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Die Welt · 1909-07-23 · 30 (23.7.1909) · page 17

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
13 (1909)
Issue
30 (23.7.1909)
Date
1909-07-23
Page
– (sequence 17)
Language
German
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wohl in Jaffa als auch in Obergaliläa sein kann, von wo man auch leicht nach Beirut, Damaskus sowie nach der so häufig durch ansteckende Krankheiten gefährdeten Mekkabahn gelangen kann. Haiffa ist außerdem ein angenehmer Aufenthaltsort, wo man nicht ohne Anregung ist und die prachtvolle Umgebung von Meer und Gebirge genießen kann. Während Jerusalem die Stadt des Studiums, Jaffa die des Handels bleibt, ist Haifa dazu ausersehen, die Stadt der Technik, die Zentrale der angewandten Naturwissenschaften zu werden. Hier wird das Technikum errichtet, hier entsteht die landwirtschaftliche Versuchsstation und hier wird das mikrobiologische Institut voraussichtlich seinen Sitz haben. Möge es die erste Knospe sein eines Kranzes medizinischer Anstalten. Das Land Palästina wird erst wieder unser sein, wenn wir es nicht nur nach dem Herzen, dem Schweiß und Qeld, sondern auch nach dem Geiste zurückerobert haben werden. O. Warburg NORDAUS „DOKTOR KOHN"*) Von Benjamin Seff Dieses Drama, das sie heute nicht zu spielen wagen, wird dennoch bleiben. Es ist von dem robusten Wuchs der Werke, welche dauern. Grillparzer durfte sagen: Mag unsre Zeit mich bestreiten Ich lass' es ruhig geschehn —, Ich komme aus anderen Zeiten Und hoffe in andre zu gehn. — Das gilt auch von dem neuen Stücke Max Nordaus. Er kann es ruhig geschehen lassen, wenn ihn die einen beschimpfen und die andern verschweigen. Sein „Doktor Kohn" wird in spätere Zeiten hinübergehen und melden, was unsere Tage waren. Und zum beredten Werke gesellen sich nun auch dessen Schicksale in der Öffentlichkeit. Künftig wird man staunen und schaudern über die Verlogenheiten und Feigheiten, mit denen ein so ehrliches Stück Poesie zu kämpfen hatte, und all das wird nur den Ruhm des aufrechten Dichters vermehren. Die unterwürfigen Erfolghascher mögen sich ducken und vor der geltenden öffentlichen Meinung kriechen; wer ein Mann ist, findet seine höchste Lust darin, er selbst zu sein. Was wäre das Schreiben von Büchern und Stücken für eine elende Beschäftigung, wenn man nur die herrschenden Ansichten der Menge wiedergäbe. Manche kostbaren und überfeinen Poeten finden ja den geschickten Ausweg, dem Streite der Meinungen einfach auszuweichen. Sie schlagen sich vom Brande der Tagesfragen weg einfach seitwärts in die Büsche. Sie singen wie der Vogel singt. Die Kunst soll nur um der Kunst willen da sein, und was noch solchen Gefasels mehr ist. Wir aber meinen, daß die Kunst vor allem einen Sinn haben müsse, und das kann kein anderer sein, als der Sinn des wirklichen Lebens, das wir schluchzend und lachend durchmachen. Eine Beziehung auf denjenigen Teil des Lebens, der uns am vertrautesten ist, auf unsere eigne Gegenwart, die ja nicht nur aus Verlobungen und Ehebrüchen besteht, wird daher nichts Unpoetisches sein. Man hat es in den letzten Jahren allgemein sehr lobenswert gefunden, daß literarische Bühnenwerke die Lokalfarbe von Städten und Bezirken, ja sogar den Dialekt getreu brachten. Aber die Darstellung der Zeitbewegungen ist verpönt Und doch ist das nur eine chronologische Lokalfärbung menschlicher Schicksale. Zwar die Sozialisten haben ihrem Gegenwartsdrama doch allmählich die bürgerliche Achtung erzwungen. Aber wenn auch die soziale Frage gedichtet und endlich gespielt werden durfte, so ist das noch lange nicht der Fall bei andern Fragen. Unsere zum Beispiel, die Judenfrage, darf nicht in die höhere Literatur eintreten. Erstens, weil sie schon endgültig behandelt ist in Lessings „Nathan"; zweitens, weil es eine Judenfrage überhaupt nicht gibt; drittens, weil diese Frage die Eigenschaft besitzt, alle Leute furchtbar aufzuregen. Es ist, wie man sieht, ungefähr *) Diese klassische Kritik des bedeutsamen Werkes aus der Feder Theodor Herzls erschien in Nr. 3 des 3. Jahrgangs der „Welt". das bekannte Räsonnement um den zerbrochenen Topf, den der Entlehner erstens ganz zurückgegeben hat, der zweitens schon beim Ausleihen gebrochen war und drittens überhaupt nicht ausgeliehen wurde. Die Leute, welche Lessings „Nathan" für das letzte dichterische Wort in der Judenfrage halten, sind ungefähr ebenso gescheit als die, welche Freytags „Journalistenu für ein definitives Werk über die Zeitungsschreiberei ansehen. Ah, gewiß, das waren merkwürdige Werke für ihre Zeit, aber die Zeit ist anders geworden. Für den Mendelssohnismus — wenn der Ausdruck gestattet ist — war „Nathan" wohl das letzte Wort, und keinem von uns fällt es ein, dieses Wort und die ihm korrespondierende Bewegung im Judentum gering zu schätzen. Aber die Geschichte der Juden ist weitergegangen, nicht ohne große neue Schmerzen. Schon sind die Zeiten, die für den Dichter des „Nathan" die spätem waren, vorüber. Die Judenfrage sucht eine andere dichterische Gestaltung, und es ist im Zusammenhange mit der ganzen Art, wie sich neuerlich die Geschicke unseres Volkes entwickeln, wenn es jetzt Juden selbst sind, die nicht mehr im Ghetto, nicht mehr im vertraulichen Flüstertone der Jargondichtung, sondern vor aller Welt das poetische Wort zur Judenfrage ergreifen. So wie wir Zionisten zu Basel eine politische Tribüne in Europa aufgerichtet haben, wo wir sagen können, was uns am Herzen liegt, so suchen wir auch die literarische Gelegenheit für diesen gleichen Zweck zu schaffen. Die Sitzung dauert fort! wie jener französische Kammerpräsident sagte. Max Nord au hat das Wort. Und wie in Basel für die Hörer, wenn dieser köstliche Redner die Rednerbühne besteigt, um in großartigen Zügen die Zustände der verstreuten Judenheit im abgelaufenen Jahre zu schildern, ist es ein festlicher Augenblick für den Leser des Buchdramas. „Doktor Kohn" ist das Trauerspiel der Assimilation. Einzelne alberne Burschen, die in verschämt jüdischen Blättern darüber schrieben, haben den Sinn des Stückes natürlich vollkommen mißverstanden. Oder will es der Schick der verschämt jüdischen Blätter — das sind solche, die nur von Juden gemacht und zumeist von Juden gelesen werden —, daß man die Sache nicht zu verstehen scheine. Sie meinten, es wäre dem Dichter darum zu tun gewesen, in der Gestalt und im Schicksal des „Doktor Kohn" zu zeigen, wie unangenehm es zu Ende des neunzehnten Jahrhunderts sei, ein Jude zu sein. Ganz falsch. Der Dichter wollte vielmehr darlegen, wie unangenehm es — von der Nutzlosigkeit abgesehen — sei, wenn man sein Judentum verleugne. Ein „bürgerliches Trauerspiel" heißt das Stück. Nun, das Bürgerliche darin ist der Fall des Julius Christian Moser, während die daneben einhergehende Tragödie des „Doktor Kohn" eigentlich eine romantische ist Das Stück spielt in einer kleinen mitteldeutschen Universitätsstadt. Da lebt Julius Christian Moser, ein Geh. Kommerzienrat

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