Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 31 (30.7.1909)
- Date
- 1909-07-30
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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zugewandt als dem Gesamtjudentum, dem er mit allen Fasern seines Herzens anhing. Seine Geschichte der Weltliteratur, die ja freilich eine von vielen ist, hat ihm keinen Namen gemacht, obgleich es auch in ihr an feiner Kunst der Darstellung nicht mangelt. Sein vom Allgemeinen Verein für deutsche Literatur herausgegebenes literarisches Wanderbuch führt die Leser in interessanter und nicht minder unterhaltender Weise durch alle möglichen Gebiete der Weltliteratur und der verschiedensten Kulturgebiete, bringt in seinen Slawischen Wanderungen soviel des Anziehenden und des Anregenden und hat doch so gar nicht dazu beigetragen, ihm einen dauernden Namen zu machen, obwohl man sich dem stillen Zauber des Buches nicht zu entziehen vermag. Er war eben in allererster Linie Jude und jüdischer Schriftsteller und will und kann nur als solcher beurteilt werden. Daß er auch einmal einige Jahre das Feuilleton der Breslauer Zeitung und mit Spielhagen die Westermannschen Monatshefte redigiert hat, ist für die Bestimmung seines Wesens und seiner Wirksamkeit ganz belanglos. Je länger, um so mehr trat das spezifisch Jüdische an ihm in den Vordergrund, und er wurde immer mehr zum nationalen Schriftsteller. Nicht etwa, daß er auf die nationale Richtung im Judentum eingeschworen gewesen wäre, — das wäre ein falsches Urteil, — aber er war trotz seiner Stellung als leitender Redakteur des Parteiblattes der äußersten Reform und Neologie im Herzen ein durchaus treuer Sohn seiner Nation, der trotz aller Seitensprünge, die man ihm als'ganz unpolitischen Schriftsteller stets zugute halten mußte, ein nationaler Jude war.und blieb. Immerhin konnte er sich dem Einfluß seiner Umgebung nicht entziehen, aber man durfte ihm ruhig glauben, wenn er gelegentlich äußerte, daß seine nationaljüdische Gesinnung nicht in dem zum Ausdruck käme, was in der Allgemeinen Zeitung des Judentums stände, sondern in dem', was darin nicht stände. So betrachtete er es keineswegs als einen Bruch in seiner Gesinnung, wenn er eben noch in Willy Bambus' Serubabel ein Feuilleton geschrieben hatte, um den nationalen Charakter der jüdischen Poesie bis auf den heutigen Tag nachzuweisen und schon unmittelbar darauf die Redaktion der Mossisch gewordenen Allgemeinen Zeitung des Judentums übernahm. Er wußte, daß er auch dort für den Bestand des jüdischen Stammestums wirken könnte, und daß er auf diesem exponierten Posten tatsächlich in jüdischem Sinne gewirkt hat, muß offen und uneingeschränkt anerkannt werden. In seinem Vaterhause hatte Karpeles jüdischen und wissenschaftlichen Geist in sich aufgenommen, wenn er auch später beides in anderer, man könnte sagen, weicherer Form äußerte. Er selbst hat später die Predigten seines Vaters, des früheren Wiener Rabbiners Dr. Elias Karpeles herausgegeben. Aber mit fortschreitendem Alter trat das jüdische und Wissenschaft]! liehe Interesse immer mehr wieder hervor. Es ist jetzt 23 Jahre her, daß ich als Sekundaner zum ersten Male einen Vortrag von Gustav Karpeles hörte. Er sprach über die verschiedenen Perioden der jüdischen Literaturgeschichte, und es war kein Zweifel, daß selbst auf den unfruchtbaren und dürren Boden der Magdeburger Gemeinde seine Worte nicht ganz vergeblich fielen. Ich fühlte, das war nationale jüdische Gesinnung, obwohl das Wort nicht fiel. Nach dem Vortrage war man im engsten Kreise noch beisammen. und ich durfte unter den stummen Teilnehmern am Tische Platz nehmen. Als nun Rabbiner Dr. Rahmer sich freundlich danach erkundigte, ob Karpeles sehr viel beschäftigt sei, und dieser zur Antwort gab, „er schreibe nur ab und zu", da folgte ein echt Rahmerscher Witz, als er erwiderte: „So, jetzt auch schon zu?" Und damit sind wir scheinbar auf den wundesten Punkt Karpelesscher Schriftstellerei gekommen. Man glaubt nämlich von ihm behaupten zu dürfen, daß er alles nur abgeschrieben, und daß er keine eigenen wissenschaftlichen Arbeiten geleistet und keine eigenen Gedanken veröffentlicht hätte. Es ist wahr, daß er nur auf einem ganz engen Gebiete sich wissenschaftlich betätigt hat. Wie gering ist zudem die Zahl selbständiger wissenschaftlicher Arbeiter? Aber wer wollte leugnen, daß seine Arbeiten über Heine und auf dem ganzen zugehörigen Gebiete ernste wissenschaftliche Arbeiten sind, die ihren Wert nicht verlieren werden? Der Rahmersche Witz war gut, aber er traf nicht Karpeles, der mit heiterem Lachen die peinliche Situation in eine gemütliche verwandelte. Gewiß Karpeles hat kein einziges Gedicht von Jehudah ha-Levi ins Deutsche übersetzt und doch ist seine fleißige Sammlung von fremden Übersetzungen, die er als Diwan Jehuda ha-Levis herausgab, ein außerordentlich verdienstvolles Werk. Seine „Zionsharfe" ist nur eine Sammlung von dem, was andere bereits vorgearbeitet haben und neben dieser überaus geschickten Sammeltätigkeit ist an eigenem nur die reizende Vorrede darin, die darin ausklingt, daß „die hebräische Poesie der Zukunft das Lebensbild von der Freiheit des Volkes in der Freiheit werden möge". Aber diese Zionsharfe hat in Kreisen des deutschen Judentums national gewirkt, wo sonst nationaljüdische Worte nicht zu erklingen pflegen. Wenn national zu sein darin bestände, daß man das Wort jüdisch-national in Versammlungen recht oft wiederholt oder daß man eine oft gar nicht nicht einmal zweifelsfreie Parteitätigkeit entwickelt, so könnte man die nationale Gesinnung Gustav Karpeles billigerweise anzweifeln. Wenn aber nationale Gesinnung von der Durchdringung mit kultureller Eigenart des jüdischen Stammes nicht zu trennen ist, so war Karpeles der nationalen Juden einer, und zwar einer der besten. Es ist auch kein Zufall, daß gerade die Karpelesschen Bücher, Vorträge und Essays, soweit sie jüdische Themata behandeln, in fremde Sprachen, besonders ins Englische, aber auch ins Französische und Hebräische übersetzt worden sind. Der nationale Grundzug in ihnen allen, die interessante Zusammenstellung der Stoffe, aber am meisten die lebenswarme jüdische Stimmung machten sie allen Juden lieb und wert, denen das Judentum nicht blos ein Wort, sondern der Inhalt ihres Lebens ist. Grade sein Hauptwerk, die „Geschichte der jüdischen Literatur", die seinen Namen mit ewigen Lettern eben in die Geschichte der jüdischen Literatur eingeschrieben hat, hat viel Angriffe, aber nicht minder und mit Recht viel Anerkennung gefunden. Man hat ihm vorgeworfen, daß sie nicht auf eigener Forschung, sondern auf den Arbeiten anderer beruhe. Und doch hat keiner dieser andern es vermocht, zum ersten Male eine Gesamtdarstellung dieser Literaturgeschichte zu geben. Und doch ist seine Darstellung eine so vorzügliche, daß sie nicht bloß dem Gelehrten das übersichtliche Handbuch l*