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Die Welt · 1909-07-23 · 30 (23.7.1909) · page 20

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
30 (23.7.1909)
Date
1909-07-23
Page
– (sequence 20)
Language
German
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670 diex|kelt No. 30 Erhaben und hold war die Weihe, die er dem jungen Tag gegeben. Aber sein Zweck ist das volle Leben. Er preist den Schöpfer, weil er weiter schaffen will. Er preist ihn schaffend, wie ihn die Blume duftend und der Vogel singend preist. Und am schönsten im Frühling. Der Faden reißt, — und des Geistes Auge schaut andere Bilder. Schwerfällig — träge Menschenhaufen in Nebelschleier eingehüllt. Ein erstarrtes Volksgewimmel auf fremden Boden. Im dumpfen Kerker der Finsternis erstickt es schier. Gelähmt und geistesverwirrt, matt und entkräftet kann es kaum einen kleinen Himmelsstreifen über seinen Häuptern erspähen. Gespenstisch — geisterhaft gaukelt es, wie ein formloses Gebilde in pfadlosen Dunkelheiten. Verkrümmte Nacken, eingefallene Brustkasten, finstere Gesichter, getrübte Augen, so sonderbar schmachtend und so sonderbar bange schauend! Wer sind diese Menschen? Woher sind sie gekommen und wohin lenken sie ihre Schritte? Es sind die Nachkommen der Erzväter, die rechtmäßigen Erben Kanaans und der Bibel, die Sprossen der glorienbeschienenen großen Hirten großer Vorzeit! Das gottbegnadete Volk, beglänzt von Prophetenstrahlen! Es kam aus seiner Heimat und bleibt hier und da stecken! Feilschend und bettelnd, bettelnd und feilschend füllt es die Schlupfwinkel der Städte. ... In einem engen, immer mehr sich einengenden Schlund des Todes? — nein! — des Verdorrens und Absterbens im Goluthrachen, vom Geschick ausgehöhlt, ist es eingesenkt und zusammengepfercht. Kennt Ihr das Land? Kennt Ihr ein „jüdisches Städtchen" — dort, wo die großen Massen leben und das große Elend zehrt? Ein Gewirr welker Gestalten. Ein Schattenreich. Eine Lagerstätte des Elends, des Leids und der Stumpfheit. Bleiche Kinder mit gerunzelten, fahlen Gesichtchen. Man könnte die kleinen Engel für morsche Greise halten. So abgehärmt ist die Hilflosigkeit der Verwaisung. Ein Gedränge kleiner Handwerker und Händler. Sie schnappen so gierig nach einem Bissen, daß sie sich im Kampf um das karge Brod zerfleischen. Zerlumpt, gramerfüllt, von Hader umsponnen. Schützt sie, ihr Genien, vor des Lebens Bosheit, daß sie nicht verderben! Auf Gewohnheitsbahnen, die mit jedem Tag wirrer und enger werden, wandeln sie. Sie müssen in die tiefsten Schachte dringen, um elende Brosamen zu ergattern. Nein! Der Himmel selbst zieht das fallende Volk aus diesem Schutt nicht empor. Es fällt und wächst — und mit ihm sein Leid. Es ist gezwungen, die Fühlhörner nach allen besudelten Bröckchen Brotes auszustrecken. Fledermausartig umflattert die Masse eine Melancholie der Notwendigkeiten. Sie mußte so werden, wie sie ist. Sie wurde vom Rost des Zweifels zerfressen. Von den gemeinen Kümmernissen des Lebens wurde sie niedergedrückt. Die Moralpredigten der Außenstehenden macht sie verdrießlich. Sie kommen ihr wie eine leichtfertige Spielerei vor. Wer untersteht sich zu richten? Verwirrt, verzweifelt und entweiht, sich und den Andern lästig, wie ein niedergehauener Baum, auf dem fremde und eigene Ziegen leicht hüpfen können, eine ewige Zielscheibe für alle Anklagen und alle Neckereien — nichts zu verlieren und keinen rechten Glauben zu den verbrauchten Hilfsmitteln! So ist jetzt unser schauervoll verkrüppeltes Heldentum! So ist jetzt der wunderbare häßlichschöne Knoten verzweifelter Lebensanstrengungen eines Stammes, der nicht vergehen kann. Der ohne Boden, ohne Halt und ohne Kompaß im Sturm der Zeiten in den Orten, die er am dichtesten bevölkert, etwas geschaffen hat, das die Schamröte in das Gesicht seiner stolzen Söhne treibt und vor dem sie doch in Verehrung und Liebe und Demut niederknien müssen. Vor der Sphinx der Gegensätze, wo rastlose Geschäftigkeit braust um den toten Punkt! Wo so viele geheime Leiden und Schmerzen wühlen, wo verborgene Tugenden weben, so viel Wahrheit und Schönheit im Dunkeln strahlt, so viel heimliche Vertraulichkeit, Zartgefühl und Brüderlichkeit gedeihen, so viel Talent und Genie blühen, so viel Witz sprüht, so viel Sittenstrenge, Tugendzucht, steifes Gottvertrauen, männlich starrer Willen, Wissensdrang und Weisheitsdurst die Herzen erfüllen! Und daneben so viel schleichendes Gewürm, so viel Knechtsinn und List und Gier, dumpfe Verknöcherung und lahmes Krüppeltum, Schmach und Trotz und Zank! Und über all diesem erstarrtes Gewühl die große, trübe Trauer! Das schwarze Goluth-Ungeheuer! Die stöhnende Elegie so vieler Jahrhunderte! Und ein Ruf erging an mich: Verlasse die durchwühlten Stätten und die Hütten der Entbehrung, wo alles so schwank und düster ist, und ein Widerspruch das Ganze! Ziehe zu der Herde mit behaglicher Trift. Und ich zog zu der Herde mit behaglicher Trift. Und siehe, diese Herde stöhnt nicht im engen Raum, aber sie gähnt in weiten Hallen. Keine Entsagungspein und keine selbstquälerische Blässe. Nichts wankt, alles ist formgeprägt und festgehalten und erstarrt wie das Weib des Lot, als es zurückschaute. Ja, sie sind an dem Punkt der Erstarrung angelangt, an dem sie an eigner Schwäche Gefallen finden. Geruhig fließt das Bächlein, und alles ist trostlos fahl, und alles beugt das Genick so zahm und stumm, daß man aufschreien möchte. Wo ist das Weben und Wehen eines Volksgeistes? Wo spinnt die Sage? Wo rauscht der Flügelschlag eines Jichtumglänzten Genius? Dort, wo die Diaspora die höhern Weihen des Martyriums empfangen hat, wo man mit Dämonen kämpfte und wo man der hebräischen Leier die heiligsten Töne entlockte, — was ist von all dem geblieben? Menschen des Durchschnitts, hausbacken, nüchtern, verständnislos der Vergangenheit, verständnislos der Zukunft gegenüber!

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