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Die Welt · 1909-07-30 · 31 (30.7.1909) · page 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
31 (30.7.1909)
Date
1909-07-30
Page
– (sequence 10)
Language
German
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so viel und die Hekdeschleute haben keine Geduld. Jetzt stehen sie schon mehr als eine Stunde, stumm und verdrossen in banger Erwartung. Keiner will das Schweigen brechen, keiner traut dem andern, vielleicht kommt einer — aber es ist entsetzlich langweilig, und die Hekdeschleute haben ihre Geduld verloren. Mote Goi, der seiner Keckheit wegen „Goi" genannt wird, wagt es auch jetzt, das Schweigen zu brechen: „Ein schöner Jahrmarkt, was?" spricht Mote Goi, — und die Bettler, voll Verdruß, stimmen wie auf Befehl ein: „Ein schöner Jahrmarkt, ein schöner Jahrmarkt!" Mote Goi spricht weiter: „Der heutige Jahrmarkt! ihnen gesagt — jetzt lauere ich den ganzen Tag wie ein Hund, mach ein Gesicht zum Erbarmen, tröste die Menschheit, lüge noch obendrein, — und was ist mein Lohn? Sieben Groschen. — Daß uns solcher Jahrmarkt nicht wiederkehre!... Für sieben Groschen da zu lauern, die Menschheit zu trösten, jedem ein gut Gesicht zu machen, nein, da soll mich lieber der Schlag treffen. Mich der Schlag treffen? Nein, lieber sie, die Fresser, die Diebe ..." Bäli Nudel aber fällt ihm ins Wort und sagt: „Soll dich der Schlag treffen mit ihnen zusammen, du bist auch ein Fresser, bist auch ein Dieb. Wärest du nicht dagewesen, hätte ich die sieben Groschen bekommen, und ich brauch doch Geld, ihr wißt es ja alle, Juden! Mein Chaikele ist lahm und kann nicht laufen, und da muß ich für sie sorgen, — und mein Mordechai ist erst sechs Monate alt, und für ihn muß ich doch gewiß sorgen, denn sein Vater ist doch in Amerika oder weiß ich wo?" Aber Mole Goi — ganz erbost — antwortet wutschnaubend: „Was, du brauchst Geld — und ich brauch kein Geld? Und meine alte Mutter? Kann sie von der Luft leben? Und sie kann überhaupt nicht mehr gehen. — Und dann bin ich krank und muß Selterswasser haben — und Zucker zu meinem Tee", und er labt sich an dem bloßen Gedanken, „Tee mit Zucker, ah." — Er öffnet die geschlossene Faust, betrachtet zufrieden seine sieben Groschen, macht ein trauriges Gesicht und seufzt: „Sieben Groschen, was damit anfangen? Zucker kaufen oder Tee oder Selters? oder gar die Mutter damit ernähren?" Er spricht und senkt seinen verzweifelten Blick zur Erde. Joschi, der Lange, der diesem Gespräch mit Interesse lauscht, kann den verzweifelten Blick Mote Gois nicht ruhig hinnehmen. Joschi, der Lange, meint: „Mote ist immer unzufrieden, und wenn er auch einen ganzen Rubel in der/Tasche hätte." Beim Gedanken des ganzen Rubels blinken seine Augen hell auf und strahlen vor Freude. Und Joschi spricht. Er spricht zu Mote und zu der Bettlergemeinde: „Er," auf Mote weisend, „er frevelt immer. Was feht ihm? Er ist ein Jud, hat seinen Schabbes, seinen Jontef, seine Mizwes und seine Freude, und kann Gott dafür danken, daß er soviel hat. He, wenn er ein Goi wäre, was hätt er gehabt? Haben die Goijim Schabbes? Wissen sie was von Jontef? Von Tefillin, von Zisses, von Mizwes überhaupt? Und wenn ein Goi stirbt, sagt sein Sohn nach ihm Kaddosch? Lebt wie ein Goi und stirbt wie ein Goi!" Und den schmutzigen Zeigefinger unter Mote Gois Kinn legend und ihm tröstend zublickend, ruft er neckisch aus: „Und du klagst noch?'6 Mote Goi aber bleibt untröstlich: „Was spricht du da von Mizwes, von Jontef und Schabbes? 'Haben wir Polizisten? Haben wir Soldaten? Haben wir Gefängnisse? Ein jüdisches Gefängnis? Nix haben wir, und wir sind nix. Ein Bettler bin ich und du auch und alle Juden . . Schabbes hin, Schabbes her, Jontef oder nicht, was hilfts?" Die Bettlerschar wird jetzt aufmerksamer und hört gespannt diesem Gespräch zu. Es scheint ihnen neu zu sein, und da Joschi, der Lange, für einen klugen Mann gilt, so erwarten sie mit Spannung seine Antwort. Und in der Tat, kaum ist Mote verstummt, als Joschi mit überlegener Miene und mit gefurchter Stirn beginnt: „Was redest du da für Dummheiten, Mote? Ein Jude ist ein Jude, und ein Goi ist ein Goi. Und wenn ein Jude wenig hat, hat er doch viel. Was sagst du da von Polizisten und Soldaten? Was ist ein Polizist? Ein Räuber, ein Esau! . . . Und ein Soldat? Auch! Sei froh, daß du kein Polizist bist! Wenn du als Jude nicht diese Welt hast, hast du doch wenigstens jene Welt, und ein Goi hat nicht diese Welt und nicht jene Welt. Was hat der Goi von seinem Leben überhaupt? Ein Jud, wenn er geboren wird, ist ein Jontef, Masseltow, und wenn er acht Tage alt wird, hat er schon eine Mizwe, und wenn er sechs Jahre alt wird, geht er in den Cheder und lernt die heilige Thora, und ist er dreizehn Jahre, legt er Tefillin und zählt zum Minjen, und dann lernt er und hat Mizwes, seinen Schabbes und seinen Jontef, ist wohltätig und sagt Kaddosch, wenn sein Vater stirbt — kurzum, er lebt, wie es Gott geboten hat, — er hat was von seinem Leben. Aber ein Goi, — was hat der von seinem Leben? Er wird geboren als Goi, wenn er gewachsen ist, säuft er, mißhandelt seine Frau, hat in der Woch kein Mizwes und Schabbes kein Ruh. Was, — sie haben Polizisten? Wir haben wohltätige Leut. Sie haben Soldaten? Wir haben Talmudjünger. Sie haben Gefängnisse? Dahaben wir doch Synagögen. Sie haben Minister? Wir haben doch Rabbiner. — Wir sind Juden, und sie sind doch nur Gojim; wahrhaftig, sie tun mir leid. Wenn sie etwas wären, wären sie doch keine Gojim. Danke dem Schöpfer, daß du als Jud zur Welt kamst." Joschi, der Lange, schloß triumphierend: „Siehst du, ich habe immer gesagt: ein Jud ist ein Jud, und ein Goi ist ein Goi." Mote blieb stumm, er fühlte sich besiegt, und die Bettlergemeinde gab Joschi, dem Langen, durch freundliches Zuwinken ihren Beifall zu erkennen. Noch schwirrtenin den Köpfen der Bettler die Worte: „Ein Jud ist ein Jud", als der Gemeinde-Parnes von seinem Friedhofsbesuch langsamen Schritts und mit trauerndem Gesichte dem Hekdeschtore zuschlich. Joschi, der Lange, bemerkte ihn zuerst, lief ihm, auf seine Krücken gestützt, entgegenstreckte seine Hand bettelnd aus und sprach: „Reb Kasriel, sollt ihr lang leben, ich bin ein armer Jud, ich bin lahm — ich bin lahm und bin ein ehrlicher Jud. Das ganze Jahr faste ich und heute ist Tischobeav zu Ende. Ich bin lahm, ich bin ein ehrlicher Jud." Und ein einsamer, verschwiegener Tischobeav- Himmel bestätigt stumm Joschis Klagen — „ich bin lahm, ich bin ein ehrlicher Jud."

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