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Die Welt · 1909-07-30 · 31 (30.7.1909) · page 2

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Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
31 (30.7.1909)
Date
1909-07-30
Page
– (sequence 2)
Language
German
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DIE^ELT No. 31 die in manchen Ländern das Judentum entnationalisiert verdünnt und verwässert, um es in ein Nichts aufzulösen. Außerdem hat sich die Wissenschaft des Judentums mit den Sephardim beschäftigt: Die wohlklingenden Namen der Abarbanels, Qabirols, Delmedigos, Almosninos und Albos sind den Ohren der Literaturvereinsauditorien sehr lieb geworden, aber daß es auch jetzt Delmedigos und Almosninos gibt, die entweder ganz in Unwissenheit versunken oder assimiliert sind, darum kümmert man sich nicht, weil man nur einen archäologischen Liebhabersport treiben möchte und weil man es vergessen will, daß das jüdische Volk wie jedes andere eine Gegenwart und tausend Lebensfragen hat. Die Wissenschaft hat die Geschichte der Sephardim ans Licht gefördert; sie für die jüdische nationale Gesamtheit wiederzugewinnen, vermochten all diese Richtungen nicht. Das vermochte nur der große Gedanke des jüdischen Volkes: der Zionismus. Was diesem Gedanken die eigentümliche Kraft über die Geister verleiht, — wir glauben es zu verstehen, in der Wirklichkeit können wir es selber nicht ermessen. Der Zionismus ist kein Unternehmen und kein zufälliger Beschluß: er ist die Frucht der Jahrtausende. Er ist ein Gedanke, der unbeirrt und unzersplittert alle Kräfte der Seele dem einen Ziel zuwendet und schon durch dieses Streben die Geschlossenheit und Einheitlichkeit des Volkes in sich trägt. Nicht nur als Ziel-, sondern auch als Ausgangspunkt hebt der Zionismus die Diasporaunterschiede auf, wodurch er der jüdischen Masse Trost und Stärkung, dem jüdischen Stamm Sicherheit und Kraft gibt. Darum haßt ihn der lieblose partikularistische, assimilatorische, lokalpatriotische, ja auch lokalrituelle Zelotismus, der nur verzehrenden Eifer kennt, und auch gar kein offenes Auge für die Beurteilung' andersdenkender Juden hat. Der Zionismus mischt sich ebensowenig in den Sephardim-Aschkenasim- Streit, wie er sich als solcher in den Streit zwischen „Chassidim" und „Misnagdim" mischt, er bringt nur ein Prinzip zur Geltung, das die Gegensätze mildert und sie nicht die allgemeinen Volkszwecke stören läßt. Wie ganz anders zukunftsfreudig im Vergleich mit den äußern Kulturversuchen berührt die Entwicklung der Sephardim! Oberall werden zionistische Vereine gegründet; klein ist, wie überall, der Anfang, aber das ist der Anfang einer Entwicklung. Hier wird sich die unabweisliche Notwendigkeit eines intensiven zionistischen Schaffens ergeben. Man wird gut tun, eine gründliche Annäherung rein auf dem intellektuellen Gebiete vor sich gehen zu lassen. Es muß nicht nur parteitechnisch gearbeitet, es muß gelehrt, gedichtet, gepredigt, geschrieben werden. Und vor allem — die Erziehung. Der Zionismus muß von Grund aus bauen. Die Assimilation hatte sich all dieser Gebiete bemächtigt, und dem muß entgegengewirkt werden, — nicht durch Polemik, sondern durch Schaffung von Werten. Der Zionismus muß überall zu gleicher Zeit für seinen Geist und für seinen organisatorischen Körper sorgen; aber noch mehr besteht diese Pflicht für die Sephardim des Orients. Hier muß tüchtig auf dem Gebiete des Geistes vorgearbeitet werden. Die Begriffe und Ideen, die wir mehr oder weniger verbreitet haben, sind den meisten Sephardim noch fremd, und mit einigen Aufrufen wird der Zionismus nicht genährt werden. Was wir erreicht, haben wir der Masse des Geschriebenen und Gesprochenen zu verdanken, der jahrelangen Arbeit, der Aussaat des lebendigen und geschriebenen Wortes. Man muß begreifen, wie das Korn erst gemahlen wird, bevor man die Vorratskammer mit dem Mehl versehen kann. Dadurch, daß die Arbeit über dem aktuellen Interesse nicht das Dauerndnationale vergißt, wird ebensowohl der Gefahr vorgebeugt, gleich manchen andern Kreisen dem Sport einer Vereinsmeierei in die Hände zu arbeiten, als durch eine lokale und technische Methode den Kontakt mit den treibenden geistigen Kräften des Judentums nicht aufrecht erhalten zu können. Also keine seichte Methode, keine oberflächlichen Wirkungsmittel, sondern Wissen und Erziehung. Das wird den bestimmenden Einfluß auf die Sephardim des Orients ausüben. N. S. Gustav Karpeles Geb. 11. November 1848, 15 Cheschwan 5609 zu Eiwanowitz Gest. 21. Juli 1909, 3 Abh 5669 in Bad Nauheim Für uns alle, die wir nicht wußten, wie schwer Gustav Karpeles seit Jahren an einem Herzleiden erkrankt war, kam die schmerzliche Kunde, daß er in Nauheim, wo er alljährlich Ruhe und Heilung suchte, einem Herzschlage erlegen sei, so überraschend und plötzlich, daß wir uns nur schwer in den großen Verlust, den die deutsche Judenheit durch seinen Tod erlitten, schicken können. Denn es ist kein Zweifel, daß es ein großer Verlust ist, den die am meisten zu tragen haben, die ihm am nächsten gestanden haben und für die er zumeist gearbeitet hat, das Judentum und zumal die deutsche Judenheit. Denn wenn auch Karpeles keineswegs durch nationale Qrenzscheiden seines Geistes Arbeit abzuschließen wünschte und wenn er auch der ganzen Menschheit mit seinem Schaffen und Arbeiten dienen wollte und in gewisser Weise gedient hat, so war doch seine Wirksamkeit in ihren großen Hauptlinien und in den bedeutsamsten Richtungen dem Judentum zugewandt. Und nicht bloß, weil er in deutscher Sprache schrieb und redete, sondern weil er innerhalb der deutschen Judenheit wirkte, hat sich seine geistige Wirksamkeit weit mehr den deutschen Juden

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