Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 30 (23.7.1909)
- Date
- 1909-07-23
- Page
- – (sequence 25)
- Language
- German
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„Ich bin glücklich", begann er, „Ihnen näher treten zu können. Ich liebte Sie schon zuvor, denn ich liebe die ganze jüdische Nation in aufrichtiger Freundschaft. Ich werde niemals vergessen, daß ich in einer jüdischen Schule mein« erste Bildung empfangen habe. Erinnerung aus früher Kindheit verbinden mich mit ihrer großen Gemeinschaft, und ich konnte keine Gelegenheit vorübergehen lassen, mit ihr in neue Verbindung zu treten. Ich möchte Ihnen meine Meinung vortragen über eine so interessante Frage wie der Zionismus, die heute die jüdische Nation in zwei getrennte Lager spaltet, sie, die sonst so solidarisch und einig ist. Die zionistische Frage, scheint mir, ist aus der schlechten Behandlung heraus entstanden, der das unglückliche jüdische Volk seit vielleicht zweitausend Jahren unterworfen ist, seit dem Verluste seines Königtums und seiner Unabhängigkeit. Ich könnte es ihnen beweisen, daß noch jedes Mal, wo ein besiegtes Volk in seinen religiösen Empfindungen und seiner nationalen Würde verletzt worden ist, da der Fanatismus und die Barbarei der andern die Traditionen seiner Ahnen mit Füßen tritt, sich dieses Volk unter der durchbohrenden Empfindung einer schrecklichen Schwermut befindet. Dann erinnert es sich seiner ruhmreichen Vergangenheit und seiner entschwundenen Größe. Der Vers „im eschkochech jaruschalajim, tischkach jemini" gibt diese Empfindung wundervoll wieder. Aber lassen wir diese philosophischen Reflexionen, und gestatten Sie mir, Ihnen kurz und klar auseinanderzusetzen, wie ich den Zionismus verstehe. Dann merken Sie wohl, ich bin Zionist. Aber Zionist auf meine Weise, und so sollte man es, meine ich, in der Türkei durchgängig sein. Der Zionismus hat, glaube ich, kein anderes Ziel, als das, die notwendigen Bedingungen dafür vorzubereiten, urn sozial und politisch die große Masse des jüdischen Volkes zu heben, diese Masse, die leider weder ihre Menschennoch Bürgerrechte genießen kann. Trotz der sogenannten europäischen Zivilisation werden Millionen Juden schamlos ungerecht mißhandelt. So ziemlich allerorten, mit nur wenigen Ausnahmen, wie beispielsweise in der Türkei. Eines der besten Mittel, um sozial wie moralisch die Masse der armen Juden zu heben, die durch die Welt hinirren, ist, sie irgendwo seßhaft zu machen. Ich wollte, daß das in der Türkei geschähe: 1. weil wir immense, noch unkultivierte, aber äußerst fruchtbare Territorien haben, 2. weil ich sicher bin, daß die Juden eine Liebe zu diesem schönen Lande haben, 3. weil sie bei uns niemals mißhandelt wurden und heute wie gestern, heute mehr als gestern willkommen geheißen werden, 4. weil sie nicht den Irrtum begehen, eine idealistische Politik zu treiben, aber berufen sind, eine große Rolle in der finanziellen Leitung unseres Landes zu spielen. Die Türkei ist das Land, das am besten für sie paßt, und ich bin sicher, daß die ottomanische Regierung sich keineswegs ihrer Immigration widersetzen wird. „Aber", fügte der Redner hinzu, „wenn die Juden einen sentimentalen und poetischen Zionismus treiben würden, so fürchte ich sehr, würde das für die jüdische Sache verhängnisvoll werden können; es könnte eine unglückselige Judenfrage in der Türkei entstehen, die das Entgegengesetzte von dem herbeiführen würde, was man das Recht hat zu erwarten." (Die letzte warnende Anspielung, wie der schon oben gebrauchte Ausdruck „idealistische Politik", beziehen sich offenbar auf die legendarischen, letzthin soviel zitierten separatistischen und autonomistischen Bestrebungen, deren verleumderische Volksverräter uns letzthin anklagten, und die ihre Widerspiegelung nun auch in dem sonst so vertrauensvollen freien Geiste eines Mannes wie Dr. Risa Tewfik gefunden haben. Daß er im Grunde an die Berechtigung dieser Anklage nicht glaubt, das beweist der Mut, mit dem sich dieser Volkstribun eben neuerdings mit dem Namen des Zionismus identifizierte. Anm. d. Berichterstatters.) Donnernder Beifall folgte der Rede. Sodann drückte Herr Cohen, Mitglied des zionistischen Komitees in Smyrna, dem Gaste den Dank der Zionisten der Stadt aus. Er brachte die Statuten des Vereins „Ahawath Zion" in Smyrna zur Verlesung, die, wie Herr Cohen feststellte, genau in der Linie der Ausführungen des Dr. Tewfik liegen. Besonderen Nachdruck legte er auf die Betonung der Reichstreue der türkischen Zionisten. Eine selten erlebte Begeisterung war die Folge dieser Ansprache. Mit dem Rufe: „Hoch unser einiges Vaterland, hoch die Türkei!" schloß die Versammlung.------ Die durchaus harmonisch und im zionistischen Geiste verlaufene Veranstaltung ist nichtsdestoweniger von einer übelwollenden Presse zu einem Schlage gegen den Zionismus umzudeuten versucht worden. Sogar in den „Tiempo" hat sich ein feindselig gehaltener Bericht darüber verirrt. Allein diese Versuche sind fruchtlos geblieben; die Richtigstellung hat prompt eingesetzt und ist besonders durch die wortgetreue Wiedergabe der Tewfikschen Rede im „Progres de Salonique" und in der „Aurore" in weitere Kreise gedrungen. Der Großrabbiner und die hebräische Sprache Endlich ist die lange erwartete Richtigstellung von seilen des Chachambaschi erfolgt. Danach entbehren wenigstens die ihm zugeschriebenen turkomanen und gallophilen Äußerungen in der „Turquie" jeder Glaubhaftigkeit. Man wird von nun an in den unten folgenden Worten das nationalkulturelle Bekenntnis des Großrabbiners zu erblicken haben, das die Richtschnur für seine ganze künftige jüdische Schulpolitik bilden'muß, wenn er sich nicht in Widerspruch mit sich selbst setzen will. Rabbi Nahum gab in der „Aurore" die folgenden Versicherungen ab: „Man hat in der Presse meine Unterhaltung mit dem armenischen Patriarchen über die Schulfrage und die hebräische Sprache ungenau wiedergegeben. Ich hatte dargelegt, daß die Lage der orientalischen Juden dieser Frage gegenüber nicht mit der der Griechen und Armenier vergleichbar sei. Bis heute haben wir Juden keine Sprache, die man als „nationale" bezeichnen kann. Es ist das Spaniolische für die einen, das Arabische für die anderen und seit einiger Zeit das Hebräische für die Juden Palästinas. Eine einheitliche Unterrichtsform fehlte bisher. In den Talmud Toras zum Beispiel übersetzte man Bibel und Gebete auf spaniolisch in der europäischen, und auf arabisch in der asiatischen Türkei. In den Primarschulen wurde alles in französischer, italienischer oder deutscher Sprache unterrichtet. (Für das Deutsche stimmt diese Äußerung nicht ganz, weil überall in den Schulen des Hilfsvereins, die ja einzig in Betracht kommen, neben dem Deutschen auch das Hebräische Haupt- und Unterrichtssprache ist. Nur die sogenannte „Vereinsschule" in Konstantinopel, die nicht zum Hilfsverein, sondern zur Alliance Beziehungen hat, unterrichtet alles in deutscher Sprache. Anm. des Berichterstatters.) Von den Reformen, die künftig in den Schulen einzuführen wären, war zwischen mir und dem Patriarchen nicht die Rede. Was ich jetzt sagen will, ist meine ganz persönliche Meinung, und ich vermute, daß es auch die Meinung der meisten türkischen Juden ist. Der hebräische Unterricht muß zweifellos eine Entwicklung erfahren und zu einem rationellen werden. Das Hebräische muß als lebende Sprache gelehrt werden und nicht als Gebetssprache. Es muß ibrith b'ibrith unterrichtet werden. Außerdem müssen mehrere Fächer, wie Jüdische Geschichte und Religion in hebräischer Sprache vorgetragen werden. Das gilt für die Talmud-Thoras. Für die Primarschulen gedenken wir eine Seminarklasse einzurichten, in der Lehrer für den hebräischen Unterricht nach der neuen Methode ibrith b'ibrith ausgebildet werden sollen. Wenn dergestalt der Lehrkörper geschaffen sein wird, wird vielleicht das Studium dieser Sprache in unserm Lande tiefe Wurzeln schlagen und gute Resultate liefern. Über die Zukunft der gegenwärtig in Gebrauch befindlichen Unterrichtssprachen ist heute noch nichts Positives zu sagen. Es kann ganz leicht geschehen, daß wir eines schönen Tages verpflichtet sein werden, einen Teil der Gegenstände in türkischer Sprache auf Kosten der andern zu unterrichten. Die Majorität der jüdischen Bevölkerung legt großes Gewicht auf die Entwicklung des Unterrichts im Türkischen." Auf die Frage des Redakteurs, woher das in den jüdischen Kreisen verbreitete Gerücht stamme, daß der Großrabbiner geneigt sei, die Reste des Hebräischen, wie die offiziellen Großrabbinatskorrespondenzen, durch das Türkische zu ersetzen, und den Plan hege, die Bibel, den Talmud und das Gebetbuch ins Türkische übertragen zu lassen, sagte Rabbi Nahum: „Sie dürfen dem ein formelles Dementi entgegensetzen. Es ist mir niemals eingefallen, dem Hebräischen den Krieg zu erklären; das gerade Gegenteil ist wahr. Diese Gerüchte sind persönliche Meinungen derer, die sie in Umlauf gesetzt haben." Hoffen wir, da(3 der Großrabbiner die vorgezeichneten Reformen mit der gleichen Entschiedenheit in Angriff nehmen wird, die diese dementierenden Äußerungen auszeichnet. Es würde damit ein vorbildliches Kulturwerk und eine historische nationale Tat von Seiten der türkischen Judenheit geschaffen werden. Die Juden und das Freiheitsfest Auf Initiative des Vorsitzenden des Vereins „Rodfe Emeth" ist eine aktive Teilnahme jüdischer Korporationen an der Grundsteinlegung des Freiheitsdenkmals, die am Feste der Konstitution, den 23. Juli, stattfinden wird, beschlossen worden. Der genannte Verein