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Die Welt · 1909-07-23 · 30 (23.7.1909) · page 18

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Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
30 (23.7.1909)
Date
1909-07-23
Page
– (sequence 18)
Language
German
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und Landwehrhauptmann a. D. Er ist ein gar stattlicher Herr, sehr angesehen, reich, mit der adeligen Offiziersfamilie der Herren von Quincke verschwägert. Seine Frau ist eine geborene von Quincke, seine Söhne sind stramme Antisemiten, der ältere Leutnant im Leibregiment, der jüngere Bursch im schneidigen Korps der Franko-Thuringen. Kurz, Herr Moser hat es so weit gebracht, als er es nur bringen konnte; jede Spur seines unauslöschlichen Geburtsmakels scheint verwischt zu sein. Denn Herr Moser hat mit seinem Namen einen gelungenen Buchstabenwitz gemacht — er hieß ursprünglich Moses! Er ist ein getaufter Jude, aber so herrlich assimiliert, daß ihm keiner, der es nicht wüßte, die Schande antun könnte, ihn für einen Sohn des verachteten Volkes zu halten. Auf den jüdischen Wildling ist ein deutsches und adeliges Reis gepfropft, und die Sprossen, die er getrieben hat, die Söhne, erinnern ihn in nichts mehr an den alten Stamm, sie wollen auch durch nichts mehr daran erinnert werden. Aber Herr Moser, ne Moses, hat auch ein Töchterlein, Christine, und von dieser Seite bricht das Ungemach herein. In der kleinen mitteldeutschen Universitätsstadt hat sich nämlich ein Privatdozent derMathematik,ein gewisserDr.Leo Kohn, habilitiert. Dr. Kohn lernt Christine kennen und lieben, und sie liebt ihn wieder. Er wagt es nicht, um sie zu werben, solange er nur Privatdozent ist, und die Professur will man ihm nicht geben, weil er ein Jude ist und Kohn heißt. Aber bei der Preisausschreibung der Stockholmer Akademie gewinnt er den Weltpreis für Mathematik, und da ihm nun eine Professur, wenn auch nicht an dieser Hochschule, sicher ist, entschließt er sich, als Freier vorzutreten. Vorher hatte ihn der ihm übrigens wohlgesinnte Rektor der Universität verständigt, daß der Senat Kohns Gesuch um Ernennung zum außerordentlichen Professor abschlägig beschieden habe, weil die Satzungen der Hochschule diese als eine christlich-evangelische hinstellen. Dr. Kohn beruft sich hiergegen vergeblich auf die Verfassung, welche Gleichberechtigung statuiert. Er meint aber, daß durch dieses Bekennen der Farbe doch etwas gewonnen sei. „Die Lüge der Gleichberechtigung ist vor aller Augen aufgedeckt, es wird amtlich verkündet, daß die Verfassung ein Fetzen Papier sei, an den man sich nicht zu kehren hat." „Rektor Kielholt: -Regen Sie sich nicht unnütz auf, mein guter Dr. Kohn. Ich meine, Sie sollten dieses Farbebekennen nicht so eifrig wünschen. Maßgebende Persönlichkeiten, die heutzutage die Gleichberechtigung wenigstens noch theoretisch und grundsätzlich anzuerkennen heucheln, verdienen dafür immerhin einigen Dank. Denn sie üben Rücksicht zu ihrem eignen Schaden. Sie verzichten auf sichere Volkstümlichkeit, wenn sie sich die Mühe nehmen, um den Brei zu gehen, statt stramm zu erklären: Juden haben nichts zu fordern und nichts zu erwarten.« Kohn: »Nun ja. Das ist wenigstens ein klarer Standpunkt. Ich ziehe ihn der Zweideutigkeit vor.«" Und an einer spätem Stelle: „Kielholt: » .... Wenn Sie in Fechterstellung fallen und im Namen der Gleichberechtigung vom Leder ziehen, so ist dies der größte Fehler. Ich wollte, ich könnte dies allen Ihren Stammgenossen beibringen. Sie tun, als hätten Sie etwas zu fordern. Schließlich haben Sie uns doch die Gleichberechtigung nicht mit bewaffneter Faust abgetrotzt. Sie ist doch kein zweiseitiger Vertrag. Wir haben sie Ihnen freiwillig zugestanden, sie ist ein Geschenk, und den Umfang des Geschenkes hat der Geber allein zu bemessen.« Kohn: »Das ist das tragische Mißverständnis zwischen uns. Wir bilden uns ein, in unserer Eigenschaft als Menschen den vollen Anspruch auf alle Menschenrechte zu haben, wenn Sie den Juden als Menschen anerkennen. Ihre stillschweigende Voraussetzung ist, daß der Jude die Menschenwürde nicht natürlich besitzt, sondern sie erst erlangt, wenn Ihre Gnade sie ihm ausdrücklich verleiht. So lange selbst die gerechtesten und wohlwollendsten Christen so fühlen, ist der Abgrund zwischen uns freilich unüberbrückbar. <" Dr. Kohn wirbt also auf Grund des errungenen Preises, der ihm eine gesellschaftliche Stellung verbürgt, um Christine. Herr Moser ist davon nicht angenehm berührt, aber in einer großen Unterredung, die mehr ein Kampf als ein Gespräch ist, ringt ihm Kohn Achtung und Zustimmung ab. Nun beginnen die Kämpfe in der übrigen Familie. Frau Moser, geborene von Quincke, ist entsetzt, weil ihre Tochter dasselbe tun will, was sie einst tat: einen Juden heiraten! Freilich, der Jude Kohn, der ein Jude von heute ist und das zionistische Ideal in seinem Kampfgespräche mit Moser wie eine Fahne aufrollte, will nicht unterducken, während der Jude Moses zu jeder Selbstpreisgebung bereit war, um Fräulein von Quincke heimführen zu dürfen. Frau Moser ruft ihren Bruder, den Superindenten von Quincke, zu Hilfe. Dieser macht alle Anstrengungen, Moser von der Verbindung mit dem Juden Kohn abzubringen. Aber das merkwürdigste tritt ein. Von jedem Grunde, den der geistliche Herr gegen Kohn anführt, fühlt sich Moser in seiner Person getroffen. Kohn sei ein Fremder, ja, dann ist es auch er, Moser, geborener Moses. Man dürfe Kohn nicht in die Familie aufnehmen, ja, dann ist auch Moses nicht hier zuhause. Der Gedankenaustausch wird zum Streite, führt zum Bruche zwischen den beiden Männern, die ein lebenslängliches Kompromiß geschlossen zu haben wähnten. Moser weist im höchsten Grimm seinem Schwager und Widersacher die Türe. Kohns Sache ist ihm zur eignen geworden. Da stehen ihm in seinen Söhnen die Gegner auf, und dadurch erreicht das Trauerspiel der Assimilation den Höhepunkt. Die beiden jungen Herren lehnen sich wider ihren Vater auf, weil er einen Juden zum Schwiegersohne nehmen will. Der Student benimmt sich ungezogen und wird von seinem Vater dafür mit körperlicher Züchtigung bedroht. Karl, der Offizier, aber lehnt sich in einer artigem, kältern,freilich noch unerträglichem Form auf. „Karl: »Wenn wir in einer Gesellschaft leben wollen, so haben wir uns ihrem Ehrbegriff zu unterwerfen. Der Ehrbegriff unserer Gesellschaft gestattet keine Verschwägerung mit einem Juden.« Moser: »Das sagst Du, der Du selbst Jude bist?« Karl (ausrufend): Ich?« Moser: »Ich denke!« Karl (sich beherrschend): »Du willst mich demütigen, Vater.« Moser: »Dein Vater ist Jude und Du bist es genug, daß Du Dich schämen solltest, derartige Redensarten zu wiederholen.« Karl (finster): Das hast Du mir nie gesagt.« Moser: -Es war das Unrecht meines Lebens.<" So weit ist also der Geheimrat und Landwehrhauptmann a. D. gelangt, daß er sein verleugnetes, vergessenes Judentum selbst hervorholt und es seinem Sprößling ins Gesicht wirft. Dieser freilich will sich nicht ergeben. Als Kohn erscheint, beschimpft ihn der Leutnant. Das Duell ist unvermeidlich. Kohn wird von der Kugel des Leutnants getroffen. Die armen Eltern des zu Tode Verwundeten kommen nun in das Mosersche Haus, wo er liegt. Er stirbt. Als Moser diese beiden, in ihren alten jüdischen, ihm selbst fremd gewordenen Gebräuchen erstarrt und verknöchert sieht, meint er, daß sie seinem Abfall vom Judentum Recht gäben. Mit solchen Leuten

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