Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 30 (23.7.1909)
- Date
- 1909-07-23
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
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No. 30 DIEÜ Ziehungen zur Regierung gelungen sei, das von ihr vorgeschlagene Schächtverbot zum Gesetz zu erheben. Der Gouverneur habe sich dem zwar widersetzt und auf die Gutachten von Virchow u. a. hingewiesen, die sich günstig für das Schächten äußern. Sie wandte sich aber nach Petersburg und hatte dort Erfolg. Zu ihrer Freude erfuhr sie, daß auch Se. Majestät der Zar das Gesetz genehmigt habe. Bei diesen Worten konnte sie ein triumphierendes Lächeln nicht unterdrücken. Da ereignete sich ein dramatischer Zwischenfall. Herr Michael Schiff, der in einer der ersten Reihen saß, sprang auf und rief: „Hat der Zar auch die christliche Methode des Judenschlachtens verboten?" Der Zwischenruf erweckte Sensation und stürmischen Beifall. Die Ausführungen der streitbaren Antisemitin blieben nicht ohne Widerspruch. Zunächst verteidigte Herr Hunter Boyd, ein kanadischer Delegierter, in warmen Worten die jüdische Schächtmethode. Als nächster Redner verteidigte Dajan Hyamson die Juden gegen den Vorwurf der Grausamkeit und erläuterte als Fachmann die Vorzüge des Schächtens. Herr Jefferson Seligman sprach als Vertreter des amerikanischen Tierschutzverbandes sein Bedauern darüber aus, daß religiöse Punkte in die Debatte gezogen worden seien. Er bezeichnete die Schächtmethode als die humanste. Dajan Feldmann wies der Referentin grundlegende Irrtümer nach. Fröken von Konow hatte sich nämlich in der Debatte auch als Talmudistin aufgespielt, natürlich war es ein leichtes, ihre vollkommene Unkenntnis des G6genstandts zu beweisen. Es hatten sich noch eine ganze Anzahl Verteidiger des Schächtens zum Worte gemeldet, als der etwas nervöse Präsident die Debatte als geschlossen erklärte. Trotz des Protestes von vielen Seiten erhielt hierauf die Referentin das Schlußwort. Auch hierin erging sie .sich hauptsächlich in vagen Beschimpfungen. Die Abstimmung erbrachte eine große Überraschung. Es wurde nämlich eine Resolution zur Abstimmung gebracht, die mit dem Schächten selbst gar nichts zu tun hatte und nur den Vorzug der Pistole vor dem Hammer beim Schlachten des Viehes zum Ausdruck brachte. Man protestierte heftig gegen die Resolution und verlangte eine Resolution im Anschluß an den Vortrag und die Debatte. Der Vorsitzende, der vielleicht eine Mehrheit der Schächtfreunde fürchtete, ließ dies aber nicht zu. So endigte die ganze Affäre mit einem Fiasko der Gegner des Schächtens. Frankreich Jahresversammlung der Ica Die Generalversammlung der Jewish Colonization Association fand am 11. Juli, um 10 Uhr vormittags, unter dem Präsidium des Herrn Narline Leven statt. Anwesend waren die Herren Dr. J. Blau, Vertreter der Gemeinde Frankfurt a. M., P. Errera, H. G. Lousada, Dr. A. Netter, Vertreter der Alliance Israelite Universelle, C. Netter für die Gemeinde Berlin, Fr. Philippson für die Gemeinde Brüssel, S. Reinach und die Beamten. Dem vom Präsidenten erstatteten Jahresbericht entnehmen wir folgendes: Die Kolonisation ist immer noch das Haupltätigkeitsgebiet der Gesellschaft. In Argentinien wächst sie Jahr für Jahr in regelmäßiger Folge. Die Gesamtbevölkerung der argentinischen Kolonien der Ica belief sich am 31. Dezember 1908 auf 2875 Familien mit 15771 Seelen, das sind 500 Familien und 2500 Seelen mehr als im Jahre 1907. Alle diese Kolonisten widmen sich dem Ackerbau. Sie haben im Jahre 1908 84507 Hektar bepflanzt. Die zufriedenstellende Resultate ihrer Arbeit machten es ihnen möglich, insgesamt $ 399638 auf ihre Installierungskosten abzuzahlen. Übrigens tragen diese Kolonisten noch andere öffentliche Lasten, Steuern, Schulgelder usw. Sie unterhalten aus eigenen Mitteln den ganzen Gesundheitsdienst. Die Gesellschaft organisiert und verwaltet den Volksschulunterricht und kommt für seine Kosten auf; sie besitzt 37 Schulen mit 109 Lehrern und 2529 Schülern. Die übrigen Kosten decken die Kolonisten selbst. Sie haben Genossenschaften gebildet und machen einen glücklichen Gebrauch von der Freiheit, die sie früher nicht gekannt haben. Die Zahl der nach Argentinien Wandernden wächst beständig. Im Jahre 1908 landeten daselbst 5362 jüdische Auswanderer. Sie zerstreuten sich im Lande, um Arbeit zu suchen, die sie ohne große Mühe fanden. Eine Anzahl Familien hat sich außerhalb der Kolonien auf gepachtetem Lande angesiedelt. Sie warten darauf, von der Ica installiert zu werden. Ein Versuch, der mit einer Kolonisation in Brasilien gemacht worden ist, ist geglückt. Die Kolonisten der brasilischen Kolonie Philippson erhalten sich schon selbst ohne Zuschüsse der Gesellschafft. Ihre Zahl ist im Wachsen, im ganzen wohnen daselbst 327 Seelen mit einem Besitz von 400 Hektar und 1044 Stück Vieh. %ELT - - 677 Die Ica beabsichtigt die Kolonisation in Brasilien auszudehnen. Das Klima ist gut, der Boden fruchtbar und die Regierung verhält sich sehr sympathisch. Auch die landwirtschaftliche Kolonisation in den Vereinigten Staaten, deren Anfänge älter sind als die Gesellschaft, entwickelt sich befriedigend. In Kanada sind im letzten Jahre 2364 Juden gelandet. Im Jahre 1908 hat die Ica ungefähr 2380 Juden in der Bekleidungsindustrie des Landes untergebracht. Ein Teil der Einwanderer konnte auch in der Landwirtschaft untergebracht werden. Die Kolonisten in Kanada haben außergewöhnliche Ausdauer und Energie gezeigt. Die ersten Kolonisten in Wapella siedelten sich in den Jahren 1886 und 1890 an. Sie hatten besonders schwer zu kämpfen, da sie fast ganz ohne Mittel dastanden. Aus einer Entfernung von 32 Kilometern mußten sie im Winter bei einer Kälte von 40 Grad das Holz transportieren, um ihre Häuser zu bauen. Heute besitzen die jüdischen Kolonisten in Kanada 19373 Hektar, wovon sie nicht weniger als 6972 Hektar selbst urbar gemacht haben. Ihre Ländereien haben einen Wert von 492900 Dollars, ihr gesamtes Besitztum ist über 750000 Dollars wert. Sehr kurz äußert sich — merkwürdigerweise — der Bericht über die Kolonisation in Palästina. Man muß fast an eine Absicht glauben. Zahlen und Statistiken werden über diese Kolonien nicht gegeben, der Bericht beschränkt sich auf einige nichtssagende Redensarien, die den Fortschritt dieser Kolonien bestätigen. Schließlich erwähnt der Bericht ganz kurz den Umschwung in der Türkei und die sich daraus ergebenden Aussichten und bestätigt, daß die Ica vor zwei Jahren eine Kommission nach Cilicien und Mesopotamien entsandt hat, die die Eignung dieser Gebiete für eine landwirtschaftliche Kolonisation bestätigt hat. Palästina Überfall auf die Schule Mikweh-Israel Jaffa, 7. Juli. Über den bereits telegraphisch gemeldeten* Zwischenfall erfahren wir noch folgendes: Vorgestern erschoß auf dem Weingarten von Mikweh-Israel ein arabischer Wächter einen Dieb aus dem benachbarten Dorfe Jazur. Als frühmorgens die Kunde davon ins Dorf gelangte, überfiel das ganze Dorf — Männer und Frauen — an 200 Menschen — die Schule, um nach arabischer Sitte an dem Hause, von dem der Tod ausging und an dem Hausvater Direktor Loupo, Blutrache zu nehmen. Sie begannen die Scheiben einzuschlagen und sonstigen Schaden anzurichten. Das Lehrerpersonal blieb versteckt; von den älteren Zöglingen stellten sich einige den Arabern entgegen, die jüngeren suchten alle aus der Schule zu fliehen, wobei mehrere teils von den Arabern teils durch unglückliche Sprünge aus den Fenstern Verletzungen erlitten. Nach einer Stunde schon waren die aus Jaffa herbeigerufenen Soldaten in der Schule, die die Angreifer sofort auseinander jagten. Die Unruhen wiederholten sich seither nicht. Das ganze Dorf Jazur lebt fast ausschließlich von der Schule Mikweh-Israel, über zwei Drittel seiner Einwohner finden hier ständig Beschäftigung; 500—600 Frcs. zahlt die Schule wöchentlich Arbeitslöhne an die Leute aus Jazur aus. Ein Konservatorium in Palästina Wie wir erfahren, steht die Errichtung eines Konservatoriums für Musik in Palästina in Aussicht. Frau Dr. Ruppin beabsichtigt ein solches Institut in Jaffa zu gründen. Kämpfe im Libanon-Gebirge In 'den Bergen des Libanon haben Anfang Juli wieder Kämpfe innerhalb der Bevölkerung stattgefunden. Es handelt sich, wie der „Deutschen Orientkorrespondenz" berichtet wird, um die landesüblichen Streitfälle zwischen benachbarten Dorfgemeinden, die von der Kampfeslustigen Bevölkerung in der Regel „mit bewaffneter Hand" ausgeglichen werden. Diesmal waren die Bewohner der Dörfer Bazun und Tanurin in den Kampf gezogen; zwischen den gutbewaffneten Leuten entwickelte sich ein förmliches Gefecht, so daß die Gendarmen außer Stande waren, Ordnung zu schaffen; erst mit Hilfe regulärer Truppen konnte die Ruhe wieder hergestellt werden. Personalnachrichten Herr Dr. Hans Gideon Hey mann hat sich mit Fräulein Lotte Krenienezky, der Tochter des Herrn Johann Kremenezky, Mitglied des Großen A. C, verlobt. Am Mittwoch den 4. August d. J. findet in Baden bei Wien die Vermählung des Herrn Rabbiner Dr. Markus Braude, Mitglied des Großen A. C, mit Fräulein Nelly ßuber statt.