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Die Welt · 1909-07-30 · 31 (30.7.1909) · page 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
31 (30.7.1909)
Date
1909-07-30
Page
– (sequence 5)
Language
German
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„Von Max Nordau?" fragte ich, wie elektrisiert. Sein Name war mir eben teuer geworden. Die ersten Nummern der „Welt" hatten mir ihn vertrauter gemacht, als ganze Bände von Werken es vermocht hätten. Werke wecken Bewunderung im besten Fall, sein begeisterter Eifer für den damals noch so jungen, hilfbedürftigen, verhöhnten Zionismus, sein kraftvoll männliches, schneidiges Eintreten für die heilige, von Protestrabbinern entweihte Volkssache hatten nieine Liebe für ihn im Sturme gewonnen. Daß er, der ältere Mann und berühmtere Schriftsteller sich einem jüngern willig und freudig unterordnete, daß er in seinem Freunde den Führer sah, daß er Herzl wie einem Heros von Anfang an treueste Gefolgschaft leistete, daß er bei seiner Autorität den von uns jugendlichen Schwärmern Vergötterten so rückhaltlos anerkannte, konnten wir ihm nicht hoch genug anrechnen. Und wir bestrebten uns, ihn kennen zu lernen und vertieften uns in seine bekanntesten Bücher. Für jugendliche schwärmerische Gemüter vielleicht nicht gerade die richtigste Lektüre. Da wurden mit geistreicher Vehemenz und kritischer Schärfe die konventionellen Lügen der Kulturmenschheit demaskiert oder paradoxe Erscheinungen wie mit dem Seziermesser bloßgelegt. Wie Schuppen war es von unsern Augen gefallen. . . Entsetzt fuhren wir zuweilen auf und konnten es nicht glauben. . . Und vergruben uns dann doch in Zweifel. . . Widersprüche suchten nach Erklärungen. . . War es derselbe Nordau? Langsam legte sich der innere Sturm. Das Gewölk wurde durchbrochen und hervor leuchtete die Liebe. Nur ein Mensch, der die Menschheit grenzlos liebte, konnte sie so erbarmungslos geißeln. Und wie eine Erleuchtung war es, zu denken: nur ein Mann, der so tief und scharf jeder Lüge ins Auge sah, mußte den Weg zur Wahrheit so rasch und sicher voranschreiten, den Weg zu sich selbst, den Weg zu seinem Volke. „Von Max Nordau?" wiederholte ich, „dem philosophischen Denker, Kulturhistoriker und Sozialkritiker, ein lyrisches Gedicht?" „Ja, in Berns „Deutscher Lyrik seit Goethe" hab ich sogar zwei oder drei Gedichte von Nordau gefunden", erwiderte das Fräulein. „Wundert sie das?"-- Später wunderte ich mich nicht mehr darüber, da ich Gelegenheit fand, Nordaus Romane und Dramen zu lesen und seine Vielseitigkeit zu bewundern. Drei Dramen von Nordau sind mir bekannt: Die Kugel; Das Recht zu lieben; Doktor Kohn (erschienen bei Ernst Hpffmann & Co., Berlin). Von ihnen soll hier die Rede sein. Nur als Leser will ich meine Eindrücke schildern. Leider nur als Leser. Gesehen habe ich keines seiner Stücke, obwohl sie bühnenfähiger und lebendiger sind als manches, das oft und oft gespielt wird. In allen verrät sich ein scharfer Blick für das theatralisch-wirksame, eine sichere Hand im szenischen Aufbau. Dazu kommt eine aus der Menschenkenntnis fließende Verinnerlichung der Motive. Nordau reizen nicht das äußere Geschehen, die banale Gewöhnlichkeit und der bloße interessante Fall. Tiefer dringt sein Geist, ernsten Problemen auf den Grund zu kommen. Aus dem Alltag schöpft er zwar, und holt aus dem Leben seine Themen und Personen, aber er hebt sie über sie selbst empor und stellt sie gleichsam auf die weithin sichtbaren Zinnen des Allgemeingiltigen. Das Schicksal, wie es aus dem Charakter des Einzelnen wie eine Pflanze aus dem Erdreich herauswächst und sich entwickelt, immer selbständiger und mächtiger, ist das Vorherrschende in seinen Dramen. In zweiter Reihe steht bei .ihm die Fabel, auf die er freilich in seinem künstlerischen Ernst viel Sorgfalt verwendet. Doch blenden mag er nicht, noch verblüffen. Sensationen hascht er nicht nach, trotz seines unleugbaren Spürsinns für das Aktuelle. Als aktuell erscheint ihm, dem Sozialethiker, jeder bedeutende Konflikt, der sich aus den sozialen Unterschieden der Neuzeit ergibt. Fast immer sind es zwei verschiedene Kreise die er gegenüberstellt, zwei Welten gleichsam, deren Gegensatz in den Anschauungen, deren Kontrast im Milieu er auf uns wirken läßt. Allein, er vermeidet es, wie Sudermann es in seiner „Ehre" getan hat, den einen Kreis unter den andern zu stellen, eine Vorder- und Hintertreppenwelt zu schaffen. Gleichwertig erscheinen seinem Gerechtigkeitssinn die kämpfenden Kreise. Und schildert er auch, wie ein Einzelner aus einem, freilich nach außen als minderwertig erscheinenden Kreise sich empor zu arbeiten sucht, so läßt er ihn doch nicht in dem andern angeseheneren Kreise aufgehen. Im Gegenteil, er läßt den Emporstrebenden zurückstoßen und endlich in dem eigenen Kreise sein Heil finden. Hier scheint mir der Kernpunkt von Nordaus Dramen zu sein, darin liegt auch deren Bedeutung, so daß man ihnen als Motto den tiefsinnigen Satz aus der „Kugel": „Du mußt alles an dir als Wert empfinden, auch deine Herkunft" voransetzen kann. Bezeichnend genug für Nordau, den stolzbewußten Juden. Das ist der Grundgedanke, der sich in Nordaus dramatischem Schaffen immer klarer und schärfer, gleichsam stufenweise in aufsteigender Linie entfaltet. Eine kurze Unterbrechung, eine Ruhepause nur dünkt mir sein Drama „Das Recht zu lieben". Darin finden wir bloß einen Keim, einen Ansatz von dem erwähnten Grundgedanken. Die Gegensätze sind da mehr persönlicher Natur, die Konflikte entstehen nicht so sehr aus dem sozialen Unterschied zweier Lebenskreise, als aus der Mannigfaltigkeit an Veranlagung, Bildung und Weltanschauung von Personen derselben gesellschaftlichen Sphäre. Doch auch schon in der ganzen Art, wie Nordau die genial-frivole Lebensauffassung den bürgerlichen Moralbegriffen gegenüberstellt, offenbart sich sein ethisches Gefühl und seine Gerechtigkeitsliebe. Wir nehmen Einblick in eine Ehe, die sich in Disharmonie aufzulösen droht. An der Seite des rechtschaffenen nüchternen Mannes steht eine junge Frau, die sich unverstanden und darum unglücklich wähnt: gutes Material für die Verführungsabsichten des charakterlosen „Freundes". Humor und Witz, Esprit und Gedankenreichtum beleben den Dialog, daß er nur so funkelt. Der Schluß ist dramatisch bewegt, voll Kraft und Verve, dabei originell. Was aber das Stück adelt, ist die Gesinnung des Dichters, der sich als beredter Sachwalter der Pflicht zur Treue der Ehe erweist. Etwas näher steht uns Nordaus erstes Schauspiel „Die Kugel". Die Konstruktion ist die des französichen Gesellschaftsstückes — wie ja Nordau überhaupt mehr unter dem Einfluß der Dumas und Sardous als der modernen nordischen Richtung steht — die Fabel recht spannend und geistvoll. Nichts Verschwommenes, Unklares, Rätselhaftes findet sich da, jedes Wort, jede Person, jede Szene, kurz alles ist wohl erwogen und an seinem Platz: Eine Korrektheit und Sauberkeit, die vielleicht mehr Verstand als Erfindungsgabe, mehr Geist als Gefühl bekundet. Demgemäß ist auch der Dialoggedankenvoll, gediegen und klar, also das, was die Neueren nüchtern nennen. Wir sehen, wie der Rechtsanwalt Dr. Fritz Sickart verzweifelte Anstrengungen macht um aus dem Sumpf herauszukommen, in dem er geboren ist. Dieser Sumpf ist in seinen Augen Armut, die niedere Herkunft. Die empfindet er so wie seine ganze Vergangenheit, wie die ungebildete Einfachheit der braven Mutter, wie die anhängliche Verehrung der bescheidenen Geliebten als eine Kugel, die er am Bein nachschleppt und die ihn immer wieder hinunterzerrt. Daher zieht er nach* Berlin, um in der Großstadt, wo man ihn nicht kennt, seinen Weg zu machen. In seinem streberischen Ehrgeiz verwechselt er den äußeren Erfolg, den Reichtum, den Glanz, den Ruhm, das Scheinglück mit dem wahren Glück, der inneren Zufriedenheit, dem in sich gefesteten seligen Selbstbewußtsein und wird skrupellos in der Wahl seiner Mittel zum Zweck. Eine reiche, adelige Klientin, deren Scheidung von ihrem Gatten er mit Elan, mit Feuereifer, mit Rücksichtslosigkeit, geradezu wie eine eigene Sache durchführt, soll ihm verhelfen, die Schwierigkeiten seines Steilpfades zu überwinden. Mit berechneter Tollkühnheit, mit verzweifelter Leidenschaft erobert er die gutmütige Baronin und wähnt sich schon am Ziele. Er wirft sich zum Vormund ihres Kindes aus der ersten Ehe auf, verwaltet dessen Vermögen; schließt sich der konservativen Partei an, kandidiert und vergreift sich zu diesem Zweck an dem verwalteten Gelde. Freilich die Kugel am Bein — die versucht er hartnäckig abzuschleifen. So verheimlicht er seine Abstammung, vertuscht seine Armut, entfernt seine Mutter, da sie in seinen Augen keine Manieren hat und die gewesene Köchin nicht verleugnen kann, und hält sich auch die Geliebte, die Mutter seines Kindes, vom Leibe. Aber der Bruder der Baronin, Kammerherr Ernst von Pepping, ein eingefleischter Aristrokrat, macht die Pläne des Strebers zunichten, indem er ihn mit Hilfe des gewesenen Schwagers entlarvt und von ihm das veruntreute Geld zurückfordert. Gebrochen knickt Sickart auf seiner Laufbahn zusammen, übrig bleibt ihm nur die Schande oder der Tod. Doch die Mutter in ihrer rührenden Schlichtheit, in ihrem beredten Schmerz wird sein Schutzengel. Der Kammerherr läßt ihn laufen. Und Sickart kehrt voll Reue und guter Vorsätze zu den Seinen zurück. Nicht mehr als Kugel, sondern als Anker empfindet er sie nun. Wie viele Sickarts gibt es leider unter den Juden! Treffend charakterisiert ihn sein Freund Ewes: „Du bist ein eingebildeter Kranker und hast noch dazu den eingebildeten Schaden verheimlichen wollen. Das macht dich innerlich unfrei und gibt allen Menschen Gewalt über dich. Eine Kugel sagst du? Wenn du geschickt gewesen wärst, hättest du einen Schmuck daraus gemacht. ... Du schämst dich deiner Mutter und verleugnest sie. Das ist ein großer Fehler. So ist sie in der Tat deine Kugel — durch deine Schuld. Du mußtest dich ihrer rühmen. Du mußtest stolz hinweisen auf das, wozu du sie machst. Dann war sie die Blume in deinem Knopfloch. Jetzt ist sie eine Waffe in der Hand deiner Feinde. So wäre sie deine Rüstung gewesen. . . . Und um so klug zu handeln, brauchtest du gar keinen großen Verstand, ein bißchen Herz genügte." 2

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