Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 31 (30.7.1909)
- Date
- 1909-07-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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DIE ELT KÖLN AM RHEIN, KAROLINGERRING 6 %/ ERSCHEINT JEDEN FREITAG W ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XIII. JAHRG. Köln, 30. Juli 1909 iminb D"nn'tf dn n" No. 31. DIE SEPHARDIM DES ORIENTS Die Beziehungen der Sephardim des Orients zum Qesamtjudentum scheinen gelöst. Es war nicht mehr das Qlied eines kräftigen Ganzen, von segensreichem Einfluß auf die Gesamtheit wie früher. Die Sephardim konnten nicht mehr den alten Ruhm wahren und fördern. Man sah die Keime eines neuen innern Lebens nicht aufsprossen. Die Thora, diese unversiegbare Quelle der Kraft und des Lichts für die Juden der Diaspora, fand keine sorgsame Pflege unter den Nachkommen der Geisteshelden des jüdischen Andalusiens. Kein großes Genie und keine weite Ausbreitung des Wissens unter den Massen: neben den „Chachamim", von denen die meisten nur nominelle Chachamim sind, griff das „Am- Haareztum" breit umher. Kein einziges großes literarisches Werk alter oder moderner Richtung wurde geschaffen. Und wie auf dem Gebiete des Geistes, so auch auf dem Gebiete des Gemeindelebens, — locker zusammengefügte Kreise, kleinliche Funktionen, Abgeschlossenheit und obendrein das zersetzende Element: die Vorurteile gegen andere Juden. Die Voreingenommenheit gegen die „Aschkenasim" führt sich in erster Reihe darauf zurück, daß die eine Ausschließlichkeit sich durch die andere bedrängt sah. Die „Chachamim" hatten seit jeher auf die „Rassenreinheit" der Sephardim großen Nachdruck gelegt. Vor allem galt es ihnen, der Gesamtheit die Elite, die „Emune am s'gulah", die Getreuen des auserwählten Volkes siegreich gegenüberzustellen. Dann kommen die Unterschiede des rituellen Gesetzes, welches die Frommen teilte. Statt in dem idealen Höhepunkte eines einheitlichen jüdischen Volkes mit einer einheitlichen jüdischen Kultur wurde in deren Verkrüppelungen und Verzerrungen das Kriterium gesucht. Anderseits protestierten einzelne große Geister gegen diese Unart der Trennung, jedoch ließ die zersplitterte nationale Psychologie der Diaspora eine Entwicklung dieses Gedankens nicht zu. Gegenüber dem beständigen Auf- und Abschwanken zwischen Erweckung und Abspannung, welches es zu keiner Kontinuität, keinem wirklichen nationalen Fortschritt kommen ließ, war notwendigerweise die Routine an sich selbst zu einer geraden Linie geworden. Hatte sich ein Übel festgewurzelt, so war es nicht mehr zu beseitigen. Wenige Ereignisse der neuern Geschichte unseres Volkes sind in ihrem Verlauf so bekannt und doch in ihrem Ursprung so unbekannt wie der Verfall der Sephardim. Wenn man den Gesetzen der Kausalität nachgeht und die Einzelerscheinungen dieses Verfalls, die Ignoranz, den Indifferentismus auf ihre allgemeinen Ursachen zurückführt, wenn man die verschiedenen Faktoren des nationalen jüdischen Lebens der Diaspora im Auge behält und ihre Wirkungen prüft, so gelangt man zur Erkenntnis, daß die Abgeschiedenheit von der großen aschkenasischen Mehrheit diese Verarmung, diese Einseitigkeit der praktischen Auffassungsweise, diese Verkleinerung und Verknöcherung des Judentums unter den Sephardim, wie auch in jeder unserer Gruppen, die einem Partikularismus anheimfällt, hervorrufen mußte. Es ist ein Symptom des nationalen Zerfalls, daß das Ganze sich in Teile auflöst und daß die Teile einzeln zu leben versuchen und daher ganz andere und kleinere Lebensformen annehmen. Uns interessiert hier weniger die historische als die aktuelle Frage. Wir stehen vor einer merkwürdigen Zeiterscheinung: unter unsern sephardischen Brüdern des Orients zeigt sich ein jüdisches Regen und Ringen. Es ist nicht gering zu veranschlagen, daß diese Erscheinung in der Neubelebung unseres nationalen Gedankens ihren Ursprung hat. Das Sephardimproblem hatte schon früher die Geister beschäftigt und zu Versuchen jeglicher Art angeregt, aber all diese Versuche erzeugten Früchte nach einer ganz andern Richtung. Das philanthropisch-assimilatorische Kulturträgertum des Westens kann auf großartige Erfolge hinweisen, die es auf dem Gebiete des französischen Unterrichts u. dgl. erzielt hat, und wir geben gern zu, daß diese Leistungen nach der praktischen Seite für das Erwerbsleben und für die soziale Stellung der Juden im Lande eine gewisse Bedeutung hatten, aber was uns bei dieser Frage interessiert, ist nicht das Äußerliche, das Allgemeine und Reinpraktische, sondern das Jüdische, das Innere und Eigene, wofür wir leiden und hoffen und leben. Eine jüdische Renaissance der Sephardim ist durch die fremde pädagogische Tätigkeit nicht hervorgerufen worden; im Gegenteil, es ist dieselbe Richtung angebahnt worden, ■ ■! h r-i A , \¥ ■ \ \-j tf j-W ' ß ip% ' J ■ ' ■"•■•fr Ü