Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 31 (30.7.1909)
- Date
- 1909-07-30
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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688 DIE^ELT No. 31 gibt, sondern zugleich mehr als andere Schriften die Kenntnis von dieser Literatur und die Liebe zu ihr in die weitesten Kreise getragen hat und in ihrer kürzlich erschienenen zweiten Auflage tragen wird. Nur bringt es die Sache selbst mit sich, daß man Karpeles immerfort das größte Unrecht tun muß. Denn unwillkürlich stellt man die „Geschichte der jüdischen Literatur" neben die „Geschichte der Juden" und man kann dem zarten und weichen, zierlichen und eleganten Karpeles kein größeres Unrecht tun, als ihn neben den Riesen Graetz zu stellen und ihn an diesem zu messen. Er beansprucht gar nicht, neben Graetz zu stehen. Und doch hat seine populäre Zusammenstellung der Literaturgeschichte, die der besten Vorarbeiten und vor allem Graetzens selbst sich reichlich bedient hat, auf ihrem Gebiete einen grundlegenden Wert, wie das große wissenschaftliche Lebenswerk unseres grundlegenden Historikers für die jüdische Geschichtschreibung aller Zeiten. Karpeles Jüdische Literaturgeschichte ist in ihrem nationalen und nationalisierenden Werte noch lange nicht genügend erkannt und gewürdigt worden. Aber es freut uns, daß er wenigstens die Neuauflage seines Hauptwerkes noch erlebt hat. Seit etwa 18 Jahren war Gustav Karpeles der Vorsitzende und Leiter der Vereine für jüdische Geschichte und Literatur. Die erste Anregung zu ihrer Gründung ging aber nicht von ihm, sondern von Willy Bambus aus. Der unermüdliche Mann, der jeden Augenblick neue organisatorische Ideen hatte, dabei freilich in keiner Weise ein Organisator war, stellte als Preis dafür, daß er mir zur Gründung des ersten jüdischnationalen Vereins in Berlin seinerseits helfen wollte, die Forderung, daß ich ihm behilflich sein sollte, einen Verein für populäre jüdische Geschichte zu gründen, um dann später solche Vereine auch außerhalb Berlins zu schaffen. So gründeten wir gleichzeitig den Verein Jung-Israel und den Verein für jüdische Geschichte und Literatur, den wir erst einigermaßen unter Dach und Fach brachten, ehe wir uns an Gustav Karpeles um Übernahme des Vorsitzes wandten. Er nahm ihn an. Und was hat er daraus mit unermüdlicher Arbeit und Selbstaufopferung in den 18 Jahren geschaffen? Die Vereine und ihr Verband sind sein Werk, wenn auch die erste Anregung und Gründung von anderer Seite gekommen war. Das Jahrbuch des Verbandes, seine Veröffentlichungen und vor allem seine große Mitgliederzahl zeigen, wie sehr hier Karpeles gewirkt und damit der nationalen Propaganda vorgearbeitet hat, die überall dort unfruchtbares Feld findet, wo man im Judentum, seiner Geschichte und Lileratur unwissend ist. Denn de'r jüdisch-nationale Gedanke und der Zionismus hängen ohne Judentum und ohne Wissen vom Judentum in der Luft und sind wurzellos. Karpeles emsige Arbeit hat viel dazu beigetragen, daß jüdisches Wissen wieder Wurzel in der deutschen Judenheit schlägt. Es klingt vielleicht denen, die Gustav Karpeles nicht persönlich kannten, auch seine literarische jüdische Wirksamkeit und seine Tätigkeit in dem von ihm geleiteten Verband der Vereine für jüdische Geschichte und Literatur nicht verfolgt haben und nur ihn als den Redakteur der „grünen Zeitung" kannten, als „gemacht", Gustav Karpeles als nationalen Juden anzusprechen. Für die, welche eine Äußerlichkeit haben müssen, um nationale Gesinnung zu finden, will ich eine kleine Sache auffrischen, die immerhin nicht ganz bedeutungslos sein mag. Als auf der Rabbinerversammlung das Anathema über die zionistische Bewegung noch einmal bestätigt und wiederholt war, hatte ich es übernommen, ein von den Berliner Ortsgruppen veröffentlichtes Protestflugblatt, das ich verantwortlich zeichnete, noch auf der Rabbinerversammlung zur Verteilung zu bringen. Da ich wußte, daß man das mit allen Mitteln verhindern werde, so zog ich Karpeles ins Vertrauen, der ohne weiteres sich bereit erklärte, unsern Protest seinerseits in der Versammlung zu verteilen und der damit begann, daß er dem Dr. Werner aus München, der grade eine große Rede hielt, ein Blatt in die Hand drückte und dann an den Tischen die Blätter herumreichte. Er tat, als wäre es seinerseits ein halber Scherz, aber es war ihm ganzer Ernst. Das Judentum verliert in Gustav Karpeles, der selbst in seinem Tode noch die nationalen Trauerwochen gefunden hat, einen seiner treuesten Stammessöhne, einer, der die Harfe Zions vernommen und ihren Klang treu weitergegeben hat. Wenn vor fünf Jahren unser lieber Schlemiel in seiner Galerie berühmter Juden von Gustav Karpeles in Hinweis auf seine Arbeit bei Mosse sagt: „Nicht gehopst und nicht gesprungen, heißts von mir in spätem Tagen", so ist es doch unmöglich, daß der Mann vergeßen wird, der aus Stücken und Flicken zum erstenmal für die Geschichte der jüdischen Literatur ein Gesamtkleid zusammengestellt hat, dem man seinen stückenhaften Ursprung nicht ansieht, das vielmehr aus einem Stück geschnitten erscheint. Denn grade in der Kunst der Zusammenstellung hat Karpeles Hervorragendes geleistet und seine Eigenart betätigt. In vielen, ja den meisten seiner Schriften, jedoch mit völligem Ausschluß seiner Heineforschung, war er ein genialer Kompilator, wobei ich noch mehr auf das Wort genial, als auf Kompilator den Nachdruck lege. Das deutsche Judentum, das so wenig Männer hat, die in jüdischkulturellem Sinne arbeiten, wird den Verlust von Gustav Karpeles schmerzlich empfinden. Möge sein Andenken dazu dienen, dauernd Freunde der jüdischen Geschichte und Literatur zu werben und damit die beste Grundlage zu schaffen für die stammestümliche Liebe, mit der Gustav Karpeles an seinem jüdischen Volkstum hing, und die bei stärkeren Naturen als er, auch politischnationale Arbeit in positivem Sinne zur Erscheinung bringt. Wir werden das Andenken des liebenswürdigen Kollegen und liebenswerten Menschen in jüdischem Sinne zum Segen bewahren. Berlin, am 9. Abh 5669. Heinrich Loewe Max Nordau Persönliches zu seinen Dramen Von Dr. Marek Scherlag Wohl ein Dutzend Jahre ist es her. Es war eine wunderbar mondklare Sommernacht. Wir saßen auf der Terrasse des herrschaftlichen Kastells und plauderten über dies und jenes. Mancher von uns zog es aber vor, schweigend in die Nacht hineinzulauschen, die erfüllt war von sanftem Wipfelrauschen und schwerem Lindenblütenduft. Da blitzte es in dem tiefen Mattblau des Himmels auf und flugs schoß ein sternheller Streifen dahin und zerstob in grelle Funken, die jäh in den Abgrund der Nacht wie Tränen herabstürzten und verschwanden. Jetzt schwiegen alle, bang und traurig. Kein Laut störte die Stille ein Weilchen lang. Ein Falter nur, der an das Windlampenglas heranflog, verursachte ein leises Klirren. „Mir fällt ein Gedicht von Nordau ein," begann die Tochter des Hauses.