste Absicht hatten, dieselben auch selbst zu bewirtschaften. Das Land wurde in Teile von je fünfzig Dunam eingeteilt; jeder hatte die Pflicht, gleich im Anfang wenigstens 10 Dunam mit Mandeln zu bepflanzen. Von der jetzigen Fläche sind 693 Dunam für Bauplätze und Hausgärten reserviert, vom Rest sind 3076 Dunam bereits bepflanzt, und zwar 2741 mit Mandeln, 335 mit Ölbäumen und Eukalyptus, 267 Dunam werden im laufenden Jahre bepflanzt. Die gesamten Pflanzungen repräsentieren einen Wert von V4 Million Frcs. Kafr-Saba besitzt auch einen großen Brunnen von 17 m Tiefe, dessen Errichtung ca. 4000 Frcs. gekostet hat, ein Gebäude aus Steinen im Werte von ca. 8000 Frcs. und zwei Häuser aus Holz. Der nichtbepflanzte Teil des Landes wird gewöhnlich an die benachbarten Araber verpachtet, die dort Gerste, Sesam, Turmus (Bohnenart) säen. Diesen Nachbarn werden auch die Pflanzungsarbeiten übertragen, wobei immer 30, in den meisten Fällen jedoch 100, mitunter auch 300 Arbeiter täglich Beschäftigung finden. Von den Eigentümern des Bodens in Kafr-Saba wohnen annähernd 50 Leute in Petach-Tikwah, 20 in Jerusalem, 6 in Jaffa und 4 im Auslande. Es ist zunächst im Interesse dieser Eigentümer, den fast unbewohnten Boden in eine Kolonie mit ständigen Einwohnern zu verwandeln, wozu hier infolge des günstigen Klimas und des ausgedehnten Bodens gute Bedingungen vorhanden sind. Ein besonderer Vorteil ist-es für Kafr-Saba, daß es auf dem Wege nach Nablus (Sichern) liegt und zu einem Verbindungsgliede zwischen Petach-Tikwah und Chedera werden könnte. Eine Kolonisation wurde hier nur deshalb verhindert, weil die Eigentümer des Bodens, die teils in Petach-Tikwah, teils in Jerusalem Grundbesitz haben, keine Möglichkeit besitzen, nach Petach-Tikwah überzusiedeln und den Boden nur zu Spekulationszwecken erworben haben. Für kräftige junge Arbeiter, am liebsten Jungverheiratete ohne Kinder, die die Verhältnisse in Kafr-Saba bereits kennen, wäre dort die Möglichkeit, mit einem kleinen Kapital eine Wirtschaft zu begründen. Für jeden einzelnen würden 60 Dunam Pflanzungen und 10 Dunam für Haus und Garten genügen. Die jetzigen Besitzer des Kafr-Saba-Bodens würden die Ansiedlung sicher durch Übernahme einer Reihe allgemeiner Spesen, wie Schule, Schechita, Bewachung usw. erleichtern und auch den Boden zu einem billigen Preise für ca. 18 Frcs. im Durchschnitt abgeben. Ein Kapital von ca. 3000 Frcs. würde für die Installation eines Kolonisten wahrscheinlich genügen. Von Wichtigkeit ist nur, daß sich die ersten zehn Leute hier ansässig machen, diese würden dann auch schon andere heranziehen. Gaza. Jüngst sind verschiedene Bestrebungen aufgetaucht, die jüdische Kolonisationsbewegung auch nach Südpalästina, in die Gegend von Gaza und Ber-Seba zu lenken. Insbesondere sind es die lokalen Behörden, hauptsächlich der Mutessarif von Ber- .Seba, die einer Ansiedlung von Juden in dieser Gegend sehr freundlich gegenüberstehen und dieselbe nach Möglichkeit zu fördern bereit sind. Die nachfolgenden Angaben über ' die in Gaza bereits vorhandenen Juden dürften daher von Interesse sein: In Gaza wohnen jetzt 29 jüdische Familien, die insgesamt 119 Personen zählen. Unter 62 Kindern sind 38 Knaben und 24 Mädchen. Dem Alter nach gibt es Kinder unter 6 Jahren......... . 19 von 6 bis 14 „ ..........21 über 14 „ ........• . 22 Von den verheirateten Personen sind alt weniger als 20 Jahre..........1 20—30 „ . .........15 30—40 „ .....21 40—50 „..........12 50—60 „..........5 über 60 „ ..........3