Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 31 (30.7.1909)
- Date
- 1909-07-30
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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I No. 31 DIE3SELT 691 „Wir sind", sagte Mr. Leven etwas orakelhaft, „geneigt, den Versuch zu machen." Es würde jedoch interessant sein zu erfahren, inwieweit dieser Versuch in Einklang zu bringen ist mit einem andern Versuch, Mesopotamien zu kolonisieren, von dem in der letzten Zeit sehr viel die Rede war. Mesopotamien ist in der Tat ein großes Land, und innerhalb seiner Grenzen ist Raum für Arbeit nach mehr als einem Schema. Aber wir haben uns zu fragen, ob die gedeihliche und wirksame Arbeit, vielleicht auch das Prestige, nicht aufs Spiel gesetzt werden können durch irgendein Zutagetreten des Mangels an Einheit in dem zu verfolgenden Plan. Die türkischen Behörden würden es jedenfalls vorziehen, mit einer Körperschaft wegen Kolonisationsunternehmungen in Unterhandlungen zu treten, als mit zwei oder drei konkurrierenden Organisationen." Der Jahresbericht des Hilf s Vereins Über den soeben erschienenen siebenten Geschäftsbericht des Hilfsvereins der Deutschen Juden schreibt die „Jüdische Presse" u. a.: „Der „Hilfsverein der Deutschen Juden" hat seine eigne Note. Das, was man an Einzelmenschen als das Wertvollste empfindet, das Persönliche, Eigenartige, das umso mehr fesselt, je seltener es anzutreffen ist — dieses Beondere, die „eigne Note", wie man es nennt, pflegt noch rarer zu sein auf dem großen Gebiete der Kollektive, in der recht schablonenmäßig aufgebauten Welt der Vereine und Organisationen. In unserer Welt im kleinen, in der jüdischen Welt, ist es trotz der Erregungen von außen und dem zeitweiligen jähen Eindringen neuer Formen, insbesondere im gährenden Osten, nicht viel anders: Auch in der Sphäre des jüdischen Organisationslebens, des Gemeinde-, Vereins- und Gesellschaftslebens, herrscht die Einfarbigkeit vor, aus der sich nur einzelne Körperschaften mit eignem Temperament und eigner Aktivität hervorheben. Zu diesen Körperschaften mit Eigenfarbe und Eigenleben gehört in hervorragendem Maße der „Hilfsverein der Deutschen Juden". Es ist ja zweifellos, daß sich auch dem „Kollektivum", der Organisation, immer mehr oder weniger von dem besondern Geiste mitteilen wird, der die leitenden Menschen dieser Organisation beherrscht — jede Seite des uns vorliegenden Berichtes des „Hilfsvereins" zeugt trotz der bescheidenen Hintergrundstellung seiner Geschäftsführung davon — aber ebenso zweifellos ist es, daß eine Organisation allmählich zu einem Organismus werden kann, der aus sich selbst, aus seinen Funktionen heraus auf Menschen und Dinge, ja sogar auf seine Begründer anregend und befruchtend wirken kann — und auch dafür ist der Bericht, von dem wir sprechen, Zeuge. Die eigne Note des „Hilfsvereins" liegt, um es in aller Kürze zu sagen, in seiner Anpassungsfähigkeit und Anpassungswilligkeit an die aktuellen Bedürfnisse und Notwendigkeiten. Wenn andere sich und ihrer Menschlichkeit damit genug getan zu haben glauben, sobald sie das vor ihren Ohren aufschreiende Unglück beruhigen, so muß man es dem „Hilfsverein" als größtes Lob anrechnen, daß er nicht auf das Wehgeschrei wartet, daß er vielmehr sozusagen immer auf der Suche ist, daß er jüdischer Not entgegenkommt, um ihr zu helfen, daß er sich bemüht, bis an die Quellen jüdischen Leids heranzugehen, urn sie zu verstopfen und allen künftigen Schaden zu verhüten. So gibt denn der siebente Geschäftsbericht des „Hilfsvereins" ein ungemein sympathisches und erfreuliches Bild einer ihren Rahmen immer weiter, das Netzwerk immer dichter und dauerhafter spannenden Tätigkeit, die sich auf drei Gebiete vornehmlich erstreckt: Fürsorge für die Emigranten, Hilfeleistung bei Katastrophen und Förderung des Bildungswesens unter den Juden des europäischen Ostens und insbesondere des Orients als eines Hauptmittels ihrer Existenzerleichterung." «s« c c+.i,.^ Angeblich aus Anlaß eines widerrechtlichen Bingnams fcturz Vergehens der Polizei gegen einen ßäckergehilfen, in Wahrheit wohl aus politischen Gründen ist eine gründliche (?) Säuberung der New Yorker Polizei vorgenommen worden, als deren erstes Opfer Herr Bingham gefallen ist, der sich durch seine unqualifizierbaren Verdächtigungen der jüdischen Einwanderer bereits vorher einen traurigen Namen gemacht hatte. Der „Hebrew Standard" bemerkt hierzu: „Obgleich wir nicht leugnen können, daß Herr Bingham einige gute Qualitäten besessen hat, empfinden wir doch bei seinem Sturze Bedauern nur darüber, daß dieser so spät gekommen ist. Er hätte sollen entlassen werden zur Zeit, als er seine falschen und irreführenden Statistiken über die jüdische Kriminalität in dieser Stadt veröffentlichte. Der Schaden, den diese Artikel angerichtet haben, kann nicht wieder gut gemacht werden. Allerdings bekannte er später in einer etwas widerwilligen Weise, daß seine Tabellen auf falschen Informationen aufgebaut waren, aber das lesende Publikum nahm im allgemeinen wenig Notiz von diesem Rückzüge. Der Angriff blieb im Gedächtnis des Publikums haften. Wenn daher Presse und Geistlichkeit Schlüsse * bezüglich der jüdischen Rasse und des jüdischen Charakters gezogen haben, die auf Mr. Binghams falschen Angaben beruhten, so ist er schuldig des Verbrechens, falsches Zeugnis gegen ein ganzes Volk abgelegt zu haben, und seine Unfähigkeit für das von ihm bekleidete Amt bedurfte keines weitern Beweises. Es wird eine ewige Schande für die New Yorker Judenheit bleiben, daß ihre Furchtsamkeit oder ihr politisches Strebertum oder Gott weiß was es zuließen, daß Mr. Bingham noch länger als ein Jahr amtieren konnte, nachdem er einen solchen furchtbaren Fehler begangen hatte, um nicht ein kürzeres, aber häßlicheres Wort zu gebrauchen. Während des abgelaufenen Jahres haben tausend und abertausend jüdische Bettler und andere, die unglücklich genug waren, in Berührung mit der Polizei zu kommen, den antisemitischen Geist zu fühlen gehabt, der über Malberry Street 300 (dem Polizeipräsidium) lastete. Verhaftungen wurden vorgenommen, nur um die Zahlen in Mr. Binghams Artikeln zu belegen, und die Behandlung der jüdischen Häftlinge seitens der ..feinsten" Polizei der Welt war weit entfernt vom Feinsten. Wir wollen daher danken, daß Mr. Binghams Sturz gekommen ist, wenn er auch spät kam, und wir wollen hoffen, daß wir den letzten von Binghams Stamme an der Spitze der Polizei dieser alten und guten Stadt gesehen haben." Der neue Besen Unter dieser Überschrift schreibt der „American Hebrew" über die jüngsten Maßnahmen zur Erschwerung der Einwanderung: „Es ist offensichtlich, daß in Ellis Island ein anderer Geist herrscht als früher. Die Vorschriften des Fremdengesetzes werden mit viel größerer Strenge gehandhabt, "als dies in den früheren Jahren der Fall war. Die Milde, mit der das Gesetz unter Kommissar Watchhorn gehandhabf wurde, hat nun einer viel größeren Strenge unter dem neuen Einwanderungskommissar Platz gemacht. Die Zahl der Zurückweisung ist viel größer als der Durchschnitt der früheren Jahre. Wenn man bedenkt, welches Elend ein einziger Fall von Zurückweisung aus Einwanderungswilligen in sich begreift, für die, die alles daran gesetzt haben, um eine neue Lebensmöglichkeit in einem neuen Lande zu finden, ist der Ernst der Situation ohne weiteres klar. Der neue Kommissar hat sein Amt offenbar mit dem Eifer des Neulings und den Willen angetreten, die Bestimmungen des Gesetzes mit Strenge und Härte anzuwenden. Bis jetzt war z. B. die Regel, daß wenn Verwandte des Einwandernden die Mittel aufbringen wollten, um ihm den Eintritt ins Land zu ermöglichen, diesen eine gewisse Frist gelassen wurde, um die Gelder zusammen zu bekommen. Die neue Ausführungsbestimmung beschränkt dieses Entgegenkommen auf unmittelbare Hilfe und besagt außerdem, daß solche nachträgliche Unterstützung nur von den direkten Verwandten gegeben werden darf. Ein Sohn kann daher seinem Vater telegraphieren, er solle ihm die Mittel schicken, um seine Reise fortsetzen zu können, aber ein Neffe darf nicht mehr seinem Onkel dieserhalb telegraphieren. Wenn auch diese Maßnahme vielleicht den Buchstaben des Gesetzes entspricht, ist es doch unrecht, sie bereits in Kraft zu setzen zu einer Zeit, da die ankommenden Einwanderer von diesen neuen Bestimmungen noch nichts wissen konnten, als sie abreisten und sich auf die früheren ihnen bekannten mildern Methoden verließen. Man muß abwarten, ob der neue Geist, der über die Verwaltung von Ellis Island gekommen ist, auf das gute Kehren des neuen Besens zurückzuführen ist oder eine neue Tendenz in sich schließt, die amerikanische Gastlichkeit weniger weitherzig zu gestalten, als sie bisher war." ■-Ii") ■ i ' ' ' H \ £4 i <• *u J r(f „! : m •Ä> i!