Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 30 (23.7.1909)
- Date
- 1909-07-23
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
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Ein Biedermeier-Judentum, das den Umständen und den Zufällen nachgeht und gravitätisch einherstolziert, wenn es sich fügt und bückt. Der gekrümmte Buckel des Leibes hat sich aufgerichtet, noch nicht ganz, aber halb aufgerichtet. Doch der gekrümmte Buckel der Seele! Die Philisterhorizonte eines zwerghaft verkümmerten Geschlechts, wo nur gepflegt wird und gelitten, was gern sich duckt und wohl sich schickt. Die , eigne alte Lehre — gleichgültig; der Kampf um das eigne Recht ein Phantom. Wir sind zu schwach, zu zag. Und das Leben des ganzen Volkes? Unklare Träumereien. Zum Denken ist keine Zeit vorhanden. Genug: Ein friedlich Dach, und ein paar Leute LANDSCHAFTSBILD AUS SAMARIA mögen uns seelsorgen und hebräische Textchen sezieren. An den Bethäusern gehe ich vorbei. Es drängen sich noch manche Juden heran, und die sich drängen, machen viel Wesens daraus. Wären sie Juden der Tat und verständen sie die Gebete, so wäre die goldne Zeit ja schon da. Aber es ist angelernt. Und doch so selbstzufrieden! Nur ruhig — und recht zart werden die Sehl Ummer weisen von den wenigen gesungen, die zum Wecken bestimmt sind. Man durchkostet die ganze Lust der Auflösung des eignen Volkstums. Und auch des stolzen Menschentums, — denn fürwahr, das erbärmliche Nachahmen und die kleine Denkungsart, der Mangel großer Naturperspektiven, das Zusammengedrängtsein in engen Berufen und die blasierte Plattheit haben auf den Goluth-Typus einen neuen Typus gepfropft, der des großen patriarchalischen Zuges entbehrt. Und es treibt dem stolzen Sohne seines Volkes die brennende Röte der Scham, Demütigung und Wut in die Wangen. Aber er fällt auf die Knie, so sein Auge tiefer schaut. Denn er entdeckt die tiefen Tugenden des stillen Heims,und das Herz, — das nur matt eingeschlummert, aber zu pochen nicht aufgehört hat. Und er sagt sich: Lange, lange haben diese Menschen gelitten, und so sich nicht mehr um den Bissen blutig balgen, dünken sie sich glücklich. Vieles haben sie vergessen, doch haben ihre Auserwählten Großes geschaffen. Und wenn sie sich auch auflösen wollen, ihr Wille ist nichts gegen die Kraft des Stammes, auf dem sie wachsen müssen, wachsen oder verdorrt abfallen. BLICK VOM MEER AUF JAFFA Mit wunden Fittichen flattert der Geist zum Frühling zurück. Er spinnt den halbzerrissenen Faden weiter, weiter. Verstummt ist die „Keduscha", der Jubel ist vorüber. Anstatt der Bilder tauchen Fragen auf. Sie wuchern empor und umwinden den forschenden Verstand und würgen ihn in ihren Zangen. Aber er entwindet sich, sobald er das große Geheimnis entdeckt, daß er den Willen und die Kraft nicht bei den andern, sondern in sich suchen muß. Es ist ein Frühling und kein Herbst, es ist nur eine Seele des Menschen, der dies fühlt. Es singen keine Sphären, und keine „Keduscha" erschallt im Weltenraum; nur die Menschenseele singt. Und das Volk? Du bist es, der einzelne, der Fühlende, der Kämpfende, oder — der Ermüdete und Verzweifelnde. Sei stark und fest, so wird das Volk stark und fest sein.! Verzage nicht!