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Die Welt · 1909-07-23 · 30 (23.7.1909) · page 19

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
30 (23.7.1909)
Date
1909-07-23
Page
– (sequence 19)
Language
German
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No. 30 diee|kelt 669 habe er nichts gemein. Das ist der Punkt, auf dem es schwer wird, dem Dichter Recht zu geben. Moser, den wir in einer zunehmenden tragischen Läuterung kennen lernten, darf nicht zu einem solchen Schlußräsonnement geführt werden. Mit armen Leuten aus dem Lebenskreise des Ehepaares Kohn hätte der Geheimrat auch dann keine Interessen und Gedankengemeinschaft, wenn sie keine Juden wären. Ihre Beschränktheit, Armseligkeit ja ihre Lächerlichkeit und sogar ihre Verächtlichkeit, kann die historische Tatsache der Volksgenossenschaft nie und nimmer aufheben. In einem Volke gibt es verschiedene Leute mit verschiedenen Gewohnheiten, Gedanken, Gefühlen, Tugenden und Niederträchtigkeiten. So eng ist die Gemeinschaft der Einzelnen im Volke nicht, daß eine völlige oder auch nur annähernde Übereinstimmung gefordert werden könnte. Von einer Partei kann man sich lossagen, nachdem man ihr angehört hat; von seinem Volke nicht, wenigstens nicht, solange es bedrängt ist. Da muß vielmehr jeder zu den Fahnen heim eilen, wie weit er sich auch entfernt habe. Daß nun Herr Moser sich zum Schluß mit dieser Ausrede von der Verschiedenheit zwischen seinen und den fromm-jüdischen Anschauungen beschwichtigt, läßt ihn schwächlicher erscheinen, als es sich im Verlaufe der Handlungen zeigte. Und dem energischen Lehrsatze des Stückes wird im allerletzten Augenblick die Spitze abgebrochen. Dennoch wollen wir unsere Freude an diesem mächtigen Drama haben. Den Leuten außerhalb des jetzigen Ghettos wird es sagen, daß das Judentum nicht tot ist, weil es in einer Zeit schwerster moralischer Leiden noch imstande ist, Blüten zu treiben, welche nur ein unverzagtes, unverwüstbares Volk hervorbringen kann: nationale Kunstwerke. Dr. Kohn sagt in dem Stücke, bevor er verschwindet: „Vielleicht bin ich nur darum in dieser unglücklichen Lage, weil nicht immer jeder einzelne Jude sich gegenwärtig gehalten hat, daß der Haß der Feinde ihm die Würde eines rechtmäßigen Vertreters seines ganzen Stammes aufnötigt. Was heute in diesem Räume aufeinanderstieß, das waren Jahrtausende alte Strömungen der Weltgeschichte . . . ,u Nicht besser läßt sich der gewaltige Inhalt dieses zionistischen Dramas kennzeichnen. Was im Räume seiner Handlungen aufeinandergerät, sind Jahrtausende alte Strömungen. Es ist voll von Geschichte und Gegenwart, und ergreifend ist es, wie die Wahrheit. AUFERSTEHUNG Max Nordau gewidmet Blinkende Schimmer, helle Klänge, Zauberdüfte! Ein stilles, strahlendes Aufleuchten geht voran. Der Schleier des grauenvollen Geheimnisses der dämmernden Schöpfung liegt noch ausgebreitet. Zitternden, bleichverträumten Nebeln entsteigt ein Leuchten, schießt aus dem Gewimmel zaghaft matter Schatten Morgenrötepfeile, die das bleifinstere Gewölbe erhellen. Luftige, verstreute Chöre entquellen den blühenden Saiten der goldenen Himmelsleiern. Ein süßes Beben durchdringt die Sphären. Engelscharen flattern einander zu. Auf morgenfrohen Schwingen segeln Cherub und Chaschmal. Die wonnige Beseelung des Erwachens! Die „Schirah" wird angestimmt. Ein singendes All. Die Harmonienwellen, die von den Himmelshöhen in einen uferlosen Strom fließen, vereinigen sich mit dem Säuseln auf Feld und Wiese, mit all den flüsternden Seraphimfrühlingsströmen, mit dem heitern Zwitschern des beschwingten Völkchens der Lüfte, mit der himmelhochjauchzenden Verkündigung der Lerchen-Singraketen, mitdem Brausen der Flüsse, die noch von dumpfen, schwankenden Nebeldünsten, wie von Leichentüchern umgraut sind, mit dem Geräusch brechender Knospen, mit den Millionen von Klängen und Tönen, durch die die unerschöpfliche Tiefe des Seins redet. Eine „Keduscha" umrauscht das All. Donnergleich schmettert ein gewaltiger Hymnus der Auferstehung. Er jauchzt in übermächtig flammender Freude. Laut und lauter wächst er im Siegeslauf seiner Akkordenherolde zu einem Sturmgedröhn wilden Triumphes der Lust und des Verlangens. „Wo ist der Ort seiner Herrlichkeit?" Her mit der Urkraft! Über ferne Heiden, über Waldespfade, über Meere und Wolken... wo, wo! Aber in demselben Hymnus murmeln stille Seligkeiten die Antwort. Sie kosen und trösten wie Zephirlüfte. Sie schwingen sich ans Herz, dringen in die Seele und sprengen mit sanfter Gewalt die Ketten eiskalter Verzweiflung und die glühenden Zangen unbändigen Verlangens. Die Seraphim flöten süß: Heilig, heilig, heilig! Die ganze Welt ist voll des Einen Herrlichkeit. Und jubelnd braust es ringsum. Eine flutende sieghafte Freudigkeit durchrieselt all die Schöpfungsrinnen, lebende Kräfte und befruchtende Triebe fließen in Strömen. Engelmilde Lebenshoffnungen erwachen, zarte, unerforschliche Düfte entsteigen dem Erdenschoß. Die auferstandenen Sphären lüften ihre goldenen Strahlenfittige in hohem Pulsschlag einer sich verjüngenden Schöpfung; die Engel, die die Pflanzen zum Wachstum treiben, enteilen mit den saatreichen Winden in tollem Jagen; Welten schmücken sich in satten Farben; die Funken sprühen purpurn in blauer Luft, in grüner Flur, in goldroter Wolke und in silberglitzender Welle. Alles tummelt sich in Sonne und Liebe und Erlösung. Der Frühling ist da! — Ich siede, ich rolle, ich lebe! Heilig, heilig, heilig! Das wonnige, das prächtige, das ewige Sein! Es verschwinden die jungfräulichen Nebel geheimer Angst, das irre Bangen des ersten Erwachens, das träumende, scheue lullende Fächeln zitternder Morgensterne, das bebende Gemurmel des Wiegenliedes des jungen Tages, das zage Triefen des zerrinnenden Gewölks. Triumphierend ruft der sieghafte, riesig erstarkte Geist des Lebens. Er schwingt sich in alle Ecken und Enden der Erde. Er hämmert mit Donnerkeulen und zerschellt die starren Krusten. Er umrauscht mit erschütterndem Getöse die schweigenden gramesmatten Winterfluren, und mit wilden Blitzen umflammt er die gespenstig graue, regungslose Faulheit kümmerlichen Behagens und dumpfer Sklaverei. Licht, Klang, Seligkeit, Auferstehung, Freude sät er überall.

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