Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 13 (1909)
- Issue
- 30 (23.7.1909)
- Date
- 1909-07-23
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
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672 D1E3§£ELT No. 30 Denn, wenn auch der Geist des Volkes in matten Funken versprüht, in den Tiefen steckt ein Born, der noch Geist erzeugt. Sieh, wie viele zu neuem Leben auferstanden sind, und wie sie dem altvertrauten Stamm entgegenbeben und jauchzen! Sieh, nicht umsonst hast du gelebt und gehofft. War die erste Zeit unseres Erwachens eine„Keduscha", so ist sie jetzt eine „Awodah", — die ernste Arbeitsperiode, der Dienst, das ewige Mühen. In beiden zeigt sich die Größe des führenden Geistes. Sieh, das Saatfeld erglänzt, wenn auch noch nicht erntereif. Nur Kraft zur Arbeit und zum Warten. Das ist Volkskraft, aber sie ist in den führenden Geistern angesammelt, und sie muß ihnen entströmen. Das ist das Gesetz der Auferstehung. Nahum Sokolow MAX NORDAU UND WIR JUNGEN Dem 60jährigen Meister dankbar gewidmet von Georg Hecht, Leipzig Motto: Weite Welt und breites Leben, Langer Jahre redlich Streben, Stets geforscht und stets gegründet, Nie geschlossen, oft gerundet, Ältestes bewahrt mit Treue, Freundlich aufgefaßtes Neue, Heitern Sinn und reine Zwecke, — Nun! Man kommt wohl eine Strecke. Goethe Wir Jungen: Das sind alle im Alter von 17—30 Jahren und noch darüber hinaus, wer nur unser Schicksal teilt und wer, mag er auch noch älter als vierzig sein, nur die Fähigkeit noch hat, dankbar mit uns mitzufühlen. Denn darum ist's uns hier zu tun, aus frohem ganzem Herzen Dankbarkeit zu bekunden. Es war um die Zeit nach den ersten Kongressen; der neue Zionsgedanke hatte uns alle mit Gewalt erfaßt, Begeisterung durchglühte uns ganz, machte uns beredt, und das Feuer der Jugend loderte hell auf, immer neu geschürt von der berauschenden Macht des eigenen Wortes. Damals trat uns Nordau zuerst entgegen. Neben unserm Herzl galt er uns als der Rhetor des Kongresses. Seine klaren, gehaltreichen Reden hinterließen in uns neben dem allgemeinen Eindruck seines starken Temperaments noch etwas Besonderes, über das wir uns selbst nicht Aufschluß geben konnten. Vom Instinkt des schönen Strebens geleitet, nahmen wir seine Reden öfters zur Hand, wir lasen sie nicht nur und trugen sie uns vor, wir studierten sie schon. Wir suchten das Besondere in seinen trefflichen Broschüren über unsere Bewegung, von denen die eine „Der Zionismus und seine Gegner" unübertroffen ist. Wir wurden uns zwar allmählich klar, daß vor allem seine stets neue Parole zur Tat ihm unsere heiße Sympathie erwarb; denn das Schaffen war ja unsere Sehnsucht. Und doch kamen wir von dem Zauberer Nordau nicht los; er hielt uns fest in seinem Bannkreis. Der Ruf Nordaus als Schriftsteller und Kritiker war längst zu uns gedrungen; wir wiesen doch den Gegnern gegenüber gern darauf hin, daß wir diesen in der literarischen Welt rühmlichst bekannten Nordau mit Stolz zu den unsrigen zählen können. Damals nun erschien sein „Doktor Kohn" Dieses Drama war unter uns Jungen sehr beliebt, aber ehe das einzige Exemplar des Verleihers — in Deutschland kauft man keine Bücher, man leiht sie! — zu uns kam, konnte es lange dauern. Dieser junge Doktor, daß waren wir alle. Wie er, wollten auch wir für unser Volk kämpfen und ringen, nur sollte nicht die geringste Rührseligkeit unser Herz in diesem unausweischlichen Kampf erfassen. Wir wollten lebend siegen. Schon war es uns klar — und es hätte einer neuen Kongreßparole vielleicht nicht mehr bedurft — daß wir uns für diesen Kampf und Sieg rüsten müssen. Da rückten wir Turngeräte zurecht, übten die Muskeln, stählten die Nerven, lernten auf Märschen die Freude am Naturschönen und schöpften aus jubelnden Gesängen neue Lust und Zionshoffnung. Wie die berufene Kritik das Drama aufnahm, das kann uns gleichgültig sein; uns ist es unschätzbar; und mag man mich auch über die Achsel ansehen, ich gestehe, daß außer Herzls „Altneuland" keine von allen literarischen Schöpfungen, die der Zionismus mittelbar und unmittelbar hervorgerufen hat, je mich so irn Innersten erfaßt hat, wie heute noch Nordaus „Doktor Kohn". Was war natürlicher, wenn es auch nicht ausgesprochen wurde, als der Wunsch, diesem Geiste sich zu nähern, ihn umfassender zu erkennen? Wir ließen keine Gelegenheit dazu vorübergehn; vertieften uns in den viel zu wenig gelesenen Zeitroman „Die Krankheit des Jahrhunderts"2) und kauften beglückt eine kleine >) Berlin 1899. Hofmann & Co. 2) 2 Bde. Leipzig. 1899. Elischer Nachflg. Redanis Univ.-Bibl. Nr. 1187. Leipzig. Sammlung von anregenden Skizzen: „Seifenblasen"3). Doch die Zeit erforderte etwas anderes. Wir waren in das Alter gekommen, in dem der kritische Verstand jeden plagt. Man sieht sich in der Welt um und findet nur Obel; man haßt sie und negiert endlich aus mißverstandenen Philosophien jeden Daseinswert und findet sich allmählich mit großem Unwillen in einem Konflikt mit sich selbst, weil man sich doch nicht von eben dieser Welt freimachen kann und eigentlich auch gar nicht will. In dieser Herzens- und Gedankennot war Nordau unser Retter und Führer. Es war durchaus nicht zufällig, daß wir uns die „konventionellen Lügen"4) selbst verschrieben; denn wir wähnten, in ihnen eitle Bestätigung für unsere Meinung zu finden, daß auf dieser Erde alles voller Falsch und Lüge sei. Und dieses Buch, das mit unvergleichlichem Scharfsinn alles Halbe geißelt, wurde unser Heilmittel. Nordau, der Arzt, peitschte gar nicht unsere Seelen bis zur Empörung, sondern er beschwichtigte feinfühlend innere Aufgeregtheit mit der nur zwischen den Zeilen zu lesenden Erkenntnis von dem Werden aller Dinge, er gab uns so ein Maß für alles Irdische, er erfüllte uns mit jener Ironie, die sich über alle Gebrechlichkeit der menschlichen „Ordnung" erhebt, und trug uns mit der Kraft seines Temperaments und mit der Güte seinsr edlen Menschlichkeit hinauf in ein Reich der Zukunft, der Wahrheit. Nordau hat uns dem irdischen Boden, dem wir doch angehören, wiedergegeben. Wir drängten ins Leben zurück und sahen die Fülle seiner Formen. Wir ließen uns von jeder Welle tragen und gaben uns ganz hin. Da erschütterte Nordau diese Ruhe der Oberflächlichkeit- Mit dem Zorn eines Gottes erregte er die Wogen, hoch schäumte der Gischt, und als die Welle sich brach, da mochte vieles versinken. Doch wem auch immer dieses Geschick drohte, der schrie laut auf, — und mancher „demoliert und schreit" noch heute (um eine epigrammatische Pointe Goethes zu gebrauchen): „Schlagt ihn tot, den Hund! Er ist ein Rezensent!" Einen solchen Entrüstungssturm hatte Nordau durch sein Buch „Entartung"5) damals hervorgerufen. Die Parnassief, Diaboliker, die Dekadenten und alles in der modernen Literatur, was dazu gehört, waren aufs höchste getroffen; sie „schrien" so laut, daß Nordau noch heute totgeschwiegen wird. Es ist hier nicht unsere Aufgabe, die Kritiker des Kritikers Nordau zurechtzuweisen. Wer mit Verstand die beiden Bände der „Entartung" liest, der wird die Irrtümer des zornigen Meisters nicht verkennen, aber auch nicht die Wahrheiten. Was uns betrifft, bekennen wir ehrlich, daß wir vieles mit Nutzen aufgenommen haben; manche überraschende Parallele haben wir nie vergessen, der Eindruck einer hochstehenden Persönlichkeit, die sich selbstbewußt der ganzen Welt entgegenstellt, ist nie verwischt worden. Dieser mutigen Persönlichkeit folgen wir noch weiter; ihre Lebensäußerungen sind uns heute immer mehr eine labende Quelle. In diesen Tagen nehmen wir wieder die fast unerreichten Kulturstudien „Vom Kreml zur Alhambra"6) zur Hand, und wenn wir auf diesem Wege in Paris anlangen, dann machen wir Halt. Dieses „Paris"7) kennen wir schon aus des Meisters Studien und Bildern und seinen Briefen 8). Wir eilen, ohne den vielen Sehenswürdigkeiten gerecht zu werden, zu des Meisters Wohnung, In dem Augenblick, da er uns empfängt und vor uns tritt, durchfliegt der Gedanke noch einmal alle Wirkungen, die jener Mann in uns erweckt, von der ersten Rede, die wir von ihm gelesen, bis zu diesem Augenblick. Das Sonderbare, das von diesem Manne ausgeht, kommt uns sofort zum Bewußtsein. Stark dringt der Grundton seines Wesens zu uns: Erkennen sollst du, 4) 18. Aufl. Leipzig 1884. Elischer Nachflg. •••) 2 Bde. Berlin 1892. Duncker. «) 2 Bde. Leipzig 1889. Elischer Nachflg. 7) Leipzig 1881. Ebenda. K) „Paris. Briefe." Leipzig 1887. Waztig.