Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 31 (30.7.1909)
- Date
- 1909-07-30
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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690 DIE^KELT No. 31 Als Nordau diesen edlen Worte niederschrieb, war er schon im Innern Zionist. Kein Wunder, daß er auf den Ruf des Führers und des Lebens ohne Zögern reagierte. Das Judentum war für ihn nicht eine Kugel, sondern eine Zierde, eine Rüstung, ein Anker. Er hatte eben ein „bißchen Herz". Sein jüdisches Herz offenbart sich in seinem vollen Glänze in dem dritten Drama „Doktor Kohn". Das ist zwar ein Tendenzstück, also, streng genommen, nicht ausschließlich literarisch zu werten, wird aber doch neben Herzls „Neuem Ghetto" im Pantheon der jüdischen Dichtung stets einen Ehrenplatz einnehmen. Da ich den Inhalt bei den Lesern dieser Zeitschrift voraussetze, will ich ihn nicht angeben. Nur einen diesbezüglich obwaltenden Irrtum möchte ich zerstreuen. „Doktor Kohn" ist eigentlich noch kein Judendrama, eher das Drama des getauften Juden. Die einzige Gestalt nämlich, die wirklich tragisch wirkt, ist hier der alte Moser. Der Konflikt, in den ihn der Autor hineinstellt, übertrifft die Konflikte der andern Hauptpersonen an intensiver Tiefe und echt menschlicher Geltung. Gegen Moser fällt sogar die Gestalt des Doktor Kohn ab. Der führt kein rechtes, selbständiges Leben in diesem Drama, trotz seiner männlichen Agilität, seines schneidigen Draufgehertums, weil er zu sehr auf die Tendenz hin konstruiert, zu absichtlich der These untergestellt ist. Sieht man jedoch davon ab, so hat man seine Genugtuung an der frischen Forschheit dieses stützen Gelehrten, an der beherzten Offenheit dieses wackeren Mannes und an der unerschütterlichen Festigkeit dieses selbstbewußten Juden. Freilich das Drama als solches hätte mehr gewonnen, wenn Doktor Kohn von vornherein weniger in sich gefestigt wäre. Der tragische Held muß ja nicht nur mit äußern Hemmnissen, sondern auch mit innern, mit sich selbst zu kämpfen haben. Doktor Kohn wird aber zu wenig aufgewühlt. Er räsonniert mehr, als er leidet. Und dann ist er mehr das Sprachrohr des Dichters, als das seiner eignen Seele. Daß er Zionist ist, wird zwar im Stück nicht ausdrücklich gesagt, man schließt es aber aus seinem stolzen Bekenntnis zum Judentum. Allerdings muß man sich fragen: besteht der Zionismus nur in diesem Zugehörigkeitsgefühl und in stolzen Worten? Leider bleibt uns Nordau hier die Antwort darauf schuldig. Er gab uns ja noch nicht ein Judendrama, sondern gleichsam erst das Vorspiel eines solchen. Und dies ist ihm gelungen. Das Judentum in seinem Verhältnis zu einer nationalfremden feindlichen Majorität zu schildern, war des Autors Absicht. Darum konnte er es unterlassen, ein jüdisches Milieu vorzuführen und die Strömungen und Gegensätze im Judentum selbst dramatisch zu verwerten. Das, was er in dieser Beziehung andeutungsweise unternahm, indem er Doktor Kohns Eltern mit ihrer jüdisch klingenden Sprechweise und ihren Berufungen auf religiöse Gebräuche einführte, erscheint mir in diesem Drama und an der Stelle, wo es geschah, überflüssig, wenn nicht verfehlt. Wollte er etwa dadurch dem alten Moser Recht geben? Das stünde doch wohl geradezu im Widerspruch zu der eigentlichen Tendenz dieses Dramas. Die ist: Festhalten am Judentum trotz allem und gegen alles, ja, sogar gegen sich selbst! Was ist aber das Judentum? Die Eltern des Dr. Kohn sollen doch wohl nur das konservative Element darstellen, dessen Bedeutung für die Erhaltung des Judentums unleugbar ist. Da war nun meines Erachtens mehr auf die ehrwürdigen, allgemein menschlichen, als auf die seltsamen und trennenden Züge Gewicht zu legen. Was ist das Judentum? Repräsentiert es etwa der Doktor Kohn? Er, der sein Glück in der Ehe mit einer Christin sucht? Und eine Beleidigung mit der Waffe in der Hand rächen zu müssen glaubt? Nur einen Bruchteil der Judenheit repräsentiert er, das neue, junge, gärende Geschlecht. Man war früher gewohnt, den Juden auf der Bühne als den geduldeten Spaßmacher oder den lächerlichen Fußtrittsschemel, als den sich duckenden Feigling oder den toleranzheischenden Prediger, als den geldgierigen Protzen oder den rührseligen Resigna ionspinsel zu sehen. Da kam Herzl und nach ihm Nordau und sie stellten moderne Juden auf die Beine, Juden mit nationalem Empfinden, aber auch mit mimosenhafter Empfindlichkeit. Übergangsjuden. Noch sind sie nicht so stark, wie wir sie ersehnen und brauchen, weil sie die ersten sind. Und sind sich dessen so gut bewußt, wie ihrer innern Unausgeglichenheit. Noch hatten sie nicht Zeit ganz zu erstarken und sich von den seltsamen Widersprüchen ihres Wesens zu befreien. So ist zum Beispiel Doktor Kohn ein ehrgeiziger Individualist und hält doch an seinem Namen fest, weil er sich als ein Stück seines Stammes fühlt. Auf sein Judentum ist er stolz und wählt zur Gattin dennoch eine Nichtjüdin. Er ist über gemeine Injurien im Grunde erhaben und fühlt sich doch von Karl Mosers Worten bis ins innerste getroffen und verletzt. Er verabscheut die Faustgewalt und läßt sich doch zu einem Zweikampf hinreißen. Das ist, weil alles in ihm noch schwankt, zumal sein Verhältnis zu den Mitmenschen. Wie er zum Judentum sich stellt, das erfahren wir leider nur aus seinem Munde, wie er überhaupt seinen Charakter zuviel erklärt, statt ihn in Handlungen zu offenbaren, wozu ihm der Dichter übrigens nicht genug Gelegenheit bietet. Aber schon die Worte, die Doktor Kohn dem alten Moser gegenüber vorbringt, atmen Größe, atmen Stolz, atmen Leben. Uns freilich sind sie mehr als Worte. Bekenntnisse sinds und Signale, Rütlischwüre und Parolen, Herzensschreie und Fanfaren. „Stößt der Arier den Semiten zurück und schließt ihn vom arischen Vollmenschentum aus, so muß der Semite als Jude ein ganzer Mensch zu werden suchen. Und zum ganzen Menschen gehört auch ein eigenes Volksbewußtsein, das man vor sich selbst und vor den Andern bekennt." „Ich suche Anschluß an mein Volk." „Wir werden suchen ein Land zu erringen und wir müssen uns nur unserer vergessenen Sprache wieder erinnern." Mitgerissen folgen wir diesen Worten, vergessen, daß sie eigentlich nicht aus dem Drama mit Notwendigkeit hervorströmen, sondern in es hineingetragen wurden, und richten uns auf, der Sonne entgegen! Und wissen wir auch, daß es noch ein edleres, reineres Volksbewußtsein gibt, als das aus dem Gefühle fließt, sich zurückgestoßen sehen, so müssen wir doch mit tiefer Dankbarkeit die Optergröße des erkämpften Volksbewußtseins anerkennen. Und seltsam genug: gerade unter denen, die sich so zu ihrer Nation zurückfanden, waren die besten Söhne, um nur Herzl und Nordau zu erwähnen. Und wie ich mich so erinnere, daß kein Geringerer als unser unvergeßlicher Führer dieses mannhafte, mutige Werk seines älteren Freundes freudig begrüßte und neidlos würdigte, da entsinkt mir die Feder, und sinnend starre ich in den sommerlichen Garten, der mir so aschgrau erscheint . . Mir wird, als wenn ein Meteor .erloschen wäre. . . Nach einer Weile erst raffe ich mich wieder auf. Das Leben mahnt. . , Und wie ein Gebet geht es mir durch den Sinn: Unser Nordau, der weißharige und doch jugendstarke, unerschrockene, edle Rufer im Streit lebe und wirke weiter zum Wohle des jüdischen Volkes! — REVUE DER PRESSE Die Ica und Mesopotamien Der „Jewish Chronicle" scheint zu fürchten, daß das gleichzeitige Interesse, das verschiedene jüdische Organisationen an der Besiedlung Mesopotamiens nehmen, zu einer Zersplitterung der Kräfte führen könnte. Er schreibt im Anschluß an den Jahresbericht der Ica: „Die Ica befaßt sich natürlich nicht ausschließlich mit Kolonisationsunternehmungen. Sie gründet Darlehnskassen, unterstützt Erziehungsinstitutionen und so fort. Diese Arbeit ist in ihrer Art bewunderungswert, und sie muß einen großen Teil dazu beitragen, die Wirkungen der Verfolgung und Armut zu lindern. Die Hilfsquellen, selbst einer so reichen Körperschaft wie der Ica, jedoch sind nicht unbegrenzt, und wir haben den Mut, die Hoffnung auszusprechen, daß strenge Grenzen gezogen werden für die Arbeit, die darauf hinauszielt, die Lebensbedingungen in den schlechten alten Ländern der Unterdrückung zu verbessern. Die Anstrengungen und die Gelder der Gesellschaft sollten dafür bestimmt sein, in gesteigertem Maße und in ihrer vollsten Ausdehnung in neuen Ländern der Verheißung gesundere Lebensbedingungen zu schaffen. Wir wollen damit nicht sagen, daß die philanthropische Arbeit in Rumänien oder Rußland aufhören soll. Dasjenige, was wir sehr gerne sehen möchten, ist die ausgesprochene Unterordnung derartiger Arbeit unter die hoffnungsvollem Aufgaben, welche anderswo unternommen werden. Es ist erfreulich zu sehen, daß die Ica ein neues Feld zur Betätigung findet. Mr. Leven bemerkte im Verlaufe seiner Rede, daß es mehr als zwei Jahre her sind, daß die Ica eine Kommission nach Mesopotamien sandte, deren Berichte die Möglichkeit eines Erfolgs von landwirtschaftlichen Unternehmungen in diesen Gegenden bezeugte.